Biedere Bilder auf dem Buchumschlag des neuen Romans von Jörg-Uwe Albig. Zornfried ist eine kluge Nazi-und Mediensatire. Der Text hat mich an eine lange zurückliegende Episode aus meinem eigenen Berufsleben erinnert.

Wenn ein freier Journalist über Nazis berichtet, hat er gute Chancen, zahlungswillige Abnehmer zu finden. Jan Brock weiß das und nutzt die Gelegenheit, sich auf die Spur einer gruseligen Klientel setzen zu lassen: nämlich auf die jener braunen Zeitgenossen, die ihren eigenen Faschismus hinter verschlossenen Türen und tief im deutschen Wald zelebrieren. Zornfried von Jörg-Uwe Albig spielt im Spessart und ist sowohl Nazi- als auch Mediensatire. Der Autor, selbst Redakteur und Korrespondent, hat einen scharfsinnigen Roman geschrieben. Ich habe mich keine Sekunde gelangweilt – und mich sogar an ein Jahre zurückliegendes Kapitel aus meinem eigenen Berufsleben erinnert.

Brock trifft auf Altnazis, Möchtegern-Nazis und solche, die erst noch richtige Nazis werden wollen: junge Sturmtruppen, die „SS“ spielen. Brocks eigentliches Etappenziel ist eine Geschichte über Storm Linné, der sich als völkischer Dichter feiern lässt und eine fürchterlich schwülstige Lyrik absetzt, köstlich konstruiert von Albig und jedem Kapitel vorangestellt, zum Beispiel in Heilige Hege:

Es gibt kein aufwärts ohne stufen
Die mählich gliedern volkes gang
Die unten klar von oben trennen
Und bremsen geilen Überschwang

Zornfried, Seite 63

Da diese Texte formal etwa in die Zeit eines Jünger um sich scharenden Stephan George passen und die Bezüge zu dieser Form der Heldenverehrung durchaus deutlich werden, ist die Lektüre schon deshalb erheiternd. Und das wird sie auch durch die verqueren Typen, die hier wirklich zuhauf auftreten. Besonders amüsant wird es, wenn Albig drei Frauen beschreibt, die in Spitzenborten an den Kleidern am Kamin stehen. „Was erwarten Sie von diesem Abend“, fragt Brock und bekommt Antwort von der „Schwarzgoldenen“: Ob er den Meister denn überhaupt schon einmal gehört habe? Denn nur dann erfahre man das Leben.

Die in Zornfried entlarvten Welt-Konstrukte kommen dermaßen unwirklich daher, dass die Leser die reale Existenz dieser Menschen am liebsten anzweifeln würden. Das funktioniert natürlich nicht – die Rechten auch dieser Coleurs sind allzu real, wer ein wenig umherschaut, wird sie rasch finden, wird finden, wie sie leidenschaftlich im Selbstmitleid leiden – ob der ach so schlechten neuen Zeit.

So wie Dr. Franz Schlipf, der Hausarzt, der lange Stabsarzt in Afghanistan war. Er geht das Problem intellektuel an:

Die Griechen waren in der Minderheit, sagte er dann. Genau wie wir. Aber sie hatten Boote, die klein und wendig waren, und sie kannten ihre Heimat. Und so haben sie die Barbaren in die Meerenge gelockt, wo die Schiffe der Feinde sich gegenseitig zerdrückten.

Zornfried, Seite 89

Was Albig beschreibt, ist natürlich ein abgekartetes Spiel: seine Nazis hoffen in unermesslich erscheinender Naivität, dass sich Brock – wie schon die junge Kollegin, die eifrig mittaumelt – brav auf Linie bringen lässt, kurzum, dass er „vom Schreiber zum Mann“ wird. Ohne hier über Verschwörungstheorien raunen zu wollen, steht es seit Jahrzehnten fest: Es gibt einen rechten Plan.

Den zu ergründen, gibt es auch für Brock genügend Raum, denn es dauert lange, bis er auf Linné trifft: er muss am Helden hütenden Burgherrn Schierling vorbei, der ihm den Unterschied zwischen Nationalsozialist und deutschnational aufdröselt und deutlich macht, dass Zornfried einst durchaus eine „Gauführerschule“ war. Aber eben als solche „keine Teufelsküche“, vielmehr eine, so wörtlich, Verwaltungsakademie.

