Paulas Wassermusik

Eine anspruchsvolle Lektüre, auf die ich mich gern engelassen habe.

Es wäre leicht, sich den vielfach gelesenen Meinungen zu Into the Water anzuschließen: zu viel Personal, Leser werden überfordert, eine verworrene Geschichte. Vom „Plottsalat“ spricht gar die FAZ, was grundsätzlich erstmal stimmt: Salate schmecken ja oft ziemlich gut. Kurzum: Die Kritik an dem Buch teile ich nicht.

Immer wieder lese ich (auch in der FAZ), dass Into the Water das zweite Buch von Paula Hawkins sei. Auch da wäre ich vorsichtig. Es ist das zweite Buch, dass unter dem richtigen Namen Paula Hawkins erschienen ist, nach dem für mich enttäuschend verfilmten Girl on the Train von 2015.  Als Anna Silver hatte die britische Autorin bereits Romane veröffentlicht. Aber sei`s drum: Into the Water hat ziemlich viele Gewürze, die mir an einem guten Roman gefallen:  gut gezeichnete Figuren, Blicke in die Vergangenheit, phantastische Elemente und eine wirklich schöne Sprache. Letzteres dürfte auch an der hervorragenden deutschen Übersetzung von Christoph Göhler liegen, Cheapau! „Die Männer fesseln sie wieder, diesmal aber anders: den linken Daumen am rechten Zeh, den rechten Daumen an den linken. Das Seil um die Taille. Diesmal wird sie ins Wasser getragen.“

Es kann doch kein Zufall sein, dass sie alle im Drowning Pool ums Leben kommen, einer Biegung des Flusses. Sie sterben seit Jahrhunderten, Libby und all die anderen. Immer Frauen.  Vielleicht kann Nell Abott die Geschichte erhellen, Nell, die sich laut Nickie „mit aller Kraft gewehrt hat“.  Ihr Tod steht am Beginn des Buchs, und doch taucht sie in der weiteren Handlung wieder aus dem Drowning Pool hervor. Hawkins erzählt ihren Roman auf zwei Ebenen, von denen uns eine in Nells Vergangenheit führt, die andere  in die Aufklärung ihres Todes – eine Art Detektivgeschichte, bei der die Ermittlerin schon gar nicht mehr lebt. Ziemlich raffiniert, wie ich finde.

„Es ist ein idyllischer Flecken“, hatte Nell geschrieben. „Doch der Schein kann trügen, denn dies ist ein Ort des Todes. Das Wasser, dunkel und glasig, kaschiert, was in der Tiefe liegt: Schlingpflanzen, die dich umklammern und unter Wasser ziehen, scharfe Felsen, die durch Fleisch schneiden können. Und darüber erhebt sich dunkel die schiefergraue Klippe: eine Mutprobe, eine Provokation.“ 2008 war sie nach Beckford gezogen, schwamm fast jeden Tag im Fluss und war, so schreibt sie in einem „unveröffentlichten Prolog“, vom Drowning Pool fasziniert, für sie ein Ort des Glücks, für andere ein Ort des Schreckens.

Ja, es gibt über zehn Hauptpersonen, viele mit Geheimnissen, die unmittelbar mit den Fällen zu tun haben. Es geht um Lügen und Misshandlungen und – es geht um Hexerei.  Die Lieblingszene meinerseits spielt im Jahr 1679, in dem eine Hexe im Drowning Pool ermordet wird, weil sie nicht an der Oberfläche bleibt. Von einer Probe ist die Rede. Eine Hexe würde überleben. „Sie ist untergegangen“, heißt es dann, und: „Sie ist keine Hexe, sie ist nur ein Kind.“

Into the Water ist ein Buch, auf das sich Leser einlassen müssen. Hawkins hat zwar schnell einen Roman nach Girl on the Train geliefert, schnell lesen lässt es sich meines Erachtens aber nicht. Umso passender der Untertitel: Traue keinem, auch nicht dir selbst. Auch nicht dem eigenen Lesen also – das Unverstehen liegt in der Natur des Buches, es gehört zum Programm, zum Gewollten der Autorin. Vielleicht ist das auch die Botschaft: Lesen wider die Oberflächlichkeit, die uns im Alltag doch so oft nervt (mich jedenfalls). Paula Hawkins liefert nicht weniger als ein Manifest der Aufmerksamkeit. Und deshalb gibt es keine lineare Handlung, deshalb die Erzählebenen, deshalb das Wasser, in dem man untergehen kann (nicht nur als Hexe), in dem man vielleicht wieder ganz neu schwimmen lernen muss. Nein, ein Schnellschuss kann das Buch gar nicht sein.

Into the Water war eine anspruchsvolle Lektüre, ich habe mich gerne darauf eingelassen. Und den Wert erkannt, als ich es ausgelesen und darüber nachgedacht hatte. Wie gesagt: Man sollte sich nicht selbst zu sehr trauen.

Paula Hawkins, Into the Water, Deutsch von Christoph Göhler, Blanvalet, München 2017

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