Ein persönliches Interview, eine Beziehungsgeschichte zwischen Sohn und Mutter, aber auch ein Geschichtsbuch – Ich habe Uhren gibt es nicht mehr sehr gerne gelesen.

Sie will nur noch das Nötigste reden. Das Schweigen, so sagt sie, bringe für gewöhnlich einen höheren Genuss. Über einhundert Jahre ist Elisabeth Heller alt, als sie ihrem Sohn André ein langes Interview gibt und somit doch nicht schweigt. Zum Glück. Das daraus entstandene Buch sollten junge und jüngere und Junggebliebene unbedingt lesen, alle anderen auch. Uhren gibt es nicht mehr von André Heller ist voller Weisheit und Geschichte.

Als ich den Text von 2016 las, hat sie noch gelebt. Schon allein ihre Lebensspanne klingt beeindruckend – fast 104 Jahre: in Wien geboren, dort und in Südtirol aufgewachsen, verheiratet mit dem jüdischen Zuckerfabrikanten Stephan Heller, Mutter von Fritz, mit dem sie nach 1933 in Österreich blieb. Zwischenzeitlich war sie von ihrem Mann getrennt, als er unter den Nazis emigrieren musste, dann die erneute Heirat, am 22. März 1947 die Geburt des zweiten Sohns André. Zeit ihres Lebens war Elisabeth kulturell interessiert, traf auch auf Schauspieler und Schriftsteller einer längst vergangenen Epoche: Der Architekt Adolf Loos sei stur gewesen, und Karl Krauß „war einmal in der Eßlergasse auf der Dachveranda zum Tee.“ Dort, so erzählt Elisabeth Heller, hätten sich die „gescheiten Menschen“ versammelt, darunter Friedrich Austerlitz, Chefredakteur der Arbeiter-Zeitung und sozialdemokratischer Abgeordneter zum Nationalrat. Schon früher hatte Fanz Lehár Musik für sie gespielt, ihre Jugendfeundin war Manon Gropius, die Tochter des berühmten Architekten, und bei ihren Eltern hatte Franz Werfel wilde Geschichten erzählt.

Das Erzählte oder besser: das Geantwortete von Elisabeth Heller hat eine herrlich kindliche und im guten Sinne oft naive Natur. Ein Kind muss sich um nichts scheren, ein ganz alter Mensch auch nicht, wenn er nicht gerade wie Goethe ein Lebenskunstwerk schaffen will, das die Zeiten überdauert . Bei Elisabeth beeindruckt die gehörige Lebenserfahrung, die eine tröstliche Lektüre schafft: Leben (wenn es den Lebenden nicht durch allzu arge Krankheiten und Einschränkungen malträtiert) bleibt lebenswert. Erinnerungen sind wichtig, ob sie konstruiert sind oder gar nicht, ist völlig egal. Diese Geschichte, als sie mit dem eigenen Handeln oder Nicht-Handeln im Krieg hadert, nehme ich Elisabeth Heller nun wirklich eins zu eins ab:

Ich hab etwas nicht getan, dass mich in letzter Zeit immer wieder beschäftigt. Ich war am Kriegsende in Bad Ischl in einem Lazarett für Soldaten mit schweren Kopfverletzungen. Sie sind in Wasserbetten gelegen und haben geschrien, und es war unsagbares Leid. Ich musste ihre Personalien überprüfen und für sie Briefe an Familien schreiben. Einer, der besonders arg dran war, hat immer meine Hand gehalten, und einmal wollte er, dass ich ihm einen Kuss gebe. Mich hat gegraust, und ich hab ihm den Wunsch verweigert. Am nächsten Morgen war er tot. Das kann ich mir nicht verzeihen. Diesen Kuss hätte ich gegen den Krieg und für den Frieden geben müssen.

Uhren gibt es nicht mehr, Seiten 34/35

Neben der Angst zu verblöden beschäftigt Elisabeth im Alter der Tod. Manchmal sei der Herzschlag so laut, dass sie nicht einschlafen kann. Angst habe sie dann aber nicht, Angst, so sagt sie, zahle sich nicht aus. Sterben hingegen wäre auch nicht falsch, doch „es gibt jetzt keine Eile mehr.“ Und überhaupt: Den Tod gebe es so gar nicht. „Es war ein falsches Bild. Er ist nur das Wort für den Durschlupf benützen.“ Das sei dann der gute Tod.

Uhren gibt es nicht mehr ist das bilanzierende Buch einer interessanten Frau. Gleichzeitig sagt es viel über das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn aus. André Heller spricht dabei, wenn er auf die jüngeren Jahre seiner Mutter blickt, von einer tragischen Schwäche auf der einen Seite: sie bewunderte rebellische und gegen den Strom schwimmende Persönlichkeiten, las bis zuletzt Thomas Bernhard und Elfriede Jelinek. Auf der anderen Seite habe es einen „erstaunlichen Opportunismus“ gegeben, dem jeweils Mächtigsten in einer Gesprächsrunde recht zu geben. Konflikten sei sie, wenn möglich, aus dem Weg gegangen. Ein bekanntes Lebensmuster, mit dem man in der Tat bis in gewisse Grenzen leben kann. Hier hat es vielleicht dazu beigetragen, dass André Heller selbst ein beeindruckender Künstler geworden ist. Und der hat – so ganz nebenbei – in dìesem Buch auch sein eigenes Leben aufgearbeitet.

Uhren gibt es nicht mehr ist 2017 bei Zsolnay in Wien erschienen.