Ein Jahrhundertleben

Er dürfte einer der letzten Ritchie Boys sein, einer jener jungen jüdischen Männer aus Deutschland, die im Camp Ritchie in Maryland ausgebildet wurden, um Kriegsgefangene zu verhören: Guy Stern, geboren am 14. Januar 1922 als Günther Stern in Hildesheim, aufgewachsen dort und in Vlotho, dann – weil die Nazis immer bedrohlicher wurden – emigriert in die USA. Seine Familie sah er nie wieder, alle wurden ermordet.

Die Geschichte seines atemberaubenden Lebens hat Stern, der heute in Detroit lebt, immer wieder erzählt, hat in öffentlichen Lesungen (eine habe ich 2016 in Petershagen erleben dürfen) aus seinen Manuskripten vorgelesen, hat Bilder gezeigt. Über Hildesheim hat er berichtet, über frühe Freunde, von denen einige später Feinde waren, über Vlotho, dem Geburtsort seiner Mutter. Jetzt zum hundertsten Geburtstag ist im Aufbau-Verlag seine Autobiografie erschienen: Wir sind nur noch wenige. Erinnerungen eines hundertjährigen Ritchie Boys.

Stern schreibt keinen Roman, er schreibt Geschichte, ist immer mittendrin, kein Satz ist erfunden, keine Begegnung fiktiv: mit Thomas Mann und dessen Tochter Erika, mit der Brecht-Sängerin Lotte Lenya oder mit der „lebenden Legende“ Marlene Dietrich. Und überhaupt prägen Begegnungen, oft zufällige, dieses lange Leben, nicht nur mit Berühmtheiten.

Immer boshafter traten die Nazis auf, ein uniformierter SS-Mann schlug den Vater zusammen, der in Hildesheim nur über die Straße gegangen war und einen Brief in den Briefkasten einwerfen wollte. Ein Polizist half ihm nach Hause, sagte dann, er werde nach Erstattung der Anzeige „selbstverständlich aussagen“, befinde sich aber gerade in einer „finanziellen Notlage“ und bat den Vater um Geld. Tage später kamen die Nazischergen in die Wohnung: „Ihr jüdischen Schweine habt Anklage gegen einen meiner Männer erhoben.“ Der mit Nachdruck erhobenen Forderung, diese Anzeige zurückziehen, folgt die Mutter nicht. Und „zum ersten Mal in unserem Leben sahen wir unseren Vater, der normalerweise nicht aus der Ruhe zu bringen war, hemmungslos weinen“, schreibt Guy Stern in seinen Erinnerungen: „Meine Eltern wussten, dass die Zeit zum Handeln gekommen war. Lange hatten sie nicht wahrhaben wollen, wie ernst die Lage war.“

Eine Organisation aus St. Louis sorgte 1937 für die Ausreise: 1.000 Kinder wollten sie herüberholen, 1.200 wurden es – Günther war dabei und lebte fortan bei seinem Onkel. Der „Übermut eines Jugendlichen“ ließ ihn die seltenen Kontakte zu seiner Familie ertragen, sagte er mal zu mir. Und im Buch klingt das so: „Als ich mich von meinen Eltern, meinem Bruder und meiner Schwester verabschiedete, dachte ich, dass wir bald wieder vereint sein würden, und das milderte die Trauer über den Abschied. Ich sah niemanden aus meiner Familie je wieder.“

Unterdessen wurde Günther Stern in den Staaten zu einem „gesunden, unbefangenen amerikanischen Jugendlichen.“ Aus Günther wurde Guy, weil eine Klassenkameradin den alten Namen als Zungenbrecher abtat: „Der Name blieb in der Schule an mir haften“, schreibt er, auch als er sich freiwillig zum Kriegsdienst meldete: „Ich behielt ihn bei, als ich während der militärischen Grundausbildung in Camp Berkley, Texas, US-Bürger wurde. Die Leute sagen, dass er irgendwie zu mir passt, vor allem in Kombination mit meinem einsilbigen Nachnamen.“

