Irgendwann können die Bienen ohne den Menschen nicht mehr überleben. Der Mensch aber auch nicht ohne die Bienen.

Es gibt dieses eine Zitat, das mich die ganze Lektüre von Die Geschichte der Bienen von Maja Lunde hindurch begleitet hat. Dabei ist gar nicht klar, ob es von Albert Einstein stammt – was in der Konsequenz des Gesagten auch kaum eine Rolle spielt, höchstens die Auffassung verstärken kann, dass der Urheber, der ja das ganze Universum erklären kann, einfach recht haben muss: „Wenn die Bienen verschwinden, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben; keine Bienen mehr, keine Pflanzen, keine Tiere, keine Menschen mehr.“

Maja Lunde erzählt aus drei Perspektiven, die sich zeitlich voneinander unterscheiden: Da wäre zunächst der schwermütige und nur durch den Zuspruch seiner Kinder zu Tätigkeit kommende Samenhändler William, der im 19. Jahrhundert den pefekten Bienenstock schaffen will, kurz vor seinen Erfolgen aber feststellen muss, dass ihm ein anderer Imker zuvor gekommen ist. Zweiter im Buch ist ein Imker der Gegenwart. George ist vom großen Bienensterben betroffen, die Folge: es gibt nicht mehr genügend Pflanzenfutter für die Fleischproduktion, auch Milch wird knapp. Mit seiner Frau und den Bienenvölkern reist er durchs Land, damit die Bienen die Blüten bestäuben können. Sein Sohn – so hofft er – soll das Geschäft eines Tages übernehmen, doch der hat andere Pläne. Der dritte Teil macht die Geschichte zum Science-Fiction-Roman: Chinesin Tao ist Pflanzenbestäuberin und übt damit enen überlebenswichtigen Beruf aus, denn 2098 gibt es längst keine Bienen mehr – wirklich nicht? Ihr Sohn ist offenbar einem „Unfall“ mit Bienen zum Opfer gefallen, weshalb sich die Regierung für das Kind interessiert und Wei Wen kidnappt. Tao hat die Suche nach ihrem Sohn zur eigenen Lebensaufgabe gemacht, damit auch die Suche nach der verschleierten Wahrheit.

Das Buch habe ich natürlich als Plädoyer für den Erhalt der Natur gelesen, darüber hinaus als faszinierende Beschreibung menschlicher Schicksale, die genau damit verknüpft sind. Und es ist wirklich so: Das Summen der Bienen hält die Geschichte zusammen. Doch dann wird klar: Es geht um viel mehr: Das Sein der Insekten ist Synonym für alles, ihr Streben in Völkern und der unbändige Überlebenswille stehen letztlich für die Menschheit selbst. Die kann sich retten, wenn sie alles – und das umfasst die Natur im Besonderen – als Ganzes begreift: Ausbeutung ist Selbstmord auf langen Raten . Und der beginnt nicht erst dann, wenn es keine Bienen mehr gibt.

Dabei scheinen im Blick auf die Apokalypse auch die Bienen selbst und ihre Völker von den Menschen in besonderer Weise abhängig zu sein, so wie andersrum auch. Generationen sind gar nicht so flüchtig, wie mancher denken mag, alles hängt von den Alten ab, alles strahlt auf die Künftigen. Der eine schlägt sein Kind, weil er selbst in seiner Kindheit Gewalterfarungen gemacht hat. Der nächste zeigt kein Verständnis für seinen Sohn, der eben kein Bienenkundler werden will, sondern Journalist. Und irgendwann in der Zukunft verlässt eine Frau ihren Mann, um allein auf die Suche nach ihrem Sohn zu gehen.

Maja Lunde, Die Geschichte der Bienen, aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein, erschienen bei btb 2015