Anselmus aus Der goldne Topf, hier auf dem Bild einer 1917 erschienenen Ausgabe. Die Illustrationen stammen von Karl Thylmann.

Ist Anselmus wirklich glücklich auf seinem Rittergut in Atlantis? Ist er glücklich im Zauberreich, in dem er jetzt mit Serpentina lebt? Im Märchen – so viel steht fest – wäre er glücklich, beide wären glücklich bis ans Ende ihrer Tage. Das Kunstmärchen aber lässt als Märchen aus der neuen Zeit mindestens zwei und eher mehr mögliche Szenarien zu. In Der goldne Topf von E.T.A. Hoffmann zerreißt das hexenhafte Apfelweib die reale Welt des etwas tollpatschig und schon originär träumenden, dabei aber keinesfalls unsympathisch wirkenden Anselmus. Er ist ein stolpernd Suchender, ob er es weiß oder nicht.

Damals veränderte sich alles. 1819, als Hoffmann die finale Fassung seines Textes von 1814 fertiggestellt hatte, hatte der Wiener Kongress ein neues europäisches Schlacht- und Spielfeld zusammengewürfelt. Da kann man sich schon Mal fragen: In welcher Welt will ich leben? Die Aufklärung war schon Geschichte, die Literatur liebte Subjektives, den Traum, das Dunkle der Seele, Zauberhaftes und Zauberei.

Am Himmelfahrtstage, nachmittags um drei Uhr, rannte ein junger Mensch in Dresden durchs Schwarze Tor, und geradezu in einen Korb mit Äpfeln und Kuchen hinein, die ein altes häßliches Weib feilbot, so daß alles, was der Quetschung glücklich entgangen, hinausgeschleudert wurde, und die Straßenjungen sich lustig in die Beute teilten, die ihnen der hastige Herr zugeworfen. Auf das Zetergeschrei, das die Alte erhob, verließen die Gevatterinnen ihre Kuchen- und Branntweintische, umringten den jungen Menschen und schimpften mit pöbelhaftem Ungestüm auf ihn hinein, so daß er, vor Ärger und Scham verstummend, nur seinen kleinen, nicht eben besonders gefüllten Geldbeutel hinhielt, den die Alte begierig ergriff und schnell einsteckte.

Der goldne Topf, Seite 3

In welcher Welt will ich leben? Ist es die reale Welt von Konrektor Paulmann und seiner lieben Tochter Veronika? Eine Welt, in die auch der Registrator und spätere Hofrat Heermann gut hineinpasst, auch wenn der durchaus Zweifel anmeldet. So wie Veronika plötzlich auch, die auf eine Ehe mit Anselmus hofft und die Hexe rekrutiert, das Apfelweib also, das ihn – Anselmus – ins Kristall gewünscht hatte. Kann sie jetzt helfen?

In welcher Welt wollen sie leben? Oder ist es die von Archivarius Lindhorst, zweifelsfrei die schillerndste Figur im Topf, als Salamander ein Reptil wie seine Tochter Serpentina und ihre beiden Artgenossinnen. Lindhorst ist ein Verwandter des Zauberlehrlings und ruft die Geister. In Lindhorsts Zauberreich kulminieren die Traumbilder und Spiegelungen, die Anselmus so sehr in den Bann ziehen. Der Topf, so offenbart es Lindhorst, soll Serpentinas Mitgift sein. Er verspricht Magie auf immer.

Hoffmann schreibt nicht einen sinnlosen Satz, er lamentiert nicht, alles ist genau da, wo es hingehört. Wie jede Note in einer perfekten Komposition. Hier schreibt der Musiker – alles passt. Und macht uns wunderbar glauben, dass er das Werk tatsächlich in zwölf Nachtwachen niedergeschrieben hat, den Vigilien. Selbst die Entstehung ist Romantik.

In welcher Welt wollte Hoffmann leben? In der Welt der Juristerei, jener teils ungeliebten Welt, die ihm das Brot sichert? Oder eben doch im goldnen Topf? Und überhaupt: Hoffmanns Zeit mit all ihren kriegerischen Abgründen?

Hoffmanns Text ist zeitlos. So wie die Frage, in welcher Welt ich leben will. Vielleicht gibt es die eine Welt ja gar nicht, vielleicht sollten wir wandern und das Beste für uns heraussuchen. Gut, dass der Mensch die Wahl hat.

Der goldene Topf ist in vielen schönen Ausgaben greifbar, selbstverständlich auch bei Reclam, hier 1986. Meine Lieblingsausgabe ist nur noch antiquarisch erhältlich: Der goldne Topf. Ein Märchen aus der neuen Zeit. Mit 13 Lithographien von Karl Thylmann. Verlag: Kurt Wolff, Leipzig 1917.