Ganz andere Namen sollte er als Ritchie Boy in der Normandie führen: Da wurde er zu Kommissar Krukow, weil die Deutschen eine „Scheißangst vor den Russen“ hatten: „Von den Sowjets gefangen genommen zu werden und in eines ihrer Gefangenenlager geschickt zu werden, vielleicht eins in Sibirien – das halten sie für ein schlimmeres Schicksal als den Tod.“ Binnen weniger Sekunden berichtete der Gefangene alles, was er über die Industrieanlagen in seiner Heimatstadt wusste. Es hatte funktioniert: Ritchie Boys wussten nur zu gut, wie die Deutschen ticken.

Und danach? Mit den Erfahrungen aus Deutschland war es für Guy Stern nicht leicht: „Mein eigener Instinkt, eine Laufbahn auf dem Gebiet der Germanistik einzuschlagen, würde unweigerlich meine deutsche Vergangenheit – und sehr tiefe alte Wunden – wieder aufreißen.“ Stern wurde Literaturprofessor, der sich besonders mit der Exilliteratur einen Namen machte. Seine „anfängliche Abneigung gegen alles Deutsche“ sei abgelöst worden durch die Erkenntnis, dass es kurzsichtig sei, ein Pauschalurteil über ein Volk zu fällen. So erfolgreich er im Beruf, so traurig seine erste Ehe. Margith und er wollten Kinder, doch sie erlitt Fehlgeburten, ein Baby starb nach drei Tagen. Auch Mark, der Adoptivsohn, lebt nicht mehr, für Stern nach wie vor ein Trauma.

Dann die Liebe zu Judy, 20 Jahre jünger als er, ganz anders gestrickt als Margith, aber – es funktionierte. „Ich glaube, es war ihr verhasst, eine festgesetzte Zeit einzuhalten. Einmal versäumte sie sogar einen Flug. Das kollidierte mit meiner preußischen Pünktlichkeit.“ Judy starb 2003 an Brustkrebs.

Und nein, eigentlich wollte Guy Stern nie wieder heiraten. Schließlich, bei einem seiner vielen Aufenthalte in Deutschland, traf er Susanna Piontek. „Seit dem ersten Abend in Minden, als mir auffiel, wie klug, witzig, süß und kreativ sie war, hat sie sich nicht verändert. Was ich damals noch nicht wusste, ist, wie liebevoll, fürsorglich und hochsensibel sie ist“, heißt es in den Erinnerungen – was für eine Liebeserklärung. Und Liebe hat logische Folgen: Susanne Piontek, selbst Schriftstellerin, hat sein Buch übersetzt.

Aber noch eine andere Liebe lässt ihn nicht los und könnte Lesende überraschen: Doch die Oberen in den USA waren ihm in den vergangenen Jahren suspekt geworden: „Das autokratische Gehabe der Regierung ließ in mir alte Ängste aus der Nazizeit hochkommen.“ Sein Einbürgerungsantrag wurde bewilligt. Stern hat einen deutschen Pass. „Ich bin“, so schließt dieser Jahrhundertmensch sein lesenswertes Buch, „ohne mich von den Vereinigten Staaten abzuwenden, in Deutschland wieder angekommen.“

Wir sind nur noch wenige. Erinnerungen eines hundertjährigen Ritchie Boys ist 2022 im Aufbau-Verlag erschienen.

Werthers Hoffnung

Manche Bücher sind Lebensbücher: immer wieder hervorgeholt, immer wieder gelesen. Für mich ist das bei Goethes Die Leiden des jungen Werther so. Wahrscheinlich ist es die Form des Briefromans, die Lesenden eine fast beängstigende Nähe zur unglücklichen Hauptfigur vermitteln. Und das funktioniert damals wie heute, auch wenn der literarische Brief im Erscheinungsjahr 1774 schon üblich war.

