Hungrige Bestien

Wenn alles untergeht, hilft vielleicht nur die Gerechtigkeit – und zwar im Sinne wahrer menschlicher Werte.

Kaum wabern Rassisten durch die höchsten Sphären der Politik, lese ich Jussi Adler Olsens Verachtung. Einen Krimi also, in dem es um furchterregende Machenschaften furchterregender Rechtsextremer geht. Und somit auch um Euthanasie, der selbstgerechten „Vernichtung unwerten Lebens“.

Adler Olsen hat einen sehr beklemmenden und sehr aktuellen Roman geschrieben.  Neu diesmal ist die enge Verzahnung mit der Wirklichkeit: Ich wüsste nicht, wann Adler Olsen dermaßen nah dran war an unserer Zeit.  Und am Früher.

Langsam hat man sich an die Protagonisten gewöhnt, an den grantigen Carl Mørk, an seinen Assistenten Assad sowieso, auch wenn der in diesem Roman wieder nicht ganz zu packen ist. So ist das halt:  Assad bleibt ein ewiger Running Gag. Nur besser, verflixt irgendwie. Weil du als Leser selbst zum Detektiv wird. Im Fall Assad über alle Romane: Wer ist dieser Typ wirklich? Ich sehe ihn nicht gern in (bisherigen) Verfilmungen dargestellt, zu sehr habe ich mein eigenes Bild im Kopf. Und diesmal wird Assad, den niemand wirklich kennt, noch viel wichtiger, gerade am Ende der Verachtung.

Schillerndste Figur im negativen Sinn ist der Gynäkologe Curt Wad, Arzt, Netzwerker, ultrarechter Geselle. In seinen Seilschaften wird bestimmt, wer des Lebens wert ist und wer nicht. Und wer was an die Öffentlichkeit bringen darf. Ganz gruselig. Olsen beschreibt Wads  Welt auf verschiedenen Zeitebenen, 1985, als Wad Nete Rosen trifft, früher, als sie auf der „Insel der augestoßenen Frauen“ auf Sprogø lebte, und 2010, als Mørks Dezernat in die Recherchen einsteigt und auf Wads Umfeld trifft. Und Wad  lebt,  seine populistische Partei vertritt sein Netzwerk,  er spinnt es weiter, blickt auf sein „Lebenswerk“. Nete bleibt seine Nemesis, sie führt ihren Rachefeldzug. Nicht nur gegen Wad, auch gegen all jene, die sie auf Sprogø gequält haben, jener Insel, auf denen es die Kellerschen Anstalten gab (so hießen sie in Wirklichkeit), in denen „psychisch Kranke“ untergebracht waren, im Sinne einer kruden „Eugenik“ geheilt wurden und wo es Zwangssterilisationen und Kastrationen gab. An den Verantwortlichen und Helfershelfern will sich Nete rächen, sie sind es, die sie „verachtet“. Ungemein fesselnd beschreibt Olsen, wie subtil sie ihren Plan, die Peiniger zu vernichten, in die Tat umsetzt. Aber auch, wie Wad den Plan zu durchschauen scheint – das sind meines Erachtens die spannendsten Momente dieses Buches, das Abarbeiten der Rache.

Olsens Thriller ist mit seinen oft überraschenden Wendungen bis zum Schluss lesenswert. Adler Olsens Sprache ist in den Dialogen zuweilen filmhaft, in den Beschreibungen nüchtern dokumentarisch. Ein schönes Beispiel etwa ist die  Stadt Norrebrø, das Adler Olsen als „Kriegszone“ beschreibt – und er meint einen modernen Krieg, in dem es nicht mehr um Ländergrenzen geht: „Schnell hochgezogene Häuser hatten den Nährboden für jede Menge sozialer Probleme geschaffen, und in deren Folge hatten sich Kriminalität, Gewalt und Hass eingenistet.“ Die Welt hatte sich wieder mal verändert, Adler Olsen versucht Erklärungsmuster zu finden, warum sie so geworden war, so, dass eine Schießerei nur noch Routine ist. Es ist die Welt, in der Nete heute lebt, die Welt, die sie so nicht gewollt hat. Die sie aber besser machen will, die sie gutmachen will.

Dass auch die als Folge dieser Zeiterscheinung zurückgeholte oder besser: aufgeweckte Welt der Rechten bröckelt, mag in Verachtung tröstlich sein, bildlich dargestellt in jenen Szenen,  in denen sich der an sich böse Curt um seine sterbende Frau kümmert. Menschliches blitzt durch, unterschwellig im Angesicht des eigenen Todes. „Im Agenblick bröckelt alles“, schreibt Adler Olsen. „Es kam ihm fast so vor, als schnapppten hungrige Bestien nach seinem Lebenswerk.“ Und zuletzt bist du ganz allein.

Wenn alles untergeht, hilft vielleicht nur die Gerechtigkeit – und zwar im Sinne wahrer menschlicher Werte, die – trotz aller Brüche – Figuren wie Assad und Rose, die Abteilungsleiterin vom Dezernat Q – und eben Carl Mørck verkörpern. Mal schauen, wie deren Leben weitergeht.

Jussi Adler Olsen, Verachtung, aus dem Dänischen von Hannes Thiess, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2012

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