Ein wieder mal entlarvendes Leseerlebnis: Boyles Terranauten zeigen, wie der Mensch wirklich ist. Dass sich die Geschichte unter einem nicht blickdichten Brennglas abspielt, ist ein gut funktionierender Kunstgriff. Ganz schließen lässt sich der „geschlossene“ Raum nämlich nicht.

Das erste Experiment war gescheitert, weil sich einer der Eingeschlossenen am Finger verletzt hatte. Sie hatten es Biosphere 2 genannt – und es sollte ein von der Erde (Biosphere 1) völlig autarkes Ökosystem sein. Öko allein aber funktioniert nicht, solange es den Menschen gibt. Dass T.C. Boyle bei der fiktiven zweiten Chance dann noch eine Mediensatire draufpackt, macht Die Terranauten nur noch lesenswerter, weil auch da Menschen agieren. Und die haben eben ihre Eitelkeiten, wollen lieben und haben Hunger.

Vier Frauen und vier Männer lassen sich vier Jahre lang unter einer luftdichten Kuppel einschließen, in einer Art Gewächshaus mit 4.000 Pflanzen und Tieren. Fernziel ist das Überleben der Menschheit auf dem Mars, schließlich haben wir die erste Biosphere beizeiten heruntergewirtschaftet.

Boyle erzählt aus drei Ich-Perspektiven: Wassermanager, Kommunikationsoffizier und Selbstdarsteller Ramsay Roothorp, Nutztierwärterin Dawn Chapman und ihre „Eigentlich-Freundin“ Linda Ruy, die nach dem Auswahlverfahren leider nicht zu den Eingeschlossenen gehören darf. Dass sich daraus Neid und Zwietracht entwickeln, ist absehbar. Irgendwie hofft Linda, beim nächsten Mal dabei zu sein.

Um Paul Watzlawick zu bemühen: Man kann nicht nicht kommunizieren. Die medienaffine Firma Mission Control, die mich durchaus an den Großen Bruder bei Orwell erinnert, will alles im Griff haben, kann aber auch nicht verhindern, dass die Protagonisten sich anders näher kommen als auf wissenschaftlicher Ebene. Dabei wirkt GV, der als Gottvater über allem schwebt, durchaus bedrohlich, wie bei Dawns Beschreibung deutlich wird: „Es war nach zehn am Abend, und ich wollte nur schlafen, aber GV kannte keine Bürozeiten, und wenn er einen sprechen wollte, dann war man zu sprechen, ganz gleich, zu welcher Stunde.“ Einem solchen Typen erzählt man besser, was er hören will.

Das eigentlich Fesselnde an diesem Roman ist nicht die rational-wissenschaftliche Möglichkeit, es ist die Innensicht von Menschen, die in Extremsituationen agieren. Diese Situationen wirken im Ich noch einmal dramatischer, da dieses Ich weiß, dass es von allen beobachtet wird. Ohne privaten Raum – das haben die unsäglichen Fernsehformate im wirklichen Leben gezeigt – agieren Menschen anders, sie wissen, dass sie in Szene gesetzt werden. Der Mensch reduziert sich im Zweifel auf seine Urinstinkte: Essen und Fortpflanzung. Insofern fallen alle Hüllen.

T.C. Boyle, Die Terranauten, aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren, erschienen bei Hanser, 2017