Aufbruch wohin?

Wie viel Lüge hält ein Leben aus?

Interessant wird ein Leben ja erst dann, wenn es die gerade Bahn verlässt und die erwarteten Muster. Oder, wie es Eva Schmidt in Die untalentierte Lügnerin vermittelt, gar nicht erst in diese Muster passen will. Dass es Konflikte gibt (nicht nur mit sich selbst), ist logisch, hier insbesondere mit der Mutter und ihren durchaus überkommenen und verlogenen Wertvortsellungen.

Sein, Schein und das verdammte Unausgesprochene: Genau daraus entsteht in Schmidts Roman eine verstörende Spannung, die Leser nachdenklich werden lässt: Wie sehen die Innenwelten der marionettenhaft agierenden Figuren wirklich aus? Ist es wirklich so, wie Marens Freundin Lisa schwärmt: Maren hat es gut. Mitnichten! Eigentlich wollte Maren nämlich Schauspielerin werden, was aber nicht funktioniert. Sie kehrt zu ihrer „Kunst schaffenden“ Mutter Vera und dem reichen Unternehmer und Stiefvater Robert zurück, die eine eher seltsame Beziehung führen. Irritierend ist dabei die gesuchte Nähe Roberts zu Maren, der offenbar mehr im Schilde führt als ein „Vater-Tochter-Ding“, ihr mit eigener Wohnung und Geld und einem Doppelleben imponieren will.

Wirklich glücklich ist hier keiner: Dass in dieser Familie „irgendetwas nicht stimmt“, hatten schon die Brüder wahrgenommen und sich rechtzeitig ins Ausland abgesetzt. Vielleicht hilft wirklich nur Flucht, vielleicht sind die Brüder in der Ferne versöhnt, wirkliche Nähe funktioniert bei Schmidts Figuren nicht, sie löst in Maren keine nachhaltige Reaktion aus. Das wirklich Leben kann also nur enttäuschen, weshalb sie beginnt, ihren eigenen Lebensroman zu spinnen. Doch auch da kommt sie nicht so recht weiter: Ellen, die Hauptfigur, macht eine Reise, setzt sich ins Flugzeug und sieht Zürch unter ihr verschwinden.

Auch Maren wäre „lieber aufgebrochen“, wie es bei Schmidt fast am Ende heißt. „Aber Thomas wollte bleiben, sie sah es ihm an.“ Nein, der Aufbruch, umd en es n diesem Roman geht, wird nicht funktionieren. Dazu ist das Miteinander zu kaputt.

Ohnehin Beziehungen: Wirklich tief sind die nie, dennoch verletzlich, wie Maren zeigt, als Robert sie auf den Junky und Ex-Freund anspricht. Robert agiert wieder typisch anzüglich, von oben herab, unangenehm. Vieles ist Lüge, und es offenbart sich, weil die Figuren kein Talent zur Lüge haben. Das würde das Leben möglicherwiese einfacher machen, wahrscheinlich aber auch nicht zm Glück beitragen. Thomas, ihren neuen Partner, will sie deshalb auch nicht anlügen. Sagt sie. Aber von wem das Kind ist, dass sie in Wien abtreben lassen will, sagt sie nicht. Doch sie sagt, dass diese Abtreibung die letzte Lüge in ihrem Leben sein wird und kippt die tötende Tablette ins Klo.

Die untalentierte Lügnerin von Eva Schmidt ist 2019 bei Jung und Jung erschienen.

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