Gefangen im Ich

Zum Bahnhof raus und einfach verschwinden. Der Antiheld in Hesses Novelle meint, alles hinter sich zu lassen.

Er ist ein Mustermann, angepasst und klein. Und genau so heißt er auch: Klein, Friedrich Klein. Bankbeamter, Familienvater, bürgerlich im besten Sinne. So könnte es weitergehen. Immer. Aber so darf es nicht weitergehen. Wer bin ich eigentlich? Bin ich dieser Mensch, der so angepasst leben will und kann? Verdammt! Ich habe keine Chance, mich in den Zwängen meiner Welt selbst zu finden, ich bin nicht der, der ich für alle anderen bin. Die Folge: Klein bricht aus, fantasiert über die Ermordung seiner Frau und der Kinder, so wie es der Lehrer Ernst August Wagner im echten Leben gemacht hat, nach Richard Wagner wichtigster Namensgeber der Novelle Klein und Wagner von Hermann Hesse.

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Antike Erfahrung

Der Goethe-Klassiker funktioniert noch – mit ein bisschen Übung. Oder man lässt ihn sich einfach von Gert Westphal vorlesen.

Hermann und Dorothea ist für Johann Wolfgang Goethe 1797 der dringend notwendige Erfolg. Wilhelm Meister empfanden manche als langweilig (Charlotte Stein zum Beispiel), außerdem will der Geheimrat das Geld mehren – obwohl er als Beamter schon über ein gutes Einkommen verfügt. Vielleicht hat Goethe aber schon das Landgut Oberroßla im Blick, auf dem er mit Christiane Vulpius leben will – durchaus möglich. Seinem Verleger Vieweg reicht er einen Umschlag, in dem die leicht ungehörige Honorarfordung von tausend Talern in Gold steckt. Und der greift tatsächlich zu – und der Versgesang wird das bis dato populärste Stück Goethes nach Die Leiden des jungen Werther.

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So fing es an

Sie haben ihren Zauber nie verloren, auch für mich nicht: Die Merseburger Zaubersprüche. Wolfgang Beck hat alle Informationen zu den heidnischen Texten zusammengetragen.

Jede Geschichte deutschsprachiger Literatur, die etwas auf sich hält, nennt früh die Merseburger Zaubersprüche. Und das ist in mindestens zweifacher Hinsicht kein Wunder: Die Texte gelten als eines der wenigen frühen Zeugnisse, die einen Bezug zur germanischen Mythologie haben, sind aber im christlichen Umfeld aufgezeichnet. Außerdem liest sich die Entdeckung durch den Historiker Georg Waltz (1813 bis 1886) wie ein Krimi. Hinzu kommt natürlich eine Rezeptionsgeschichte, die besonders in der Literatur sehr faszinierend ist, wie ich finde. Wer sich einen guten Überblick verschaffen will, liest Die Merseburger Zaubersprüche – Eine Einführung von Wolfgang Beck.

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Es hört nie auf

Die Bagage ist das Gepäck, das wir mit uns tragen. Es sind aber auch die Menschen, aus denen wir geworden sind. Monika Helfer hat dazu einen wunderbaren Roman geschrieben. Sehr lesenswert.

Maria und Josef Moosbrugger sind ein schönes Paar. Doch Schönheit ist äußerlich, sie kann die Wirklichkeit überblenden. Und manchen erscheint sie fremdartig, vielleicht macht sie ihnen auch Angst. Die Moosbruggers leben mit ihren vier Kindern am Rand eines österreichischen Bergdorfs und damit abseits in der Welt der Abseitigen. Monika Helfer erzählt die eigene Geschichte in ihrem Roman Die Bagage.

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Das falsche System

Die Situation heute auf einem als historisch getrimmten Globus.

Bücher zur Kolonialgeschichte interessieren mich schon deshalb, da dieses Kapitel noch längst nicht zur Genüge aufgearbeitet ist. Kurzweilig zu lesen und nah an den historisch belegbaren Fakten ist Eine Frage der Zeit von Alex Capus, ein Roman, in dem es um üble Machtspiele in Deutsch-Ostafrika geht. Besonders die teils überdrehte Darstellung der Charaktere hat mir gut gefallen, passend zur Absurdität des Geschehens insgesamt.

