Vergessenes Leid

Eine sehr wichtige Arbeit: Skandal in Togo.

Das an Katastrophen nicht gerade arme 20. Jahrhundert lässt Ereignisse und Zusammenhänge  manchmal vergessen. Ein Thema, das mich sehr interessiert, ist die Kolonialherrschaft – und Deutschland hat dabei ein ausgesprochen  unrühmliches Kapitel geschrieben, wie Rebekka Habermas in Skandal in Togo aufzeigt.

Der ach so korrekte Kolonialbeamte Geo Schmidt soll eine junge Afrikanerin vergewaltigt haben und hatte auch sonst jede Menge „auf dem Kerbholz“.  Für sein „verdienstvolles Handeln“ schlug er sich später als Konsul von Monrovia vor. Doch Schmidt ist kein Einzelfall, sein  Verhalten gehörte offenbar zum Habitus des Kolonialbeamten.

Detailreich schildert Habermas das Leben in der Musterkolonie  – doch niemand bleibt so sehr hängen wie eben jener Geo Schmidt (1870 bis 1943). Eigentlich sollte der doch die Zivilisation nach Togo bringen, führt sich vor Ort aber auf wie ein Berserker, ein  „Wilder“, ein Mensch ohne Zivilisation. Den christlichen Missionaren fiel Schmidts Verhalten übel auf – wobei schnell deutlich wird, dass zwei recht konträre missionarische Welten aufeinandertrafen.

Die Vergewaltigung, so Habermas, war keinesfalls eine einmalige Entgleisung, Gewaltexzesse dieser Form waren an der Tagesordnung, offenbar nicht nur bei Schmidt.  Zynisch kommen Bemerkungen daher wie „Auch der Neger ist nur ein Mensch“ oder der Anspruch, „ein Weib zu gebrauchen, sobald es geschlechtsreif war.“  Letzteres sei für Europäer in Afrika durchaus üblich gewesen, beschreibt die Wissenschaftlerin. 90 Prozent der Kolonialbeamten sollen laut Habermas Beziehungen gehabt haben, die“ den moralischen Imperativen der Zeit widersprachen.“

Ageme und Adjaro Nyakude wurden im Herbst 1901  festgenommen, da Schmidt die Geschwister des „unerlaubten Kautschuckhandels“ bezichtigte. Ageme musste vorübergehend  ins Gefängnis, Adjaro wurde als Bedienstete im Hause Schmidts angestellt. Habermas: „Ob sie diese  Arbeit freiwillig aufnahm oder weil sie um das Wohl ihrer Schwester fürchtete, ist unklar.“ Weiter heißt es: „Die junge Frau behauptete, Schmidt habe sie im Januar gewaltsam  von ihrer Schlafstätte holen lassen, mit ihr den Beischlaf vollzogen und sie dabei entjungfert. Schmidt hingegen behauptete, erst im Oktober desselben Jahres, nachdem sie ihm Zeichen von Zutraulichkeit gegeben habe mit ihr geschlechtlich verehrt zu haben, und dabei sei sie nicht mehr jungfräulich gewesen.“

Dass wir noch heute (wenn auch nach langer Vergessenheit) über das Thema sprechen, ist nicht zuletzt „Quashie“ zu verdanken, einem weitgehend unbekannten Autor – der Name ist ein Pseudonym – zahlreicher Artikel im Gold Coast Leader. Er beleuchtete die deutsche Kolonialherrschaft in Togo ausgesprochen kritisch und nannte auch die Vorgänge in Atakpame um Geo Schmidt beim Namen. Spätere Petitionen drehten sich um Zwangsarbeit, koloniale Gewalt, Willkürjustiz und die Tatsache, dass „Hunderte von unseren Töchtern beschmutzt sind“, wie Habermas den Gold Coast Leader zitiert. Schmidt selbst steht gleichermaßen für Zwangsarbeit, Prügelstrafe, kurzum eine willkürliche Rechtspraxis.

Notschä  positionierte sich derweil als Ort des Widerstands, was vielleicht eine logische Folge ist: Schmidt hatte diese Stadt ausgesucht, um hier eine landwirtschaftliche Schule errichten zu lassen. Und zwar durch die Einheimischen selbst. Habermas: „Da die Bezahlung – das war das Argument – weit schlechter als andernorts in der Kolonie war, forderten diese Arbeiter schließlich Anfang August 1903 eine Lohnerhöhung.“ Statt des bislang von Schmidt gezahlten Lohns von 25 Pfennig wollten sie 1,25 Mark. Von gar keiner Bezahlung ist an anderer Stelle die Rede.

Das Buch ist eine Warnung vor jeglicher Okkupation: Kolonialisierung, wie sie über Jahrhunderte „normal“ war, kann nicht funktionieren.  Wer unter dem Deckmantel der Zivilisation, die man in die Nicht-Zivilisation bringen will, handelt, läuft Gefahr, dass das eigene Handeln zum alleinigen Anspruch wird. Kriminelle Energie kann hier auslgelebt werden – ohne die entfernte Justiz fürchten zu müssen. „Der Staat bin ich“ – das war für Menschen wie Geo Schmidt offenbar selbstverständlich. Der ureigene Horizont war  Maß  und Regel aller Dinge und originär richtig. Das Fremde war zunächst utopisch und wurde in der alten Heimat ausgestellt: Menschen als Attraktionen, bei Hagenbeck wie Tiere verkauft: ein Rassismus, der über Jahrhunderte Plan war, akzeptiert und spannend als „Exotisches“.

Wobei mir aus Wien jener frühe Fall des Angelo Soliman einfällt, der um 1721 starb und dann ausgestopft mit Bast-Kleidung im Museum ausgestellt wurde – nach einer Karriere als Kammerdiener und Freimaurer: Soliman war einer, mit dem sich die Reichen gern schmückten.

Jetzt war es anders: Jetzt gingen die „Reichen“ nach Afrika. Aber sie brachten keine Zivilisation, sie brachten den Schrecken. Für die Anderen, die zuhause geblieben waren, war das Exotische nur  weiter weg – die gesandten handelnden Akteure aber auch. Heute ist es ein schwacher Trost, dass das Projekt Kolonialisierung scheiterte. Oder in dieser Form scheitern musste, wie Habermas darstellt.

Doch  die Aufarbeitung der Kolonialgeschichte ist noch lange nicht vorbei. Rebekka Habermas hat ein sehr wichtiges Buch dazu geschrieben. Die Lektüre lässt die Leser lange danach nicht los. Und das ist gut so.

Rebekka Habermas, Skandal in Togo, Ein Kapitel deutscher Kolonialherrschaft, Fischer, Frankfurt am Main 2016, Lizenzausgabe bei der Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2017

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