Leben unter der Dunstglocke? Kann das funktionieren? Boyle hat einen lustigen, in letzter Konsequenz aber auch sehr tragischen Roman geschrieben.

Frag mich doch mal nach der besten Mediensatire der vergangenen – sagen wir – fünf Jahre. Na? Da habe ich eine ganz klare Antwort: Die Terranauten von T.C. Boyle. Du kannst Menschen isolieren und das als Show verkaufen: Big Brother hat das auf erbärmliche Weise versucht und versucht das wohl noch immer, das Dschungelcamp scheitert glücklicherweise an Corona, wird aber sicherlich irgendwann mal fortgesetzt. Jetzt stelle man sich vor, die Show bekommt einen scheinbar wissenschaftlichen Hintergrund, nicht psychologisierend, was man machen könnte, dafür aber als Art naturwissenschaftliches Exempel.

Frage: Kann der Mensch unter einer Atmosphären-Glocke überleben? Er kann es sicher eine Zeitlang, fragt sich nur wie? Denn in letzter Konsequenz ist der Mensch eben doch nur Mensch. Und passend dazu hatte T.C. Boyle in einem Interview mit Dennis Scheck bekannt, sein Herz sei „black inside“.

Im richtigen Leben ist das Experiment gescheitert, unter anderem, weil sich einer der Eingeschlossenen am Finger verletzt hatte und einen Chirurgen brauchte. Von wegen: ohne Einfluss von Außen. Aua! „Biosphere 2“ sollte in der Tat herausfinden, ob Menschen ein geschlossenes System aufbauen und darin überleben können. Ein reicher Amerikaner hatte das Experiment in der Wüste Arizonas für schlappe 200 Milionen US-Dollar finanziert, die NASA träumte schon von Außenstationen auf Mond oder Mars.

Ob Gottvater „GV“ auch davon träumt, mag vorgeschoben sein, er lebt im Jetzt und ist der Große Bruder in Boyles Roman, und somit einer, der das alte Experiment als „Ecosphere 2“ maßgeblich reanimiert („Eins“ ist immer die Erde). Auf GV werden die Kameras gerichtet, er erlebt dann seine großen Momente, wenn ihn alle sehen. Das Problem: Auch wenn er nicht zu sehen ist, ist er immer da.

Boyle wäre nicht Boyle, wenn diesmal alles klappen würde. Auch hier hatte es allerdings einen ersten Versuch gegeben, auch der war gescheitert (vielleicht das Vorbild für die dann folgende Boyle-Geschichte). Für die zweite Gruppe steht also schon von Anfang an fest: diesmal muss es klappen.

Acht Bewohner sind „drin“, Linda Ryu wurde nicht ausgewählt und ist die „beste Freundin“ von Nutztierwärterin Dawn Chapman, was per se gefährlich ist, weil Neid und Missgunst von außen hereinstrahlen: „Ich will Dawn nicht kritisieren. Sie ist ein guter Mensch und eine gute Teamkameradin.“ Klingt schon mal gefährlich.

Erzählt wird schließlich noch aus der Perspektive von Ramsay Roothoorp, Kommunikationsoffizier und Leiter des Bereichs Wassermanagement. Auch er ist auf Außenwirkung bedacht, er liebt die Anerkennung schon im Kleinen, wie Dawn Chapman beschreibt. Etwa, als er sich zum Koch hat überreden lassen: „Wir priesen ihn, denn er hatte die Torte gewissenhaft in acht Teile geteilt…“ Und ja, es wird dann doch irgendwie langweilig unter der Kuppel: Irgendwann sind die CDs alle gehört, sind Minztee und Bananenwein getrunken und Boyle fragt auf Seite 127: Was sonst noch? Auf jeden Fall drehen zuerst die Tiere durch, die Technik hakt und irgendwann haken auch die Menschen.

In welche Richtung die Probleme laufen werden, hatte der erste Satz angekündigt, ausgesprochen von Dawn Chapman: „Man hatte uns von Haustieren abgeraten, dergleichen von Ehemännern und festen Freunden, und dasselbe galt natürlich auch für Männer, von denen, so viel man wusste, keiner verheiratet war.“ Emotionalität und Wissenschaft passen bei diesem Wissenschaftszweig nicht zueinander, auch wenn – wie Chapman wenig später darstellt, „Vortäuschung“ und „Theater“ als Elemente „irgendwie eine Rolle spielten“. Wie groß diese Rolle in Wirklichkeit ist, ist Boyles großes Spiel. Hier geht es immerhin um zwei Jahre Einschluss. Geht das bei jungen reproduzierfähigen Menschen eigentlich ohne Sex?

Nein, es geht nicht. Dass Dawn schwanger wird, entpuppt sich für die Halbgötter draußen als ungeplantes Problem. An einen Abbruch denkt Frau Chapman mitnichten, sie will das Kind unbedingt unter der Glaskuppel bekommen. Und mehr noch:

Ich nehme an, alle Bräute sind nervös, und zwar nicht nur wegen des unumkehrbaren Schrittes, den sie im Begriff sind zu tun, sondern wegen all der Pracht und Herrlichkeit und der sehr realen Sorge, sie könnten über ihre Schleppe stolpern, den Brautstrauß fallen lassen oder sonst irgend eine kleine oder große Ungeschicklichkeit begehen. Ich war keine Ausnahme, aber ich stand ja auch in einem Rampenlicht, dem nur wenige Bräute ausgesetzt sind, mit Ausnahme vielleicht von Pamela Andersson oder Prinzessin Diana. Ich hatte es nicht nur mit der versammelten Presse zu tun, mit meinen gekränkten Eltern, GV, einer eifersüchtigen, verbitterten Judy sowie einer nicht weniger eifersüchtigen, verbitterten Linda, ganz zu schweigen von der Kleinigkeit, das ich seit mindestes vier Monaten schwanger war, sondern auch mit der Tatsache, dass ich mit einem Schlag das Gesicht von Mission 2 geworden war, während alle anderen, auch Ramsay, in den Hintergrund traten.“

Die Terranauten, Seite 453

Spießigkeit geht mit der fiesen Eitelkeit einher, vielleicht sogar mit einer ganz besonderen Ausprägung. Ganz frei ist davon keiner, weshalb das Bild mit dem Spiegel passt, den uns Boyle grinsend vor die Augen hält. Wer weiß, dass er ständig beobachtet wird, handelt anders. Das wird dir spätestens dann klar, wenn du in deiner normalen Sozialisation merkst, wie deine Stimme vom Tonband klingt (bei mir war das so): das ist erstmal ein Schockmoment. Wie wirkt das denn bloß auf andere? Das bin doch nicht ich. Da muss ich mich jetzt ja auf alle Zeit verstellen, ich muss Schauspieler werden. In Die Terranauten das alles in ungeahnte Höhen gesponnen – es ist hier ein Spiel derer, die schon alles haben. Von wegen Wissenschaft.

Der Roman Die Terranauten von T.C. Boyle ist 2017 bei Hanser erschienen. Mittlerweile gibt es auch eine Taschenbuchausgabe.


Auf Lesechwaeche.net gibt es auch eine Besprechung des neueren Boyle-Romans Das Licht. Und wem es um das Thema Mediensatire geht, dem sei noch die Besprechung und vor allem das Buch Zornfried von Jörg-Uwe Albig empfohlen. Hier werden allerdings nicht die gängigen Medienformate aufgespießt, sondern die Frage, wie sich Journalisten von Nazis einlullen lassen. Sehr lesenswert.