Es ist doch so: Wer Briefe schreibt, kehrt sein Innerstes nach außen – er schreibt sie zunächst einmal nur für sich, manchmal sogar ohne das Ziel, die Texte dann auch wirklich abzuschicken, oder er schreibt sie für einen Freund. Was Freundschaft für Goethe bedeuten sollte (hier die seines Helden zu einem fiktiven Verleger), erfährt er selbst später bei seiner Beziehung zu Schiller, die – nach Schillers frühem Tod – skurrile Formen annimmt. Dann nämlich, wenn der Geheimrat den Schädel des Verstorbenen bis zur weiteren Beisetzung in Weimar aufbewahrt.

Im Roman geht es zunächst um Wilhelm. Auch ihm gegenüber kann er sich von allem Äußeren befreien, der Werther schreibt so wahr, wie es ihm in diesem Moment möglich ist.

Dem jungen Helden also, juristisch vorgebildet, kommt ein Erbschaftsstreit, den er für seine Mutter in einer namenlosen Stadt beendigen soll, gerade recht. Er kann sich (ziemlich feige übrigens, wie ich finde) aus einer einseitigen Liebschaft lösen. Unweit besagter Stadt liegt der Ort Walheim, den Goethe als Heim der Geschichte gewählt hat und in dem sich der Briefschreiber heimisch fühlt.

Werther nähert sich beobachtend der Szenerie, den Geschwisterkindern, schließlich Lotte, die sich so liebevoll kümmert. Aus dieser Beobachtung heraus ist Werther gerührt, wagt die direkte Begegnung, die schnell zum Zwang wird, glaubend, Lotte erwidere seine Gefühle. Doch Lotte ist mit Albert liiert, dem freundlichen Assessor, den auch der Werther kennenlernt. Werther weiß um die Hoffnungslosigkeit seiner Liebe und lässt sich zur Ablenkung bei einem Gesandten anstellen. Doch der ist ein Bürokrat sondergleichen und komplett verankert in alten Strukturen. Werther kann das nicht ertragen und ergreift erneut die Flucht. Auch die Tätigkeit bei einem Fürsten erfüllt ihn nicht: zu sehr vom Verstand gelenkt sei der Mann (mehr noch als Albert), dabei ganz ohne Gefühle.

Nein, es hilft nur eins: Werther muss Lotte wiedersehen, auch wenn die inzwischen mit Albert verheiratet ist. Dass er als Dritter in die Beziehung grätscht, sorgt bei Spannung unter den Eheleuten: Werther nähert sich Lotte nur noch in Abwesenheit ihres Mannes. Auch ihrer Forderung, er möge sie nun nicht mehr besuchen, kann der Verzweifelte nicht folgen. Als er ihr bei einem der verbotenen Besuche aus den Gesängen Ossians – Klagen an verstorbene Helden – vorliest, überkommen ihn die Gefühle: Er küsst sie, sie weist ihn ab.

Werthers Leben bricht zusammen, die Briefe werden fragmentarisch, Wilhelm ergänzt. Werther hat den Entschluss gefasst, im Jenseits auf Lotte zu warten, besorgt sich die Pistole und setzt seinem Leben ein Ende.

Dass der Roman – heute sagen wir – einen Hype ausgelöst hat, wundert nicht. Die nach außen gekehrten Innenansichten treffen die Gefühlswelten ins Mark, die Lektüre wird zur Psychoanalyse. In der Rezeption ging es dann auch immer wieder um den Werther-Effekt, der sich auf die Übertragung des literarischen ins wirkliche Leben stützt. Für mich ist das Buch auch ein Bild für den Sinn der Literatur und von Büchern schlechthin. Goethe stellt den Text treffend als Begleiter vor:

Und du, gute Seele, die du eben den Drang fühlst wie er, schöpfe Trost aus seinem Leiden, und lass das Büchlein deinen Freund sein, wenn du aus Geschick oder eigener Schuld keinen näheren finden kannst.

