Leben mit Literatur

Sockel oder doch nicht?

Die Italienische Reise – hier ein Exemplar, das ich mir aus Weimar mitgebracht habe – war ein mutiger Aufbruch. Auch für Goethe.

Herder hockte auf dem Sockel. Ganz klar – für mich war er fast so etwas wie ein Nationalheiliger, wobei hinzukommt, dass eine Schule in meiner Heimatstadt nach ihm benannt wurde. Nachdem ich aber Goethe – Kunstwerk des Lebens von Rüdiger Safranski gehört hatte (mittlerweile schon zweimal), war klar: Auch Johann Gottfried Herder (1744 bis 1803) war nur ein Mensch, und zwar nicht nur ein angenehmer. Er konnte kaum zeigen, dass der wenig Jüngere etwas gut gemacht hatte, konnte nicht loben, hatte diesen Skeptizismus, den ich im Umgang mit Freunden für übertrieben halte, oder für eine unangemessene Prüfung.

Aber genau das hat für mich das Kunstwerk des Lebens ausgemacht, nicht nur was Herder betrifft. Ich bin Goethe nur selten so nahe gekommen, wie in diesem Stück Biographie-Literatur. Höchstens beim Besuch in Weimar: im Gartenhaus an der Ilm, im Wohnhaus am Frauenplan oder abends im Theater, als eine Goethe-Fantasie gegeben wurde, in dem es um die Wirkung des Geheimrats auf Frauen ging. Nein, gelesen von Frank Arnold, teilweise auch von Rüdiger Safranski selbst, hat mir dieses Hörbuch sehr gut gefallen. Goethe wollte – und wenn es wie beim Faust noch so lange dauert – etwas zustande bringen, wollte vollenden. Dass ihm seine Lebensspanne 1749 bis 1873 vom Rokoko bis zur Romantik die Möglichkeit bot, war ein Glücksfall.

Safranski zeichnet die Lebensstationen nach, das Aufwachsen in Frankfurt, das Verhältnis zu Mutter und Vater, frühe Lyrik:

Wen du nicht verlässest, Genius,
Nicht der Regen, nicht der Sturm,
Haucht ihm Schauer übers Herz.
Wen du nicht verlässest, Genius

Wanderers Sturmlied, 1772

Dann 1773 der erste Erfolg mit dem Götz von Berlichingen, der Durchbruch mit Die Leiden des jungen Werther ein Jahr später, der Umzug an den Hof von Weimar und das Ministeramt, ermöglicht durch den jüngeren Gönner und Freund Herzog Carl August. Von hier aus die Italienreise als Flucht in ein idealisiertes Antik-Griechenland, die Beziehung danach zu Christiane Vulpius, Naturforschung samt Farbenlehre (deren Außenwirkung ihn enttäuschte), Dramen, Lyrik, immer wieder Lyrik, die Wilhelm-Meister-Romane, der Faust.

Das Hörbuch kam wie ein angenehm-gemächlicher Ritt durch ein langes Leben vor. Von Goethe erfährt man viel, aber auch vom intelektuellen Leben seiner Zeit, einer Zeit, in der Frauen viel geweint haben, überhaupt, so heißt es bei Safranski, sei viel geweint worden. Ob des Schlechten im Leben, der Krankheiten, von denen auch Goethe nicht verschont wurde. Und die fielen so schlimm aus, dass er an den Tod dachte, dabei aber auch an sein Werk, das unvollendet bleiben würde.

Safranski macht deutlich, dass Goethe eine Berufung hatte, die er nicht nur in der Rückschau als Konstrukt verklärt (wie etwa im bedeutungsschweren Anfang von Dichtung und Wahrheit, in dem selbst die Planentenstellung großes vermuten lässt), sondern auch schon im Lauf seines Lebens so sieht. Das jedenfalls lassen die unzähligen Briefe vermuten, die Safranski in den sechs Jahren seiner Recherche gelesen hat, die Zeitzeugentexte mit Begegnungs-Beschreibungen. Goethe selbst will wissen, wie er wirkt, bleibt – sprechend über den Herrn Goethe – gern inkognito: Er will sich darstellen, will ein „exemplarisches Leben“ führen. Was keine Kunst ist, lässt er nur selten an sich heran – es interessiert ihn nicht. Und wenn es ihn interessieren muss, weil es um Familie geht, wirkt er schwach – etwa, als er vom Tod seines Sohnes August erfährt. Er habe gewusst, dass er ein sterbliches Wesen gezeugt habe. Vaterliebe stellt man sich gemeinhin anders vor. Ohnehin der Tod: Dass sein Freund Schiller starb, war eine Katastrophe, Freundschaften waren ihm stets wichtig – mit all ihren Höhen und Tiefen. In Beziehungen ließ er spüren, wenn ihm etwas nicht gefiel, wenn Cotta etwa eine Ausgabe ohne sein Wissen herausbrachte. Dennoch blieb er ihm verbunden, weil Goethe das große Ganze sah – den Verdienst um seine Person.

In jedem Fall wollte Goethe sein Leben wie eine Pyramide zuspitzen, dabei auch an Grenzen gehen, das Menschsein in seinem Sinn auskosten. Wer Das Kunstwerk des Lebens gehört oder gelesen hat, wird zum Schluss kommen, dass das gelungen ist.

Bleibt die Frage nach dem Sockel und dem Nationalheiligtum, die ich zu Anfang meines kleinen Beitrags für Herder gestellt habe. Auch Goethe hat ein Ausnahmeleben geführt, war aber mit Sicherheit wie Herder kein „Heiliger“. Sockel sind also grundsätzlich schwierig, weil sie zur Heroisierung beitragen und weniger zur Wahrheit. Letzteres versucht Safranski. Bewundern darf man solche Leute ob ihrer Lebensleistung aber doch.

Rüdiger Safranski, Kunstwerk des Lebens, gelesen von Rüdiger Safranski und Frank Arnold, erschienen 2013 bei Random House

1 Kommentar

  1. Wolfgang Tofahrn

    Mit ihrem Vater teile ich ein Zimmer im Krankenhaus. Natürlich hat er von ihnen erzählt und wir lesen hier auch das MT. Ihr Kommentar des Hörbuches gefällt mir. Ich war Mathe-Lehrer am Herder-Gymnasium. Herder meinte, Mathe sei wichtiger als Latein.

    Wolfgang Tofahrn

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