Haus der Bösen

Besonders erhellend finde ich bei der Darstellung des Teilnehmerkreises die wiedergegeben Reaktionen nach dem Krieg.

Zuweilen kommt das Böse banal daher. „Eine Besprechung mit anschließendem Frühstück“ war in der ersten Einladung angekündigt. Dann wurde es die „Wannseekonferenz“, die  die bereits begonnene „Entfernung der Juden“ auf perfide Weise legitimieren sollte. Peter Longerich zeigt in seinem Buch Wannseekonferenz, Der Weg zur „Endlösung“ die Hintergründe zu der am Wannsee geplanten  „Endlösung“.  Und er zeigt, dass die Wirklichkeit schlimmer ist als jede Romanhandlung.

Longerich lehrt an der Bundeswehr-Universität in München und zählt laut Klappentext zu den „renommiertesten Experten für die Geschichte des Nationalsozialismus.“ Und wirklich beschreibt er – neben der Vorgeschichte  – den Konferenzverlauf an jenem 20. Januar 1942 sehr detailtreu, oder besser: so detailtreu wie möglich.  Als Hauptquelle gibt es zwar ein Besprechungsprotokoll, das damals wohl in 30-facher Ausführung angefertigt wurde, von dem aber nur noch eine  (Nummer 16) zur Verfügung steht. Verfasst hatte es Adolf Eichmann, als  „Leiter des für die Organisation der Vertreibung und Deportation der Juden“ einer der schlimmsten Nazi-Verbrecher überhaupt. Und: Laut Eichmann habe Reinhard Heydrich, Chef des Reichssicherheitshauptamtes,  das von ihm verfasste Protokoll stark redigiert, was sich im Einzelnen jedoch nicht mehr nachvollziehen lasse, wie Longerich schreibt. Er „hangelt“ sich dennoch  durch die 15 Seiten, analysiert, interpretiert, schlussfolgert. Grundsätzlich aber solle man das Protokoll nicht als unmittelbare  Wiedergabe der Besprechung lesen, sondern als ein Dokument, das den wesentlichen Verlauf der Konferenz aus Sicht des Reichssicherheitshauptamtes darstellt. Und das ist – wie ich finde – schon beklemmend genug.

Heydrich hatte in der Sitzung noch immer den Plan einer großen Deportationslösung mit dem Ziel der besetzten sowjetischen Gebiete vorgetragen, den er seit dem Frühjahr 1941 entwickelte und der im Wesentlichen erst nach Kriegsende zu verwirklichen gewesen wäre; der Plan sollte, wie er ausgeführt hatte, aufgrund einer von ihm ausgearbeiteten Vorlage  nach Abstimmung mit den „Zentralinstanzen“ in Gang gesetzt werden. Hinausgelaufen wäre er darauf, elf Millionen europäische Juden an die Peripherie des neuen deutschen Imperiums zu deportieren und sie durch eine Mischung aus erschöpfender Zwangsarbeit, katastrophalen Lebensbedingungen in Lagern und direkten Mordaktionen (bei gleichzeitiger Behinderung von Geburten) in einem wohl noch nicht bestimmten Zeitraum physisch auszulöschen.

Besonders erhellend finde ich bei  der Darstellung des Teilnehmerkreises die wiedergegeben Reaktionen nach dem Krieg. Wenn die 15 „Spitzenbeamten“ nicht verstorben waren, konnten sie sich nicht wirklich erinnern oder verleugneten die Teilnahme. Staatssekretär Neumann, so schreibt Longerich, hätte nach eigenem Bekunden betont, er habe „dienstlich damit nichts zu tun“, Staatssekretär Stuckard habe geäußert: „Ich habe da nicht teilgenommen … Ich weiß das heute nicht mehr mit Sicherheit.“ Lediglich der Jurist Friedrich Kritzinger (1890 bis 1947) habe sich nach 1945 freimütig an den Inhalt der Besprechung erinnert und Reue gezeigt.

Karriere  machte gar Dr. Georg Leibbrandt, der es bis zum Berater Konrad Adenaures brachte. Leibbrandts Thema:  die Rückführung deutscher Kriegsgefangener aus der Sowjetunion. Dass er 1966 das Bundesverdienstkreuz bekam, wirft ein schales Licht auf diese Auszeichnung.  Georg Leibbrandt starb 1982 in Bonn.

Mich hat die Lektüre des Longerich-Buchs dazu veranlasst, den Stoff doch noch einmal von der fiktionalen Seite anzugehen, wenn diese Einstufung überhaupt sinnvoll ist. Ich habe mir den (wie ich finde) hervorragend besetzten und gespielten Film „Die Wannseekonferenz“ von 1984 angesehen, eine Art Kammerspiel des Schreckens. Hier kommt zusätzlich zum reinen Protokoll die Atmosphäre, wie sie gewesen sein könnte und meines Erachtens auch war, gut rüber. Der Weg zur „Endlösung“ wird von ständigem Gelächter, Herrenwitz und einer Überheblichkeit begleitet, die Zuschauer schaudern lässt. Und auch das Fazit, das Longerich zieht, wird deutlich: die „Endlösung“ wird von da an in den Dienst der Kriegsführung gestellt. Jetzt ist alles erlaubt.

Peter Longerich, Wannseekonferenz, Der Weg zur „Endlösung“, Pantheon-Verlag, München 2016


Empfehlenswert ist die Seite www.ghwk.de. Die Gedenkstätte Haus der Wannseekonferenz stellt sich vor. Abrufbar ist per PDF auch das komplette Protokoll. Ein Zeugnis des Schreckens. Weiter gibt es Einzelheiten über die Teilnehmer der Konferenz am  20. Januar 1942.

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