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Traum und Wirklichkeit

Anselmus aus Der goldne Topf, hier auf dem Bild einer 1917 erschienenen Ausgabe. Die Illustrationen stammen von Karl Thylmann.

Ist Anselmus wirklich glücklich auf seinem Rittergut in Atlantis? Ist er glücklich im Zauberreich, in dem er jetzt mit Serpentina lebt? Im Märchen – so viel steht fest – wäre er glücklich, beide wären glücklich bis ans Ende ihrer Tage. Das Kunstmärchen aber lässt als Märchen aus der neuen Zeit mindestens zwei und eher mehr mögliche Szenarien zu. In Der goldne Topf von E.T.A. Hoffmann zerreißt das hexenhafte Apfelweib die reale Welt des etwas tollpatschig und schon originär träumenden, dabei aber keinesfalls unsympathisch wirkenden Anselmus. Er ist ein stolpernd Suchender, ob er es weiß oder nicht.

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Durch die Nebelfetzen

Das Leben wird reich, wenn man hinter die Fassade blickt.

Die Sprache ist einfach, dabei nicht billig und Klischees bedienend. Sie macht das zugeschneite EIGENTLICH noch einmal auf eine Weise deutlich, die den Lesenden neue Erkenntnisse bringt oder Erkenntnisse, die verschüttet waren, wieder an die Oberfläche holt. Unser Leben ist eine Reise mit allzu viel Gepäck. Vieles braucht es gar nicht, wie Robert Seethaler in Ein ganzes Leben beschreibt, manche Last aber ist da und bleibt. Und du musst Wege finden, damit umzugehen. Ich habe die Geschichte um Andreas Egger mit großem Vergnügen gelesen, das Buch beschäftigt mich auch Monate später noch.

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In letzter Konsequenz

Leben unter der Dunstglocke. Kann das funktionieren? Boyle hat einen lustigen, in letzter Konsequenz aber auch sehr tragischen Roman geschrieben.

Frag mich doch mal nach der besten Mediensatire der vergangenen – sagen wir – fünf Jahre. Na? Da habe ich eine ganz klare Antwort: Die Terranauten von T.C. Boyle. Du kannst Menschen isolieren und das als Show verkaufen: Big Brother hat das auf erbärmliche Weise versucht und versucht das wohl noch immer, das Dschungelcamp scheitert glücklicherweise an Corona, wird aber sicherlich irgendwann mal fortgesetzt. Jetzt stelle man sich vor, die Show bekommt einen scheinbar wissenschaftlichen Hintergrund, nicht psychologisierend, was man machen könnte, dafür aber als Art naturwissenschaftliches Exempel.

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Von Aafjes bis Zapponi

Begleiter seit den Studienjahren und viel besser als Wikipedia: Rein A. Zondergelds Lexikon der Phantastischen Literatur.

In meinem Beitrag über das neue Münchhausen-Buch von Anna von Münchhausen hatte ich kurz Rein A. Zondergeld und sein Lexikon der phantastischen Literatur erwähnt. Das Buch ist seit meinen Studienjahren ein treuer Begleiter, hat mich also schon bedient, als vom Internet kaum eine Rede war, geschweige denn von Wikipedia. Und ganz ehrlich: Ich nutze es noch immer.

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Raus aus dem Schlamassel

Sich selbst aus dem Sumpf ziehen. Schön, wer das kann.

Sich am eigenen Schopf aus dem Schlamassel ziehen, raus aus dem trüben Teich, weg vom Sumpf. Das dürfte ein vielfach herbeigeflehter Wunsch sein. Mit Wünschen aber ist das bekanntlich so eine Sache: Sie gehen nicht mit hundertprozentiger Sicherheit in Erfüllung. Und wenn man es unbedingt wünscht (vielleicht aus der Erzählperspektive des eigenen Lebens) legen manche sich die Wahrheit zurecht. Kurzum: Es wird gelogen, dass sich die berühmten Balken biegen. Wobei der gute alte Münchhausen viel kreativer war als so manch platter Politiker heute – und da muss ich nicht einmal über den Teich blicken.

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