Die Zeitmaschine: Der Film von 1960 ist Trash, das Buch feinste Literatur.

Auf der Suche nach trashiger Unterhaltung landete ich wieder einmal in der Vergangenheit. Oder in der gedachten Zukunft. Denn diese Zukunft liegt mittlerweile auch schon hinter uns, was in der Verfilmung Die Zeitmaschine von H.G. Wells ziemlich deutlich wird. Auf jeden Fall musste ich nach dem Film von George Pal aus dem Jahr 1960 noch einmal das Buch lesen.

Eine Verfilmung mit extremer Nähe an der Vorlage hätte anders ausgesehen. Natürlich konnte H.G. Wells nichts von den Kriegen wissen, nichts vom Atomwahn der Nachkriegszeit, auch wenn die Zukunft Ende des 19. Jahrhunderst nicht nur Gutes verhieß, erst recht nicht im Wellschen Denken. Schließlich lässt er seinen Erzähler von der „Menschheit im Niedergang“ sinnieren, lässt ihn grübeln über Kommunismus und eine Situation „vollkommener Zufriedenheit und Sicherheit, die die uns eigene rastlose Energie in Schwäche verwandelt.“ Wenig später heißt es: „Selbst in unserer Zeit sind schon gewisse Neigungen und Wünsche, die einmal für das Überleben notwendig waren, eine permanente Quelle des Versagens.“ Wagemut und Kampfeslust, so klingt es im Buch von 1895 etwas martialisch, seien nicht unbedingt Vorzüge, sondern „unter Umständen auch Nachteile in den Auugen eines zivilisierten Menschen.“

Ein solch zivilsierter Mensch ist natürlich die Hauptfigur, die „der Bequemlichkeit halber“ nur der Zeitreisende genannt wird: ein Wissenschaftler mit Visionen, der sich in seiner gemütlichen Gelehrtenrunde, die ausschließlich aus alten Männern besteht, über die Geometrie der vierten Dimension auslässt. Natürlich glauben ihm die verdienten Herren nicht – bis auf den besagten Ich-Erzähler, der die Geschichte wiedergibt. Sie glauben nicht, dass er durch die Zeit reisen kann, auch nicht, als er die seit zwei Jahren gebaute „wunderbare Maschine“ präsentiert. Doch er ist der „Mutige“, der seine Angst überwinden muss, aus der den Herren lieben Sicherheit ihrer Zeit zu entfliehen.

Und die dem Menschen untertänige Technik schafft es: Er berichtet vom Kampf mit den Morlocken, die im Film wie mutierte Kinskis aussehen, die unter der Erde leben und die „Überirdischen“ wie Sklaven halten und sie opfern.

All das klingt nach Johathan Swift und nach der zweiklassigen Gesellschaft, wie sie Wells erlebt hat. Doch seine dunkle Vision geht noch viel weiter, wenn er aus dem Jahr 802 701 berichtet. „Ich glaube“, lässt Wells den Zeitreisenden erzählen, „ich habe schon erwähnt, um wieviel heißer das Klima dieses Goldenen Zeitalters war als unseres. Ich weiß nicht warum.“

Seine Erklärung findet er in den Theorien des jungen Darwin, nach der die Planeten schließlich in das Zentralgestirn zurückfallen müssen. Also: es gibt ein Welt-Ende. Aber ob Wells wusste, dass er mit der Klimaerwärmung so nah dran ist am Heute? Er würde mit Sicherheit den Menschen als Verursacher ausgemacht haben.

Bei allem hilft aber auch dem Zeitreisenden nur die Liebe, hier als Weena, ein „puppenhaftes Geschöpf“, dass ihm das Gefühl gibt, nach Hause zu kommen. Vielleicht ist sie es auch (und damit die Liebe), die den Zeitreisenden wieder verschwinden lässt, in ihre Zeit, in alle Zeiten. Dieser Aspekt gefiel George Pal, ist bei Wells aber beileibe nicht die Hauptgeschichte. Kurzum: Der Film von 1960 ist tatsächlich Trash, die Geschichte von H.G. Wells feinste Literatur. Ich empfehle beides: das Buch, um in die Gesellschaftskritik des 19. Jahrhunderts einzutauchen, den Film, um die aus heutiger Sicht naive Umsetzung der Geschichte und die (wie ich finde) tollen schauspielerischen Leistungen von Rod Taylor (1930 bis 2015) und Yvette Mimieux (geboren 1942) zu genießen.

H. G. Wells, Die Zeitmaschine, aus dem Englischen von Annie Reney und Alexandra Auer, erschienen 1996 bei dtv. Die Originalausgabe stammt aus dem Jahr 1895.