Johann Wolfgang Goethe, Werke in sechs Bänden, Insel-Verlag 1965

Der Deich bricht

Theodor Storm wird heute gerne im Zusammenhang mit Der Schimmelreiter genannt. Völlig richtig. Überraschend aber könnte sein, dass die Zeitgenossen den wohl bekanntesten Text Storms 1888 erst wenige Monate vor und dann vor allem nach seinem Tod kennenlernten. Die schätzten den Dichter aus der grauen Stadt am Meer wohl eher wegen Der kleine Häwelmann (1849), ein Kunstmärchen, das er für seinen Sohn schrieb, oder auch Pole Poppenspäler (1874).

Die in Der Schimmelreiter aus dem Volksglauben heraufbeschworene Atmosphäre macht die Geschichte von Deichgraf Hauke Haien so fesselnd, kombiniert mit der persönlichen Darstellung eines nicht ganz glatten (weil widersprüchlichen) Charakters, der die dämonisch wirkende Katze einer alten Frau, die mich an Hoffmanns Apfelweib erinnert, getötet hat, später aber den Hund rettet, der im Deichbau geopfert werden soll.

Ohnehin besteht Haiens ganzes Leben aus Konflikten. Gar nicht mal mit dem Vater (die Mutter spielt in Storms Welt eine eher untergeordnete Rolle), der ihm die Deichkenntnisse in die Wiege gelegt hatte, aber schon bald mit dem Großknecht Ole Peters, der auch Deichgraf werden will und es ebenfalls auf die reiche Erbin Elke abgesehen hatte. Doch Elke richtet in ihrem Sinne über die alten Normen; denn es darf nur der Deichgraf werden, der ausreichend Land sein Eigen nennt. Sie sei doch längst mit ihm verlobt, sagt sie auf der Deichversammlung – und Haien wird Deichgraf.

Haien und Elke haben bald ein außergewöhnliches Kind, das damals wohl eher als bemitleidenswerte Last gesehen wurde, das sie aber abgöttisch lieben.

Dass er andere Vorstellungen von Deichen hat als die Dorfbewohner, macht ihn mehr und mehr zum Außenseiter. Seiner Frau und Tochter offenbart er sich nicht, bleibt – was seine Arbeit betrifft – in sich verschlossen. Der bröckelnde Deich, der drohende Bruch und jene Stelle, die nicht genügend abgedichtet schien, wird immer mehr zum Bild von Haiens Leben, der Natur kann sich niemand widersetzen. Auch Haien nicht, der ohnehin als eigentümlich gilt, da er einen verloren geglaubten Schimmel zu neuem Leben erweckt hatte und als Schimmelreiter mit eben diesem Tier zur geisthaften Gestalt wird.

Das alles liest sich natürlich wie ein Gruselroman mit Wiedergänger-Motiven, nur eben viel besser: Storm ist ein Dichter großer Bilder, er schreibt nahezu gemäldehaft, was dann gerne als realistisch bezeichnet werden kann. Wer die Novelle als Konflikt zwischen Chaos und Ordnung sehen möchte, wird hier gut bedient. Die Ordnung wird aber in letzter Instanz unterliegen.

Und das Chaos geht weiter: Im Sturm begegnet ein fremder Reiter Jahrzehnte später dem ewigen Deichgrafen,der ihm auf einem Schimmel entgegenkommt. Das war der längst verstorbene Hauke Haien, wird ihm in einem Wirtshaus bedeutet. Und ein Schulmeister erzählt die Geschichte.

Der Schimmelreiter ist unter anderem 2011 bei Insel erschienen.


Mehr über Theodor Storm (1817 bis 1888) gibt es hier bei mir im Blog: Storms Garten.

