Leseschwäche

Leben mit Literatur

Und immer taugt der Taugenichts

Immer draußen, immer in der Natur: Der Taugenichts taugt nicht für die Enge von Räumen, er bricht lieber auf, reist aus dem Süden Deutschlands über Felder und durch Wälder in die ewige Stadt.

Wer vernünftig ist, bleibt zuhause und wird Müller. So wie der Vater. Und das hätte ja auch so sein können in der Novelle Aus dem Leben eines Taugenichts von Joseph von Eichendorff. Doch da Literatur gern von Aufbrüchen handelt, macht sich unser Held auf den Weg.

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Aus dem Jetzt die Zukunft reparieren

So habe ich mir Science Fiction immer vorgestellt: H.G. Wells und Die Zeitmaschine. Der Film aus den Sechzigern ist Trash, das Buch feinste Literatur.

Auf der Suche nach trashiger Unterhaltung stieß ich auf die unzählige Male gesehene Verfilmung von Die Zeitmaschine von H. G. Wells. 1960 gedreht, hatten die Macher um George Pal (das Drehbuch stammt von David Duncan) einige Vorteile, was die „Zukunft“ betrifft. Sie wussten um die beiden Kriege und den Atom-Wahn der Nachkriegsjahre. Der Autor der Vorlage wusste das nicht. Gut, dass ich dann auch nochmal das Buch gelesen habe.

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Im Spiegelbild einer dunklen Welt

Bei Insel erschien 1978 diese Ausgabe mit Poe-Erzählungen. Sie gefällt mir auch wegen der schaurig-schönen Stiche von Harry Clarke.

Pest, Cholera und Corona: Pandemien sind gerade in aller Munde. Für die Literatur sind sie ein gefundenes Fressen. Mir fällt da Die Maske des roten Todes von Edgar Allan Poe ein. Die zeigt anno 1842 auf erhellende Weise, wie der allgemeine Verfall fatal verkannt wird.

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Wenn Literatur ins Licht führt

Boyle führt nicht hinters, aber ins Licht. Die Protagonisten suchen in Wirklichkeit nach Gott oder „danach, was alle Gott nennen.“

Das ist ja so schön an der Literatur: Sie erspart dir den Konsum harter Drogen. Ärgerlich nur und tragisch, dass mancher Schriftsteller in eine Stellvertreter-Position rücken musste. Edgar Allan Poe kannte sich aus wie viele spätere Literaten, der wunderbare Georg Trakl war als Apotheker-Lehrling nah dran und wir wissen, dass auch der, um den es in diesem Beitrag geht, mit „modernen Drogen“ seine Erfahrungen gemacht hat. Wie sonst könnte in Das Licht von T.C. Boyle so authentisch über das durch synthetische Substanzen erweiterte Bewusstsein geschrieben werden? Ich jedenfalls war vollends berauscht.

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Die Pest braucht keine Pandemie

Auch wenn die Pandemie längst Geschichte ist: Die Pest bleibt lesenswert.

Gerade wird Die Pest von Albert Camus wieder massenhaft gelesen. Aus gegebenem Anlass. Aber eigentlich braucht der 1947 erschienene Roman keine Pandemie wie Corona. Der schwarze Tod, um den es hier geht, ist für Camus ein viel weiter greifendes Synonym, das eigentlich immer aktuell ist. Es geht um die Absurdität im Ausnahme- oder besser: im Belagerungszustand, das menschliche und unmenschliche Mit- und Gegeneinander, vor allem auch um die eigene Kriegserfahrung. Ganz am Ende bleibt ein Lebensrezept, ausgestellt von Bernard Rieux. Der darf das, denn er ist Arzt.

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Seiltanz in die Katastrophe

Tyll kann überall sein, und überall verdeutlicht er die Schrecken der Zeit mit seinem derben Humor. Das ist verstörend, aber erhellend.

Der Dreißigjährige Krieg bleibt ein kollektives Trauma. Wohl jeder, der sich auch nur ansatzweise für Geschichte interessiert, kennt die Bilder der Galgenbäume. Wenn dann noch ein Spaßmacher durch die dunklen Zeiten wandelt, kann das verstörend sein, aber auch erhellend. So wie in Tyll von Daniel Kehlmann.

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Der Mensch ist halt ein eitles Ding

Ich habe die Terranauten gelesen und musste lachen. Und das, obwohl der Roman eigentlich nicht lustig ist.

Ein hoffnungsfroher Roman ist Die Terranauten von T.C. Boyle nun wirklich nicht. Das muss Satire aber auch nicht sein. Hier geht es vordergründig um das Experiment einer völlig eigenständigen Welt innerhalb der Welt – was natürlich beim ersten Versuch daneben gegangen ist und auch bei der Zweitauflage, um die es in der Haupthandlung geht, nicht wirklich funktioniert. Auch wenn das die „großen Brüder“ anders sehen.

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Jeder lügt sich sein Leben irgendwie zurecht

Maren gibt nicht auf, sie sucht nach dem Leben. Sonderlich talentiert ist sie dabei aber nicht.

Wer sich selbst belügt, kann ein gutes Leben haben. Weil sie oder er gar nicht weiß, dass die Lüge eine Lüge ist. Schwierg wird es nur, wenn besagte Person kein Talent zur Lüge hat. So wie Maren, zunächst 19-jährige Hauptfigur in Die untalentierte Lügnerin von Eva Schmidt. Sie leidet vor allem an der familiären Situation, die sie auch nach dem Auszug zuhause nicht loslässt. Doch was ist passiert?

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Die Trutzburg der Bekloppten

Biedere Bilder auf dem Buchumschlag des neuen Romans von Jörg-Uwe Albig. Zornfried ist eine kluge Nazi-und Mediensatire. Der Text hat mich an eine lange zurückliegende Episode aus meinem eigenen Berufsleben erinnert.

Wenn ein freier Journalist über Nazis berichtet, hat er gute Chancen, zahlungswillige Abnehmer zu finden. Jan Brock weiß das und nutzt die Gelegenheit, sich auf die Spur einer gruseligen Klientel setzen zu lassen: nämlich auf die jener braunen Zeitgenossen, die ihren eigenen Faschismus hinter verschlossenen Türen und tief im deutschen Wald zelebrieren. Zornfried von Jörg-Uwe Albig spielt im Spessart und ist sowohl Nazi- als auch Mediensatire. Der Autor, selbst Redakteur und Korrespondent, hat einen scharfsinnigen Roman geschrieben. Ich habe mich keine Sekunde gelangweilt – und mich sogar an ein Jahre zurückliegendes Kapitel aus meinem eigenen Berufsleben erinnert.

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