Von vorne bis hinten ziemlich viel Lüge. Michael Seufert arbeitet einen der größten Presse-Skandale des zwanzigsten Jahrhunderts auf. In seinem Buch bietet er als ehemaliger Stern-Redakteur eine Innenschau.

Wenn sich die Begeisterung für den Journalistenberuf mit Geldgier part, kann das im Ergebnis zum Problem werden. Erst recht, wenn dann noch ein Nazitick dazukommt, der suchtähnliche Drang nach allem fassbaren, was mit dem Dritten Reich in Verbindung gebracht werden kann. In diesem Fall etwa der Besitz einer Yacht von Göring oder – nicht ganz so teuer – sein Marshallstab. Dann gab es die anheizende Mär, Martin Bormann lebe noch. Oben drauf den Druck, auch wirklich Texte und Fotos abliefern zu müssen, um den Ruf als Spürnase zu wahren. So wie früher, als es darum ging, wer B. Traven wirklich war. Das Ergebnis aus diesem gefährlichen Gemisch war die „Entdeckung der Hitler-Tagebücher“.

Eine gute Aufarbeitung der Geschichte aus der zeitlichen, weniger der persönlichen Distanz liefert Michael Seufert, der 1983 ebenfalls Redakteur im Stern-Team war und zahlreiche Protagonisten persönlich kannte und – wie kaum ein anderer – den Flurfunk auswerten kann. Die dramatische Woche, die der Stern dann wenig später für die geprellten Leser protokollierte, lohnt unbedingt die Lektüre (ich bin froh, dass ich die Orginalhefte habe). Dass sich die Kunst über die vermeintliche Forderung, man müsse die Geschichte des Dritten Reichs umschreiben, lustig gemacht hat, liegt mit Schtonk auf der Hand. Lachen hilft. Die Wahrheit ist aber auch nicht ohne, wie Seufert in Der Skandal um die Hitler-Tagebücher zeigt.

Dabei wirkt besonders die Naivität der Beteiligten auch heute noch unglaublich. Genährt wird diese Naivität zum Teil daraus, dass sich mit den Nazis in den achtziger Jahren und auch heute noch ordentlich Kasse machen lässt. Im Bick auf die Geldvermehrung ist es den Verlagsoberen schlicht egal, wie viele Millionen die Beschaffung der Bücher vorab kostet. Schlimmer wiegt noch die völlge Ignoranz journalistischer Sorgfalt, wobei etwa bei Schriftgutachten Fälschungen mit Fälschungen verglichen werden, die Tatsache von Papieraufhellern, die es erst später gab, wegmoderiert oder das Ergebnis des Gutachtens des Bundeskriminalamts nicht abgewartet wurde. Der Druck war einfach zu groß geworden – eine Nazizeitung hatte (wenn auch wenig beachtet) schon den Fund eines Hitler-Tagebuchs gemeldet, ein Revisionist hatte seine Arbeit aufgenommen. Für den Stern war jetzt alles zu spät: Wenn wir es nicht bringen, bringen es die anderen.

Ganz kurz hier zum Ablauf: Der Nazi-Begeisterte Konrad Kujau, talentierer Nachmacher, hatte um 1974 im DDR-Konsumladen eine schwarze Kladde gekauft, schrieb darin als Hitler und prahlte als Konrad Fischer vor dem ebenfalls Nazi-Begeisterten Fritz Stiefel, Militaria-Sammler und Unternehmer aus Hegnach. Der Historiker Eberhard Jäckel bekam das Werk durch Stiefel in die Finger und sprach erhaben von einer Sensation. Stiefel lernte damals auch Stern-Reporter Gerd Heidemann kennen, der durch den Kauf der Göring-Yacht Carin II in finanzielle Schieflage geraten war. Heidemann hoffte, dass ihm Spiegel die Jacht abkauft. Der gönnte sich allerdings nur ein paar günstigere Nazi-Devotinalien und interessierte sich nicht wirklich für das marode Schiff. Immerhin zeigte er Heidemann stolz das erste Hitler-Tagebuch, der ihm dafür eine Million Mark bot. Nicht unbedingt, um den Fund für den Stern zu vermarkten, sondern nur für sich. Heidemann schnüffelte los und machte Kujau ausfinding, stieß auf den Absturzort eines Flugzeugs in Börnersdorf, in dem die Hitler-Tagebücher einst ausgeflogen werden sollten und ging davon aus, dass Kujau in München die Wahrheit gesagt hatte, dass er das Material über seinen Bruder bekomme, der Generalmajor in der Nationalen Volksarmee sei (und nicht, wie in Wirklichkeit Gepäckträger bei der Reichsbahn). Kujau, der eine florierende Fälscher-Wekstatt mit Kunden aus vielen Ländern betrieb, lieferte 60 Bände, seine „Quelle“ gab Heidemann bis zur Veröffentlichung nicht preis, weihte die Verlagsoberen auch erst ein, als der Stern ihn mit der Berichterstattung zum Papst-Attentäter Mehmet Ali Ağca beauftragen wollte. Dazu hatte Heidemann jetzt keine Zeit. Fast zehn Millionen Mark zahlten Bertelsmann und Gruner + Jar für die Beschaffung der Bücher.

Ich habe erst drei Tage vorher erfahren, daß die Dinger im »Stern« erscheinen, und durfte gar nicht mehr nach Hamburg fahren. Heidemann hatte mir das befohlen. Als dort die große Schau lief, war ich in meiner Sammlung. Ich glaube, ich habe die Vitrinen geputzt.

Konrad Kujau (1938 bis 2000), Spiegel, 11, 1984

Der Tagebuch-Skandal hat mich schon seit Erscheinen der Stern-Ausgabe 1983 interessiert. Ich habe das Exemplar damals gekauft und nie entsorgt: als Beispiel für Journalismus, wie er eben nicht sollte. Hier haben wirlich alle redaktionellen Konrollmechanismen versagt. Intransparenz innerhalb eines Verlages und innerhalb einer Redaktion sind fatal. Für Michael Seufert dürfte Der Skandal um die Hitler-Tagebücher auch als Aufarbeitung der eigenen Geschichte von Bedeutung sein. Man mag ihm hier Distanzlosigkeit vorwerfen, schwimmen in der eigenen Suppe und möglicherweise selbst eine Unaufmerksamkeit, den drohenden Kanonenschlag nicht geahnt zu haben (wenn wir schon von Flurfunk sprechen). Ich mache das nicht: Wer könnte schon so authentisch berichten? Seufert beschreibt insbesondere die handelnden Personen und am Ende des Buches auch, was aus ihnen geworden ist und wie sanft manche landeten. Gerd Heidemann gehört zu den „Überlebenden“, seine journalistishe Laufbahn war allerdings nach dem Skandal beendet: Er hatte als Freier zwar noch die eine oder andere Geschichte, kümmert sich ansonsten bis heute um sein Archiv. Wirklich glauben will man ihm nichts mehr.

Der Skandal um die Hitler-Tagebücher ist zuletzt als Taschenbuchausgabe 2011 bei Fischer erschienen, greifbar ist auch auch eine E-Book-Version.


Hier geht es zur Podcast-Serie des Stern, die den Skandal aufarbeitet. Hörenswert! Aktuell entsteht eine TV-Serie. Es bleibt spannend.