Liebe ohne Ende

Die Seuche lässt sich vielleicht bekämpfen, die Liebe nicht.

Amor hat Florentino Ariza mitten ins Herz getroffen. Und die entfachte Liebe ist nicht flüchtig, sie währt ein ganzes Leben lang. Die Liebe in den Zeiten der Cholera von Gabriel José García Márquez ist eine der schönsten Liebesgeschichten, die es in der Literatur gibt. Und mir gefällt, dass der Roman phantastisch endet.

Irgendwie war klar, dass der honorige Arzt Juvenal Urbino sterben muss. Es gab Vorzeichen, darunter den Selbstmord eines Freundes. Und dann stürzt der 81-Jährige am Pfingssonntag 1930 von der Leiter, als er einen Papagei vom Baum holen will. Bei Juvenals Totenfeier, die durch ein schlimmes Unwetter begleitet wird, offenbart Florentino Ariza der Witwe seine Liebe, jener Fermina Daza, die er in seiner Jugend kennengelernt hatte, die er verlassen musste, weil ihr Vater die Verbindung nicht wollte, mit seiner Tochter eine Reise des Vergessens unternahm, weit weg von Florentino Ariza. Der muss später erfahren, dass Fermina Daza den angesehenen Mediziner geheiratet hat, nicht den Leidenschaftlichen also, den Rationalen. Doch egal, was Ariza Zeit seines Lebens auch anstellt, er denkt immer an die scheinbar verlorene Liebe, hofft und hofft, liebt weiter und weiter – während Fermina Daza die Höhen und Tiefen der Ehe erlebt, die fremden Leidenschaften ihres Mannes, das Beisammenbleiben, weil die eigene Leidenschaft irgendwann nicht mehr zählt, weil beide durchs Leben klug geworden sind.

Doch was ist das für eine Klugheit? Ist Fermina Daza wirklich glücklich? Als Mutter, als Dame der Gesellschaft, als Frau an der Seite des Dr. Juvenal Urbino? Und als er stirbt, ist da dieser unverschämte Florentino Arizo, der ihr immer wieder Briefe geschrieben hatte, der sein eigenes Leben mit unzähligen Liebschaften und erotischen Abenteuern geführt hat und – das zum Thema Ansehen – es zum Direktor der karibischen Flussschifffahrtsgesellschaft bringt. Und er schreibt ihr wieder. Und sie treffen sich. Und er fehlt ihr, wenn er krank ist und nicht kommen kann. Bin ich nicht zu alt für die Liebe? Nein, ich bin es nicht. Ferminas Kinder sind entsetzt, doch jetzt will sie sich nicht mehr bevormunden lassen.

Gemeinsam gehen sie auf ein Schiff, dass die Cholera-Flagge hisst, das Zeichen dafür, dass es nicht anlegen kann. Und sie fahren hin und her, für mich ein phantastisches, wenn nicht gar märchenhaftes Ende. Denn wenn sie nicht gestorben sind, fahren sie noch immer.

Der Kapitän sah Fermina Daza an und entdeckte auf ihren Wimpern das erste Glitzern winterlichen Reifs. Dann schaute er Florentino Ariza an, sah seine unerschrockene Liebe und erschrak über den späten Verdacht, dass nicht so sehr der Tod, vielmehr das Leben keine Grenzen kennt. „Und was glauben Sie, wie lange wir dieses Scheiß-Hin-und-Zurück durchhalten können?“ Florentino Ariza war seit dreiundfünfzig Jahre, sieben Monaten und elf Tagen und Nächten auf die Frage vorbereitet: „Das ganze Leben“, sagte er.

Die Liebe in den Zeiten der Cholera, Seite 508f

Liebe mag eine Krankheit sein, Ariza hat sie befallen – doch eine Heilung gibt es nicht. Die Cholera wird vielleicht enden, und vielleicht hat Juvenal Urbino in seinen jungen Jahren forschend dazu beigetragen; Arizas Leidenschaft für Fermina Daza jedoch endet niemals. Der Liebende nimmt dafür alles in Kauf, auch eine zuweilen lächerliche Außenwirkung, auch die Verschmähung durch die Geliebte auf der Totenfeier ihres Mannes, was – bei aller Tragik – eben jene fein-witzige Komponente von Die Liebe in den Zeiten der Cholera ist, eine Komponente, die den Roman meines Erachtens so wunderbar macht.

Wunderbar macht ihn aber auch die Sprache, die bei Márquez wirklich Sogwirkung hat. Da erzählt einer ohne jedes Abgehoben-Sein über lebenslange Liebe, über Sexualität im Alter, über Zweisamkeiten, die sich verändern, sich anpassen, sich abstoßen, sich verbinden. Das alles und dass wir als Setting das Gesellschaftsbild des Postkolonialismus in Kolumbien vermittelt bekommen, macht den Roman nicht nur zum Geschichtenbuch, auch zum Geschichtsbuch.

Die Liebe in den Zeiten der Cholera von Gabriel Garciá Márquez ist 1967 erstmals erschienen, mir liegt die Übersetzung von Dagmar Ploetz vor, Kiepeneheuer & Witsch 1985

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