Mankells Anfänge

Das Frühwerk.

Es gab einen Mankell vor Wallander, es gab einen Mankell vor den Afrika-Romanen, die wir kennen. Es gibt ein Frühwerk – und wer Henning Mankell kennt, erkennt schnell, dass Der Sandmaler zum Frühwerk gehört. Nicht weil der Roman schlecht wäre – aber doch irgendwie anders.

Mankell war 24 Jahre alt, als er zum ersten mal nach Afrika reiste. Als er wiederkam, schrieb er Der Sandmaler, wohl sein zweiter veröffentlichter Roman in Schweden. Worum geht es? Um Elisabeth und Stefan, die gerade Abitur gemacht haben, eine flüchtige Geschichte hatten, jetzt (zunächst unabhängig voneinander) in ein nicht näher benanntes afrikanisches Land reisen und sich zufällig treffen. Er, Sohn stinkreicher Eltern, ständig geil und eine Erlebnisliste abhakend, zu der auch der Sex mit einer schwarzen Frau gehört; sie, Elisabeth, Tochter aus armen Verhältnissen, Stefans  Verlogenheit erkennend, sie, die hinter die Kulissen blickt, die dem Mitreisenden Sven zuhört, die erkennt, dass Afrika eben nicht „dunkel lockend“ daherkommt und nur funktioniert, wie beige gekleidete Westler es sehen wollen. Kolonialismus ist Thema, und jene Ausbeutung, die auch in den siebziger Jahren (und darüber hinaus) noch lange nicht vorbei war. Im Tourismus etwa, der damals aufzublühen begann. Yene heißt die 18-Jährige, mit der Stefan umständlich schläft , der er Geld für die Heimfahrt mit dem Taxi gibt. Yene geht zu Fuß und ernährt mit den Münzen ihre Familie.

Elisabeth trifft am Strand den Sandmaler, eine durchaus phantastische Begegnung, ein philosophisches Einsprengsel über Vergänglichkeit, über Werte und Wahrheiten des Augenblicks, über das Wissen von  all dem, was Afrika ausmacht, was  aber eben nicht oder nur ganz kurz zu sehen ist.  Schriftstellerisch, wie ich finde, ist das schon alles recht gut – und Mankells Anlagen sind da. Natürlich ist die Geschichte linear erzählt, einfach sogar, was das Lesevergnügen aber keinesfalls schmälert. Ganz im Gegenteil. Es ist beklemmend, wie die beiden naiven Hauptcharaktere einen Friedhof entdecken, der aus kolonialer Zeit stammt. „Alle Namen, die sie entziffern konnten, waren englisch, und die Geburts- und Todesdaten erstreckten sich von Beginn des 19. Jahrhunderts bis in die fünfziger Jahre. In einige der weißen Kreuze waren Rahmen mit vergilbten Fotografien eingelassen. Alle zeigten sie weiße Menschen.“

Mankells Szenen sind gut gezeichnet, die Tiefe der späteren Afrika-Romane wie Der Chronist der Winde oder Das Auge des Leoparden haben sie nicht. Es macht aber Spaß, die Entwicklung eines so tollen Schriftstellers auf diese Weise  nachvollziehen zu können. Der Respekt vor Afrika ist von Anfang an da.

Ndou, der junge Fremdenführer, ist die Klammer für Elisabeth und Stefan, er zeigt beiden seine Welt – und beide werden anders darauf reagieren.  Die Zukunft ist offen, für Afrika, aber auch für Stefan und Elisabeth. Und für Mankell war sie es damals auch. Fest stand nur, dass ihn der Kontinent nicht mehr loslässt.

Ich finde es gut, dass Zsolnay den Roman nach Mankells Tod noch herausgegeben hat. Besser spät als nie.

Henning Mankell, Der Sandmaler, deutsch von Verena Reichel, Paul Zsolnay, Wien 2017.

Die Originalausgabe erschien 1974 unter dem Titel Sandmalaren bei Författaverlaget in Stockholm.

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