Ich habe die Terranauten gelesen und musste lachen. Und das, obwohl der Roman eigentlich nicht lustig ist.

Ein hoffnungsfroher Roman ist Die Terranauten von T.C. Boyle nun wirklich nicht. Das muss Satire aber auch nicht sein. Hier geht es vordergründig um das Experiment einer völlig eigenständigen Welt innerhalb der Welt – was natürlich beim ersten Versuch daneben gegangen ist und auch bei der Zweitauflage, um die es in der Haupthandlung geht, nicht wirklich funktioniert. Auch wenn das die „großen Brüder“ anders sehen.

Vier Männer und vier Frauen lassen sich in einem Terrarium hermetisch abriegeln und leben ihr Leben eben „von draußen“ weiter. Und genau das ist das Problem: Der Mensch verändert sich auch innerhalb des geschlossenen Raums (übrigens eines meiner literarischen Lieblingsmotive und das Geschichten-Motiv überhaupt) in keinster Weise: Eitelkeit, Missgunst und Rivalität, um den Klappentext zu zitieren, bleiben bestehen oder werden – wie unter einem Brennglas – bis ins Extrem fokussiert. Letztlich schafft es auch das Außenteam nicht, die Terranauten zu kontrollieren. Der Faktor Mensch kommt den Aufsehern immer wieder in die Quere. Und das ist insofern ärgerlich, da Mission Control die ganze Thematik (wie viel später bei „Big Brother“) medial aufbereiten möchte. Und auch da wissen wir ja: Es funktioniert nicht wirklich. Was funktioniert, ist höchstens die Show, hier manifestiert durch Gottvater, genannt GV. Er war, wie Ramsey Roothoorp resümieren wird, „ein Showman, einer der besten, die ich je erlebt habe.“

Erzählerisch stellt Boyle drei Perspektiven dar: die von Nutztierwärterin Dawn Chapman, eben jenem für Kommunikation und Wassermanagement zuständigen Ramsay Roothoorp und Linda Ryu. Die will die im Glashaus sitzende Dawn eigentlich nicht kritisieren, hält sie für einen „guten Menschen und eine gute Teamkameradin“. Eigentlich.

Aber wir waren in einer heiklen Situation, in der die irrationale Angst immer rationaler wurde, bis auch ich davon angesteckt wurde, und hätte ich dem nicht einen Riegel vorgeschoben, dann hätten wir beide vielleicht nicht überlebt.

Die Terranauten, Seite 82

Linda hat ein großes Problem: Sie gehört nicht zu den Auserwählten, sie muss draußen bleiben, bleibt aber im Team der großen Brüder, um sich ihre Chance auf einen späteren Einschluss nicht zu verbauen. Meine Frau würde das Gehabe von Linda und Dawn als Zickenkrieg proklamieren, und sie hätte recht. Freundschaft sieht sicher anders aus, Zwietracht wäre Widerspruch.

Denn die Wahrheit liegt diesmal nicht „irgendwo da draußen“, sie ist drinnen. Mit allen geschriebenen und ungeschriebenen Gesetzen. Natürlich schlägt Murphy zu, natürlich wird es technische Probleme geben, die fast zum Abbruch des Experiments führen, und natürlich gibt es eine Schwangerschaft, die irgendwann mal nach außen verkauft werden soll, den Faktor Sex hatte GV offenbar nicht auf dem Schirm. Kurzum: Zeigen will Boyle, wie eine „schöne neue Welt“ funktionieren könnte, und zwar eine, die der Mensch noch nicht kaputt gemacht hat, die sozusagen bei Null anfängt. Und er zeigt, dass sie scheitern muss – am Menschen. Nur mit Eitelkeit kann man erklären, warum sich gebildete Kreaturen ein solches Experiment überhaupt antun.

Boyle hat den Einschluss – wie anfangs erwähnt – nicht erfunden, sondern hat ein echtes Experiment – die Biosphere – als Beispiel genommen. Das scheiterte, weil sich eine Eingeschlossene am Daumen verletzt hatte und einen Chirurgen brauchte. Man kann eben nicht an alles denken.

T.C. Boyle, Die Terranauten, Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren, Hanser 2016