Der bessere Tokajer

Nach einem Besuch in Bodenwerder war klar: Ich muss mich nochmal um den Lügenbaron kümmern. Im örtlichen Münchhausen-Museum erwarb ich die wunderbare Ausgabe von Erich Kästner (1899 bis 1974), der Münchhausen für kleine und große Leute aufbereitet hat. Die Geschichten wirken noch immer frisch und witzig – ich habe sie an einem Abend gelesen. Der Züricher Atrium-Verlag hatte wenig an den bekannten Aufmachungen mit den wunderbaren Zeichnungen von Walter Trier (1890 bis 1951) geändert. Die Neuausgabe von Münchhausen erschien 2020, die Erstausgabe 1951.

Stimmt wirklich: Hier wuchs der Lügenbaron auf und kehrte später wieder zurück.

Bevor Kästner mit den bekannten Geschichten beginnt, spricht er vom Baron, der wirklich gelebt hat, was man natürlich anzweifeln darf, weil ja alles in dem Buch gelogen ist – in diesem Fall entspricht das Leben des Lügners jedoch der Wahrheit: Münchhausen wurde 1720 in Bodenwerder geboren, war früh Page, wurde „höfig“, ging als Soldat nach Russland, verkehrte in zaristischen Kreisen, die dann zerbrachen, lernte seine baldige Ehefrau kennen, kam mit ihr zurück nach Bodenwerder und lebte eine bürgerliches Leben. Dass er gerne feierte und erzählte, ist bekannt, wohl auch – wie Nachfahrin Anna von Münchhausen berichtet – um Schwadroneure zum Schweigen zu bringen: Junge Männer prahlen bekanntlich gern, um sich und anderen zu gefallen, was Münchhausen offenbar nervte. Motto: Da setze ich noch einen drauf.

Dass die Geschichte dann über die fast zeitgleich gestorbenen Rudolf Erich Raspe (1736 bis 1794) und Gottfried August Bürger (1747 bis 1794) zur Weltliteratur werden würde, hat er wohl nicht vermutet. Gut für die lesende Menschheit, aber gut auch für Bodenwerder. Die Stadt vermarket den Blaublüter gar pfiffig und das Münchhausenmuseum am Münchhausenplatz erzählt Geschichte und Nachwirkung wirklich schön nach. Die freundliche Museumsleitung presste mir dann noch einen Stempel mit „Original-Unterschrift“ ins Kästner-Buch, draußen liefen gerade Proben für ein Münchhausen-Musical – mehr geht ja wohl nicht.

Und dann die Lektüre – alles bekannte Geschichten wie die Sache mit dem Sumpf, aus dem sich der Herr am eigenen Schopf samt Pferd rettet. Alles wird hier schön und schnell erzählt, so wie es Kinder mögen, so wie ich es mag: Das Pferd etwa, das irgendwo in Russland angepflockt wurde. Nachts kam Tauwetter, am Morgen hing der Gaul am Kirchturm. Oder der Schlittenwolf, der in rasender Fahrt über Münchhausen juchtet, das Pferd im Laufen frisst und – gewissermaßen im fließenden Übergang – in dessen Geschirr weiterreitet. Schön auch die Jagdgeschichten (obwohl ich persönlich nichts von der Jagd halte): der Hase, den Münchhausen nicht treffen konnte, da er viel zu schnell war. Warum? Er hatte oben und unten Läufe. Gut, dass der Baron noch einen Windhund hatte, der eine Wahnsinnsgeschwindigkeit erreichen konnte und damit auch den rasenden Hasen. Überhaupt der Hund: Der lief oft so schnell und lange, dass er sich die Beine weglief. „Während seiner letzten Lebensjahre konnte ich ihn nur noch als Dackel gebrauchen“, lässt Kästner den Baron lügen. Im Buch darf auch der Ritt auf der Kanonenkugel (oder besser der Sprung von der Kugel hin auf die Kugel zurück) nicht fehlen, die Kletterbohne, die bis zum Mond wächst, den der Baron dann auch erklettert oder die Wette mit dem Sultan, eine meiner Lieblingsgeschichten:

