Gelogenes Leben

Auch als Hörbuch sehr gut: die Geschichte der Mata Hari als Literatur.

Zweifelsohne ein gutes, ein sehr gutes Buch. Paulo Coelhos Beschreibung des Lebens der Mata Hari  in Die Spionin macht den Mythos hundert Jahre später zwar nicht kaputt, erhellt aber die mögliche Innenwelt dieser beeindruckenden Persönlichkeit.

Oder sollte man besser im Plural schreiben:  dieser Persönlichkeiten. Denn Mata Hari war ja nicht nur eine einzige Person, sie war das Mädchen Margaretha Zelle aus der holländischen Provinz, sie war eine berühmte Tänzerin aus dem Süden Indiens, sie war eine Edelhure und sie war Doppelagentin. Was auch immer sie war: sie war eine Frau auf der Suche nach Liebe. Das jedenfalls steht am Ende des Romans. Am Anfang steht die Hinrichtung.

Normalerweise verschenke ich keine Bücher, die ich selbst noch nicht gelesen habe. In diesem Fall war das anders. Ich hatte Die Spionin schon an einen lieben Freund verschenkt, weil ich von der Geschichte überzeugt war. Das muss Coelho können, jener Autor, vor dem ich mehr als einmal gewarnt wurde: zu esotherisch, zu viel Bla Bla. Warum eigentlich? Ich konnte das  nicht einmal nach dem Alchimisten bestätigen und auch nicht nach Veronika beschließt zu sterben. Auch diese Bücher habe ich gemocht, Fazit:  Lesende sollten sich ein eigenes Urteil bilden.

Hier lässt Coelho Mata Hari in einem fiktiven Brief aus der Zelle auf ihr Leben zurückblicken: auf die Vergewaltigung durch den Schuldirektor, ihre erste Ehe, den Tod des Kindes, das möglicherweise vergiftet wurde, auf den ersten Paris-Aufenthalt in bitterer Armut, auf Treffen mit den „richtigen Leuten“, den Aufstieg als Tänzerin, die Anwerbung durch  Geheimdienste. Gezeichnet wird ein scheinbares Leben, das Leben einer Frau, die es – so sagt sie bei Coelho selbst – mit der Wahrheit nicht immer sehr genau genommen hat.  Mit Lügen schafft sie es in die höchsten Kreise. Und mit Mata Hari treffen wir Picasso, der sofort mit ihr schlafen will, den sie aber grässlich findet und sich lieber einem anderen Gesprächspartner zuwendet. Paris Anfang des vorigen Jahrhunderts – Paulo Coelho führt glaubhaft in eine Welt, die gar nicht so fern ist.

Und ja, Mata Hari  nimmt Geld als Spionin an – doch was liefert sie dafür? Nichts brauchbares. Doch sie selbst war brauchbar – als Bauernopfer. Das Buhlen um Aufmerksamkeit wird ihr zum Verhängnis. Die guten alten Freunde, sie werden ihr am Ende nicht mehr helfen, nicht helfen wollen, nicht helfen können. All diejenigen, die früher ihre Nähe gesucht haben, kennen sie nun nicht mehr – jedenfalls nicht persönlich. Gesetze funktionieren in den Jahren des Kriegs anders, Moral hat ein eigenes Gesicht. Das werde immer so sein, fürchtet ihr Anwalt, der sie nicht retten konnte, nicht retten wollte, dem sie aber gratuliert, eine solch berühmte Mandantin gehabt zu haben.

Mata Hari hat mit ihrem Leben abgeschlossen – mit der Hinrichtung beginnt der Roman, geschrieben wie ein nüchterner Zeitungsartikel.  Und dies ist der Moment, in dem sie selbst auf der Suche nach Wahrheit ist. Die Augenbinde will sie nicht tragen, sie will sehen, dass sie erschossen wird. „Ich weiß nicht, ob sich in der Zukunft jemand an mich erinnern wird“, schreibt Coelhos Mata Hari, „aber wenn doch, dann möchte ich nicht als Opfer gesehen werden, sondern als eine Frau, die mutig ihren Weg gegangen ist und furchtlos den Preis dafür gezahlt hat.“

Die Zukunft hat sich an Mata Hari erinnert. In diesem Jahr sollen die Akten zugänglich gemacht werden. Hundert Jahre nach dem Todesurteil.

Paulo Coelho, Die Spionin, aus dem Brasilianischen von Maralde Meyer-Minnemann, Zürich 2016

Ich möchte an dieser Stelle auch ausdrücklich das Hörbuch empfehlen, gelesen von Luise Helm und Sven Görtz. Die Atmosphäre des Romans wird stimmig umgesetzt. Ebenfalls bei Diogenes erschienen, 203 Minuten, Regie Vera Teichmann.

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