Für das Marschmädchen wird das Leben in der Natur zum Überlebenskampf. Aber nicht, weil die Marsch so wild ist, sondern weil die Menschen sie für schuldig befinden.

Eine verkorkste Kindheit kann dir das ganze Leben versauen. Klar – sie ist zuweilen die Erklärung für alles Schlechte, für alles, was da kommt, vor allem, wenn es nicht nach Recht und Gesetz geht. Der Mensch mag einfache Muster – und die werden etwa für das Marschmädchen, das um diese Muster weiß, zum lebensbedrohlichen Verhängnis. Delia Owens hat die Geschichte von Catherine Danielle Clark, genannt Kya, in ihrem Debutroman Der Gesang der Flusskrebse aufgeschrieben. Das Buch spielt vor allem in den fünfziger und sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Und es spielt in der Marsch nahe der fiktiven Stadt Barkley Cove in North Carolina.

Die frühe Szene, als die Mutter die Familie verlässt, schwingt das ganze Buch über mit, die Mutter bleibt auch für Kya ein ständiger „nicht anwesender“ Begleiter. Vom saufenden Vater kann sie nicht viel erwarten, auch von den Geschwistern nicht: Kya zieht sich ins Marschland zurück, schafft es, die Schule zu umschiffen und sich in und mit der Natur zu bilden. Und mit Tate, der sie liebt, was Kya aber nicht so recht glauben will.

Wild ist diese Natur, wild ist auch das Marschmädchem, das nur wenig Kontakte hält. Etwa zum liebenswerten Jumpin´: Über den freundlichen Kaufmann versorgt sie sich, er ist Kyas Kontakt zur Welt da draußen. Dass der junge Chase Andrews, der sich für Kya interessiert, ums Leben kommt, macht das Buch zum Krimi – hat sie ihn getötet, weil sie erkannt hat, dass sie nur ein Abenteuer war? Oder war es ein Unfall? Und überhaupt: Wer glaubt noch an Kya? Auf jeden Fall Tate, der mittlerweile erkennt, dass es ein Fehler war, das Marschland und vor allem Kya zu verlassen. Sheriff Ed Jackson und Deputy Joe Purdue haben ihre Ermittlungsarbeit längst aufgenommen. Und es ist keine Überraschung, dass es vor Gericht um Kyas Chancen schlecht steht.

Dabei hat sie sich – trotz der Mutter und des Vaters – emanzipiert. Auf ihre Weise, ohne das staatliche Bildungssystem, nur mit sich und dem Marschland: Kya schreibt. Zum Beispiel Sachbücher über die Natur, vielleicht auch Gedichte, wie sich später herausstellt. Sie führt die eingangs zitierte Binsenweisheit für sich ad absurdum, für andere leider nicht. Kurzum: Die Geschichte wird auf jeden Fall anders ausgehen, als es die Leser normalerweise vermuten dürften. Was bleibt, ist allerdings die Erkenntnis, dass die kritiklose Übermahme „allgemeiner Wahrheiten“ nicht nur Unsinn, sondern auch gefährlich ist: sie kann ein Leben zerstören.

Delia Owens, Jahrgang 1949 und selbst Zoologin, hatte bereits mehrere Sachbücher verfasst. Ihr dieses Jahr erschienener Roman Der Gesang der Flusskrebse ist der erste belletristische Text. Darin hat mich vor allem die lyrische Sprache überzeugt, hier mit einfachen Worten phantastische Bilder zu zaubern, die Natur zu beleben. In Kyas Welt ist alles aus einem Guss, eigentlich dürfte diese Idylle doch niemand stören – aber eigentlich ist nicht das Leben und auch kein Roman. Die Brüche, die von außen kommen, sind umso schmerzhafter, kurz: sind in großer Intensität nachvollziehbar. Dem Text merkt man die Nähe zur Natur an, es ist vielleicht die Vorstellung vom Maler, der draußen gemalt hat, die mich so fasziniert: ich hatte den Eindruck, Owens hat in der Marsch geschrieben. Und auch für ihre Hauptfigur Kya wird Natur zum wichtigsten Menschen:

Monate vergingen, der Winter hielt leise Einkehr, wie die Winter im Süden das tun. Die Sonne, warm wie eine Decke, umhüllte Kyas Schultern, lockte sie tiefer n die Marsch. Manchmal hörte sie nachts Geräusche, die sie nicht kannte, oder sie erschrak sich, wenn Gewitterblitze zu nah waren, doch wenn sie stolperte, war da immer das Land, das sie auffing. Bis irgendwann, in einem unbemerkten Moment, der Herzschmerz versickerte wie Wasser im Sand. Noch immer da, aber tief unten. Kya legte ihre Hand auf die atmende nasse Erde, und die Marsch wurde ihr zur Mutter.

Der Gesang der Flusskrebse, Seite 50

Der Gesang der Flusskrebse von Delia Owens, übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann, ist bei Hanser Blau 2020 erschienen.