Renovatio

Ein guter Einstieg ins Reformationsjahr.

Da war 2017 schon mehr als das halbe Jahr vorbei – und ich hatte immer noch kein Buch gelesen, das sich konkret mit dem Thema Reformation auseinandersetzt.  Dabei sind  Menschen in meinem Umfeld schon genervt, da in den Zeitungen und anderen Medien so viel „geluthert“ wird und wir – wenn wir es denn nicht schon wussten – jetzt wissen, dass Martin L. nicht nur toll war.

Doch es lohnt sich weiterhin, die Reformation mal ernsthaft zu betrachten. Diesmal in einem Sachbuch, in dem es um Vorgeschichte, Verlauf und Wirkung geht. Also: kein Roman (wie etwa jenem von Guido Dieckmann) oder ein „Luther“-Film (wie der über Katharina von Bora, in dem es letztlich auch nur um den dicken Mann geht). Luise Schorn-Schütte bietet in Die Reformation eine knappe, dabei aber gute Übersicht.

Gut zweieinhalb Stunden habe ich für das schmale Büchlein mit dem Titel Die Reformation gebraucht – und fühlte mich danach gut informiert. Die Reformation ist mitnichten nur Luther, der Papstschreck ist vielmehr eingebunden in die „großen Linien des historischen Wandels“. Um „Reinigung“ der Kirche ging es nämlich schon vorher, was – und hier sind wir wieder in einer Romanwelt – Eco mit seinem Klosterkrimi schon so wunderbar geschildert hatte. Dass der Humanismus, der bei Schorn-Schütte  als Bildungsbewegung geschildert wird, eine große Rolle gespielt hat, liegt auf der Hand, wobei die Verbindung zur Kirche vielleicht durch Erasmus von Rotterdam (1466/69 bis 1536) am deutlichsten wird. Schorn-Schütte: „Die tiefe Religiosität der Zeit intensivierte das Empfinden für die Unzulänglichkeiten der Amtsträger einerseits, der Kirche als Institution andererseits.“  Was hochgradig aktuell ist, sorgte also schon damals für Unmut: der Missbrauch des geistlichen Amts als Versorgungsinstitution.

Dass die Veränderungen in höchst unterschiedicher Radikalität über die Bühne gingen, macht Schorn-Schütte deutlich, schreibt vom „radikalen Flügel“ in Zürich, von Hyldrich Zwingli und dass der im angezettelten Konfessionskampf ums Leben kam. Luther musste die Täufer in Münster zur Kenntnis nehmen und ihren Willen, die Stadt zum neuen Jerusalem zu machen.  Interessant sind meines Erachtens auch die Bezüge zum Bauernkrieg, die hier in ihrer Vorbereitung direkt auf Luther zurückgeführt werden.  Zentral ist wohl folgendes Ereignis, wie Schorn-Schütte schreibt: „Aber der Widerstand der Bauern in der Stühlinger Herrschaft gegen ihren Grundherren fand Unterstützung durch die Bürger von Waldshut, die sich aufgrund ihrer reformatorischen Aktivitäten ihres Pfarrers Balthasar Hubmaier, wiederum eines Zwinglianers, in offener Auseinandersetzung mit ihrem habsburgischen Stadtherren befanden.“ Dadurch, so erklärt die Autorin, seien die reformatorischen Auseinandersetzungen mit den bäuerlichen Forderungen verbunden worden. Nach und nach weitete sich der Aufstand aus.

Schorn-Schüttes Buch ist keine Luther-Biographie, soll das aber auch keinesfalls sein.  Es blickt vielmehr auf Luthers Wirkung,  also: Es betrachtet die Zeit vom vermeintlichen Thesenanschlag 1517 (dem alles entscheidenden Datum …) bis zum Augsburger Religionsfrieden 1555  (Luther war da schon neun Jahre tot) nicht isoliert, sondern wirft auch einen Blick auf die Deutungsgeschichte. Dabei ist die Frage durchaus legitim, ob es „die“ Reformation überhaupt  gegeben hat. Die Übergänge seien fließend gewesen, von einer Revolution im neuzeitlichen Sinn könne nicht die Rede sein.  Schorn-Schütte sieht Luther nicht am Anfang der Moderne, die Epochenzäsur sei von den Nachgeborenen gemacht.  Luther verliere deshalb aber nicht an Bedeutung, was sich auflöst, so Schorn-Schütte abschließend, sind aber die Deutungsmuster für das Vergangene.

Wenn ich mich aktuell in einer Buchhandlung aufhalte (und das kommt ziemlich oft vor), gibt es überall Büchertische zum Reformationsjahr. Sie geben einen Einblick  wie viele Texte 500 Jahre danach erschienen sind.  Ich finde, Die Reformation von Luise Schorn-Schütte, Professorin in Frankfurt, ist ein guter Einstieg. Geschrieben wurde das Buch übrigens nicht in der Aufgeregtheit vor dem Jubiläumsjahr, sondern schon 1996. 2016 wurde es allerdings überarbeitet. Wer zur weitergehenden Lektüre einen Bestseller lesen möchte, liest Lyndal Ropers Luther. Das ist dann aber wirklich eine Biographie.

Luise Schorn-Schütte, Die Reformation. Geschichte, Verlauf, Wirkung, Verlag C.H. Beck,  München 2016 (sechste überarbeitete Auflage)

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