Der Untergang

Der Erzähler selbst wertet nicht, lässt die Leser werten und schafft es, eine unglaubliche Nähe zu den Figuren herzustellen.

Wenn Jaques stirbt, stirbt bald auch die Monarchie. Dabei war Jaques doch nur Personal, mehr noch als alle anderen, ein Anhängsel, mit dem sich der Gutbürger umgibt, ein Anhängsel, dessen Unterkunft tatsächlich nicht ins Herrenhaus integriert ist, sondern dranhängt. Ein Anhängsel, dass immerhin genau so unehrlich war wie die Offiziere und die Möchtegernoffiziere und diejenigen, die hochhalten, dass der Urgroßvater dareinst in der Schlacht von Solferino dem Kaiser das Leben gerettet hatte.

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Liebe ohne Ende

Die Seuche lässt sich vielleicht bekämpfen, die Liebe nicht.

Amor hat Florentino Ariza mitten ins Herz getroffen. Und die entfachte Liebe ist nicht flüchtig, sie währt ein ganzes Leben lang. Die Liebe in den Zeiten der Cholera von Gabriel José García Márquez ist eine der schönsten Liebesgeschichten, die es in der Literatur gibt. Und mir gefällt, dass der Roman phantastisch endet.

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Alles fließt

Die letzten ihrer Art ist der gelungene dritte Teil des Klimaquartetts von Maja Lunde. Er vertieft die Erkenntnisse aus Bienen- und Wassergeschichte.

Anfangs war ich gar nicht so erpicht auf diesen Roman. Ich fand Die Geschichte der Bienen sehr gut und dann auch Die Geschichte des Wassers, wobei mit hier als Titel „Blau“ noch besser gefallen hätte, und dachte schon: nun ist es auserzählt. Ich las per Zufall (ich weiß nicht mehr wo) eine Rezension zum dritten Teil des Klimaquartetts und erfuhr von einer Pferdegeschichte. Da ich Pferde zwar interessant und schön finde, mehr aber auch nicht, wollte ich die Lektüre hintenanstellen. Dann aber fand ich über den Hörverlag die Besetzungsliste des Hörbuchs – und lies mir die Lunde vorlesen. Zum Glück.

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Es hört nie auf

Die Bagage ist das Gepäck, das wir mit uns tragen. Es sind aber auch die Menschen, aus denen wir geworden sind. Monika Helfer hat dazu einen wunderbaren Roman geschrieben. Sehr lesenswert.

Maria und Josef Moosbrugger sind ein schönes Paar. Doch Schönheit ist äußerlich, sie kann die Wirklichkeit überblenden. Und manchen erscheint sie fremdartig, vielleicht macht sie ihnen auch Angst. Die Moosbruggers leben mit ihren vier Kindern am Rand eines österreichischen Bergdorfs und damit abseits in der Welt der Abseitigen. Monika Helfer erzählt die eigene Geschichte in ihrem Roman Die Bagage.

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Durch die Nebelfetzen

Das Leben wird reich, wenn man hinter die Fassade blickt.

Die Sprache ist einfach, dabei nicht billig und Klischees bedienend. Sie macht das zugeschneite EIGENTLICH noch einmal auf eine Weise deutlich, die den Lesenden neue Erkenntnisse bringt oder Erkenntnisse, die verschüttet waren, wieder an die Oberfläche holt. Unser Leben ist eine Reise mit allzu viel Gepäck. Vieles braucht es gar nicht, wie Robert Seethaler in Ein ganzes Leben beschreibt, manche Last aber ist da und bleibt. Und du musst Wege finden, damit umzugehen. Ich habe die Geschichte um Andreas Egger mit großem Vergnügen gelesen, das Buch beschäftigt mich auch Monate später noch.

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In letzter Konsequenz

Leben unter der Dunstglocke. Kann das funktionieren? Boyle hat einen lustigen, in letzter Konsequenz aber auch sehr tragischen Roman geschrieben.

Frag mich doch mal nach der besten Mediensatire der vergangenen – sagen wir – fünf Jahre. Na? Da habe ich eine ganz klare Antwort: Die Terranauten von T.C. Boyle. Du kannst Menschen isolieren und das als Show verkaufen: Big Brother hat das auf erbärmliche Weise versucht und versucht das wohl noch immer, das Dschungelcamp scheitert glücklicherweise an Corona, wird aber sicherlich irgendwann mal fortgesetzt. Jetzt stelle man sich vor, die Show bekommt einen scheinbar wissenschaftlichen Hintergrund, nicht psychologisierend, was man machen könnte, dafür aber als Art naturwissenschaftliches Exempel.

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Marsch verschluckt Mensch

Für das Marschmädchen wird das Leben in der Natur zum Überlebenskampf. Aber nicht, weil die Marsch so wild ist, sondern weil die Menschen sie für schuldig befinden.

Eine verkorkste Kindheit kann dir das ganze Leben versauen. Klar – sie ist zuweilen die Erklärung für alles Schlechte, für alles, was da kommt, vor allem, wenn es nicht nach Recht und Gesetz geht. Der Mensch mag einfache Muster – und die werden etwa für das Marschmädchen, das um diese Muster weiß, zum lebensbedrohlichen Verhängnis. Delia Owens hat die Geschichte von Catherine Danielle Clark, genannt Kya, in ihrem Debutroman Der Gesang der Flusskrebse aufgeschrieben. Das Buch spielt vor allem in den fünfziger und sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Und es spielt in der Marsch nahe der fiktiven Stadt Barkley Cove in North Carolina.

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Die Trutzburg der Bekloppten

Für den freien Journalisten Jan Brock spitzt sich die Angelegenheit auf Burg Zornfried immer mehr zu. Irgendwann hilft ihm nur noch die Flucht – doch wohin?

Satire ist heilsam. Leider aber werden diejenigen, die auf neue oder alte Nazis hereinfallen, diesen Roman kaum lesen. Oder sie werden glauben: Das bin ich nicht, das kann mir nicht geschehen. Um der Erkenntnis willen ist Zornfried von Jörg-Uwe Albig aber unbedingt lesenswert. Nicht nur für Journalisten.

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Nur noch Staub und Wüste

Wenn das Wasser fehlt, regiert Verzweiflung. Maja Lunde hat einen sehr aktuellen Roman geschrieben.

Ich hätte noch ewig weiterhören können. Aber dann – plötzlich nach acht Stunden und zehn Minuten – war Die Geschichte des Wassers vorbei. Den Text von Maja Lunde haben Christiane Blumhoff und Shenja Lacher abwechselnd gelesen. Sehr atmosphärisch, sehr nahegehend, was sowohl am Buch als auch an den Vorlesern liegt.

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Die zwei Klassen der Zukunft

Die Zeitmaschine: Der Film von 1960 ist Trash, das Buch feinste Literatur.

Auf der Suche nach trashiger Unterhaltung landete ich wieder einmal in der Vergangenheit. Oder in der gedachten Zukunft. Denn diese Zukunft liegt mittlerweile auch schon hinter uns, was in der Verfilmung Die Zeitmaschine von H.G. Wells ziemlich deutlich wird. Auf jeden Fall musste ich nach dem Film von George Pal aus dem Jahr 1960 noch einmal das Buch lesen.

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