Ganz nach oben

Die Welt von oben sehen. Das war schon immer ein Menschheitstraum. Maiken Nielsen beschreibt ihn aus der persönlichen Perspektive.

Endlich mal wieder einen richtigen Roman lesen – also: keine Dystopie, kein Verschieben irgendwelcher Ebenen, nein, einen richtigen Roman. Ja, ich weiß, das klingt vermessen.

Gerade bei mir: Ich, der ich doch alles mögliche liebe in der Literatur, Experimente sowieso. Aber vielleicht war deshalb der Drang groß, einen – ich sag es nochmal – richtigen Roman zu lesen. Maiken Nielsen kam mir gerade recht. Und unter uns die Welt ist eine Geschichte von A bis Z erzählt, Geschichte im wahrsten Sinne. Es sind eben die großen Katastrophen, die alle Synapsen kollektiver Gedächtniswelten ansprechen: das Erdbeben von Lissabon etwa, der Untergang der Titanic und der Zeppelin-Absturz der Hindenburg am 6. Mai 1937. 35 der 97 Menschen an Bord kamen ums Leben, der Großvater von Maiken Nielsen glücklicherweise nicht.

Und so gibt es diesen wunderbaren Text, der sein Leben (wie es wohl in weiten Zügen gewesen ist) beschreibt, gewissermaßen aus erster und lebensnaher Quelle: Als Zehnjährige hatte sie Bilder der Katastrophe gesehen, der Vater hatte den Film angehalten, auf einen Punkt gezeigt und gesagt: Das ist dein Großvater. Für die junge Maiken Nielsen war er ein Held, einer, der als Navigator eine wichtige Rolle gespielt hatte. Es habe Jahrzehnte gedauert, bis sie darüber schreiben konnte, weil es schwierg sei, über Familiengeschichte zu schreiben. Schwierig, aber dann wohl doch notwendig: Christian Nielsen war immer an Orten, an denen Weltgeschichte geschah. „Ich musste darüber schreiben“, sagt Maiken Nielsen.

Dabei wollte Christan Nielsen erstmal nur eines: in die Luft gehen. Und – seit er das Wunder der Technik 1914 zum ersten mal gesehen hatte – selbst einen Zeppelin fliegen. Seine Enkelin beschreibt den Weg zur Traumerfüllung, einen Weg, der nicht immer gerade verläuft, bei dem ihm die Nazis in die Quere kommen, er eine Frau heiratet, die er nicht wirklich liebt, die ein Kind von ihm bekommt, für die er sich verpflichtet fühlt.

Aber da ist noch diese andere Frau in Amerika, Lil Kimming, junge Journalistin, die in einer männerdominierten Medienwelt durchsetzt, Christian per Zufall trifft, ihm schreibt, ihn verliert (ohne eigenes Zutun), ihm im Angesicht der Katastrophe wieder begegnet. Der Kreis wird sich schließen, nicht im unbändigen Happy Ending, nicht wie in Hollywood, das noch klein war. Christian Nielsen ist nicht der Held, an den Maiken in ihrer Kindheit geglaubt hatte, sicher, er ist eine besondere Persönlichkeit – aber eine mit Schwächen, dunklen Punkten, Unehrlichkeiten. Auch die Bilder von Helden werden manchmal rissig.

Und dann dieser letzte Flug.

Christian sah die Muskeln in Kapitän Wittemanns Gesucht zucken. Er hatte sich gefreut, den Mann, mit dem er seine ersten Zeppelinfahrten unternommen hatte, nach all den Monaten wiederzusehen, aber irgendetwas hatte sich verändert. Wittemann war auf dieser Fahrt nicht als Kapitän mit Entscheidungsverfügnis, sondern als Beobachter unterwegs. Und er wirkte eindeutig nervös.

Eingehend beschreibt Maiken Nielsen, was an Bord geschieht. Sie beleuchtet historische Personen wie den Artisten Joseph Späh, der alles fotografieren und filmen wollte, aber nicht durfte.  Gern hätte man über ihn mehr gewusst – in der Nachwelt (auch in Verfilmungen) die wohl schillerndste Gestalt, ein Mann mit Geheimnissen, die ihm vielleicht angedichtet wurden, die er aber als Ben Dova, wie er sich als Künstler nannte, wohl auch provoziert hat. Dass er eine Bombe an Bord geschmuggelt hat, war eines der kolportierten Gerüchte. Dabei kam der Vaudeville-Künstler zu spät ins Luftschiff, als Letzter. Und durfte oder musste seine Hündin Ulla im Frachtraum unterbringen. Dass er dorthin ab und zu verschwand, gereichte ihm später zum Nachteil. Das FBI ermittelte – ohne Ergebnis. Der Mann war unschuldig.

Im Roman steht die Frage der Schuld nicht an erster Stelle.  Vielleicht waren es, wie bei der Titanic, menschlicher Übermut und Größenwahn, weshalb die Nazis Luftschiffe so sehr mochten. In Und unter uns die Welt geht es weniger um die großen Flottenlenker, vielmehr um die „normalen“ Menschen.  Die Personen an Bord sind nicht fiktiv, Nielsen ist hier ganz Journalistin, was gut ist: man nimmt ihr das Beschriebene ab; kein Wunder: die Frau hat sieben Jahre lang recherchiert und immer im Angesicht der Katastrophe gelebt.

Die Sprache ist klar, fast einfach, darin schön. Und unter uns die Welt hat mir gefallen, weil mich das Thema seit vielen Jahren interessiert, ich auch Sachbücher über die Hindenburg gelesen habe (die Verfilmungen habe ich nie gesehen). Für mich steht fest: So nah wie mit diesem Roman ich mich den  habe ich mich den Opfern nie gefühlt.

Maiken Nielsen, Und unter uns die Welt, Rowohlt, Hamburg 2017

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