Brock erfährt, dass hier alles alt ist: die Bücher, deren Alter wichtiger als der Inhalt ist, und erst recht der Burgherr selbst, der „wie der Insasse eines Altersheims“ aussieht, der von seinem kaum älteren Sekretär Matzek mitgeteilt bekommt, dass es Zeit ist, jetzt ins Bett zu gehen.

Mein Spessart ist das Weserbergland

Dass mir der Roman nahe ging, liegt übrigens an meiner eigenen Geschichte als Journalist. Mein Spessart ist das Weserbergland. Und dort hatte ich vor vielen Jahren – es muss um 1990 gewesen sein – Kontakt zu Leuten, die ihr Gedankengut über Märchen unters Volk bringen wollten. Über ein solches Seminar musste ich unbedingt berichten – nicht in Form eines Jubeltextes, was man mit alter Literatur heute noch anfangen kann, sondern kritisch analytisch, was die Protagonisten betrifft, und vor allem – ich weiß es noch wie heute – mich nicht gemein machend. Storm Linné aus Zornfried hat mich tatsächlich an den Veranstalter erinnert, der von den Teilnehmenden ebenfalls wie ein Guru verehrt wurde, was mich – zugegeben – damals etwas irritiert hat. Ich weiß es noch: An einem Tisch saß ich ihm Auge in Auge gegenüber: „Fragen Sie, nur zu.“ Und um uns herum scharwenzelten die Seminarteilnehmer. Ziemlich seltsam war das alles. Berichtet hatte ich dann aber trotzdem. Und rasch war klar, dass es Verbindungen zu Rechtsextremen und Holocaust-Leugnern gab, die bald einen Verein betrieben, der diesen Leuten auch geistigen Unterschlupf und rechtliche Hilfe bieten sollte. Der Verein ist mittlerweile verboten, die Akteure machten weiter. Auch jetzt noch.

Ich habe mir immer wieder und bis heute die Frage gestellt, ob und wie man über rechte Kreise schreiben soll, zumal die – wie bei Zornfried – davon profitieren wollen. Künstler Krathmann macht es im Roman deutlich und bezieht sich auf einen Beitrag von Brock: „Wenn ihr gegen etwas geifert“, sagte er und blinzelte wieder, dann weiß man, „dass die Sache sich lohnt.“

Für Jan Brock gibt es bei Linnés tatsächlichem Auftritt dann Ernüchterung, vielleicht sogar Enttäuschung, wie er selbst feststellen muss: „Da saß ein Kind mit riesigem Kopf …“ Der Held, der das Leben beschreibt, geht höchstens als Witzfigur durch. Muss man über die noch schreiben?

Da ist die Frage also wieder: Muss ich schreiben? Das ist, so ist heute klar, vom Fall abhängig. Wenn es bei Nazis gelingt, das Fatale ihres Handelns deutlich zu machen, sage ich Ja. Auch um Schlimmeres zu verhindern oder besser: zu verhindern helfen. Nur eines darf nie geschehen: über Nazis nur berichten, um Quote zu machen. Homestorys im Bunte-Stil eignen sich nicht. Wer die Führungskader in Talkshows einlädt, handelt im Zweifel fahrlässig.

Bei Brock, der sich zwischendurch gnadenlos verzettelt, kommt die Erkenntnis recht spät: die erhoffte Story gibt es nicht.

Erst als ich im Dunkel eines Fichtenhains tiefer und tiefer ins Dickicht geriet, wurde mir klar, dass ich nicht von selbst wieder herausfinden würde aus diesem Wald

Zornfried, Seite 118

Und was er schreiben wird, dürfte nicht mehr im Feuilleton landen, nur noch im Vermischten, wie es am Ende heißt. Und für die Leser von Zornfried wird einmal mehr klar, was wir schon seit Charly Chaplins „Great Dictator“ 1940 oder Ernst Lubitsch und seiner Komödie „To be or not to be“ von 1942 wissen: es kann heilsam sein, sich über Nazis lustig zu machen. Bei Zornfried funktioniert das. Der Roman ist aber noch mehr: Das Buch hält uns Journalisten den Spiegel vor.

Jörg-Uwe Albig, Zornfried, Klett-Cotta, 2019