Das Leben wird reich, wenn man hinter die Fassade blickt.

Die Sprache ist einfach, dabei nicht billig und Klischees bedienend. Sie macht das zugeschneite EIGENTLICH noch einmal auf eine Weise deutlich, die den Lesenden neue Erkenntnisse bringt oder Erkenntnisse, die verschüttet waren, wieder an die Oberfläche holt. Unser Leben ist eine Reise mit allzu viel Gepäck. Vieles braucht es gar nicht, wie Robert Seethaler in Ein ganzes Leben beschreibt, manche Last aber ist da und bleibt. Und du musst Wege finden, damit umzugehen. Ich habe die Geschichte um Andreas Egger mit großem Vergnügen gelesen, das Buch beschäftigt mich auch Monate später noch.

Du schaust den Leuten eben nur vor den Kopf, ist ein ziemlich weiser Spruch, den – zumindest ich – nur aus dem Volksmund kenne. Der Satz gilt natürlich auch für diejenigen, die vielleicht als Käuze verschrien sind, als Eigenbrötler und  unnahbar, die vielleicht durch ihr eigenes Handeln in eine Lebensweise gekommen sind, von der man sich selbst möglicherweise abheben will, die einem auch irgendwie Angst macht, oder die sich – um sich vielleicht selbst zu beruhigen – dazu eignet, kleine Kinder zu erschecken. Nein, das klingt ziemlich gemein. Dabei könnte es sich doch durchaus lohnen, einmal hinter die Äußerlichkeiten eines solchen Lebens zu blicken. So stelle man sich spaßeshalber vor, ein Reisender kommt in  irgendeiner einsamen Winternacht in das Bergdorf, in dem die Geschichte von Robert Seethaler spielt. Die Leute im Dorf erzählen von dem seltsamen Alten in der noch etwas höher liegenden Hütte, der einmal in der Woche hinunter ins Dorf geht, um Zündhölzer und Malerfarbe oder Brot, Zwiebeln und Butter zu besorgen.

Wenn er sich mit den Einkäufen auf seinem selbstgebauten, im Frühling mit kleinen Gummirädern aufgerüsteten Schlitten wieder auf den Heimweg machte, sah er aus den Augenwinkeln, wie sie hinter seinem Rücken die Köpfe zusammensteckten und zu tuscheln begannen.

Ein ganzes Leben, Seite 168

Dabei denkt dieser Alte, dass er es – für seine Begriffe – doch irgendwie geschafft hat und allen Grund habe, nun zufrieden zu sein.

Einfach war dieses ganze Leben jedoch nicht. Egger lebt in seinem Dorf in den Alpen, gehandicapt, weil ihn der Ziehvater Kranzstöcker zum Krüppel geschlagen hatte, dann doch zufrieden, weil er mit neunundzwanzig Jahren genügend Geld beisammen hatte, um die Pacht für das kleine Grundstück mitsamt dem Heuschober aufbringen konnte. Er liebt die Hilfskellnerin Marie, das Mädchen mit der roten Narbe im Gesicht, eine Narbe, weil sie als Kind in den Schweinekoben gestürzt und von der Muttersau gebissen worden war. Als die moderne Welt ins Tal einbricht, schließt sich Eggert dem Bergbahnen-Bautrupp an, knüpft Freundschaft zum Vorarbeiter Thomas Mattl, der ihm hilft, Eggers Liebe mit brennenden Petroleumsäcken in die Welt zu tragen, oder besser: in den Kopf von Marie, dem Mädchen mit dem schönsten Namen der Welt. Doch ein Leben in den Bergen ist ein Leben mit Verlusten: er verliert Mattl, und eine Lawine zertört auch seine Lebensliebe.

Sein Dorf verlässt Egger nur für den Krieg, kämpft nicht wirklich im Kaukasus, sondern blickt dem „Feind“ nur ins Auge. Zum Schusswechsel kommt es nicht. Doch der Krieg bleibt – neben der verlorenen Liebe – die große Lebenskatastrophe. Nach der Gefangenschaft kommt er erst 1951 wieder in sein Heimatdorf zurück, das hier Gewesene ist ein Relikt und könnte sich eignen, in Geschichten für Touristen verpackt zu werden: Egger, der einfach leben wollte, wird ohne wirliche Passion Fremdenführer, weil er einem verirrten altem Ehepaar den Weg zurück gezeigt hatte. Ja, er kennt sich aus.

Egger zieht sich zuletzt in seine Hütte zurück, lebt das dann doch zufriedene Leben eines Ensiedlers und weiß bei einem Ausflug in Gegenden, die er zuvor noch gar nicht kannte, dass es gut ist, wieder zuhause zu sein. Nie wieder konnte er sich einer Frau nähern, auch nicht der neuen Dorfschullehrerin, die zarte Bande knüpfen will: Andreas Egger hat die Einsamkeit gewählt.

Eingerahmt wird Eggers Leben vom Hörnerhannes, den er zu Beginn des Romans aus einer „seltsamen Ahnung“ heraus in seiner Hütte aufgesucht hatte. Dem Alten, so heißt es bei Seethaler,  hockte der Tod bereits hinter der Stirn, Egger will ihn ins Dorf tragen. Der Hörerhannes aber hüpft ihm von der Schulter und verschwindet, noch rufend: „Dem Tod ist noch keiner davongerannt.“ Diese Erkenntnis schließt auch Seethalers Roman – nur Egger blickt der todbringend kalten Frau, die Hörnerhannes einst gesehen haben will, jetzt mit Ruhe entgegen.

Seethalers Buch ist eine Einladung, hinter „die Stirn“ zu blicken, sich nicht auf Vorurteile zu stützen und Menschen eine Chance zu geben. Jedes Leben ist wertvoll, gute und schöne, mit Sicherheit auch schlimme: der Ziehvater wird gesrtraft und ist auch bei Egger wieder ein Mensch, der beide Söhne durch den Krieg verloren hat. Noch einmal: Jedes Leben ist wertvoll. Auch die vom Hörnerhannes und von Andreas Egger, der in seiner Lebensreise selbst ein Hörnerhannes wird: der Kreis schließt sich. Und wir Leser haben Einblicke in eine Welt, die uns ohne solche Bücher verschlossen bliebe.

Ein ganzes Leben von Robert Seethaler ist  2014 bei Goldmann erschienen.