Münchhausen verspricht dem Herrscher in Kairo, dass er in sechzig Minuten einen besseren Tokajer aus dem kaiserlichen Keller in Wien beschaffen kann als der, der ihm gerade aufgetischt worden war. Und „wenn ich mein Wort nicht halte, dürfen mir die Kaiserliche Hoheit den Kopf abschlagen lassen.“ Gut, dass Münchhausen einen Schnellläufer kennt, weniger gut, dass der nach der erfolgreichen Visite im Kaiserkeller im tiefsten Tokajerschlummer liegt, gut wiederum, dass Münchhausen auch einen Horcher in Diensten hat, der genau das herausfindet, und gut, dass Münchhausen auch über einen Jäger verfügt, der den Schnellläufer durchs Fernrohr sieht, auf den Baum zielt und mit Blättern für ein Erweckungserlebnis sorgt. Der Läufer legt wieder los, erreicht sein Ziel, der Sultan probiert den Tropfen im Zeitrahmen, ist begeistert, gesteht die verlorene Wette ein und bedeutet Münchhausen, er könne so viel Gold aus der Schatzkammer tragen lassen, wie sein stärkster Mann nur tragen kann. Gut nun, dass der Baron auch einen wirklich sehr starken Mann zur Seite hat.

Diese und andere Geschichten sind natürlich zeitlos wie Swifts Gulliver, an den Kästner gern erinnert und dessen Reisen er Jahre später ebenfalls nacherzählen sollte. Kästners Kinderbücher sind so erfolgreich, weil er die naiv wirkende, dabei aber entlarvende Sicht der Kinder einnimmt. Das funktioniert auch mit dem Münchhausen-Stoff, mit dem er während der Nazijahre eigene Erfahrungen gemacht hatte. Kästner schrieb das Drehbuch für den Ufa-Film mit Hans Albers. Als Autor mit Publikationsverbot, der aber, wie er meinte, „vom Nägelkauen nicht leben“ könne, hatte er eine Sondererlaubnis für diesen Film bekommen und musste ein Pseudonym wählen: Berthold Bürger, ziemlich frei nach dem eingangs genannten Gottfried August Bürger, der die frühere Buchvorlage für die Lügengeschichten des Barons aus Bodenwerder geliefert hatte.

Münchhausen von Erich Kästner ist erstmals 1951 bei Atrium erschienen, meine Ausgabe stammt aus dem Jahr 2020.


Hier im Blog gibt es noch mehr über Münchhausen, was möglicherweise auch an der räumlichen Nähe meinerseits zu Bodenwerder liegt: Anna von Münchhausen schreibt über ihren berühmten Vorfahren.

Ein eiskaltes Buch

Henning Mankell kann mit wenigen Worten eine Atmosphäre schaffen, die Lesende frieren lässt. Bei Hunde von Riga ist das so. Das Meer, in dem der Fischkutter mit seiner dubiosen Besatzung dümpelt, ist kalt. Die Typen in diesem Roman sind kalt. Und nur wenig Wärme strahlt die Frau aus, in die sich Ermittler Kurt Wallander in diesem zweiten Teil der Reihe verliebt: Baipa Liepa.

Der Fall beginnt mit zwei erschossenen Letten, die – fein gekleidet – an die schwedische Küste getrieben werden. Die örtliche Polizei arbeitet zunächst mit dem Kommissariat in Riga zusammen, Major Liepa reist nach Ystad, findet Wallander irgendwie sympathisch, Wallander ihn auch. Für die schwedische Behörde ist der Fall bald abgeschlossen, da Lettland zuständig ist. Liepa reist zurück und – wird ermordet. Den Kollegen in Lettland (vielleicht auch nur einem Kollegen) ist das Anlass genug, Wallander einzuladen – in eine völlig andere Welt. Obwohl das Land schon 1990 seine Unabhängigkeit erklärt hatte, weht der sowjetisch-kalte Wind spürbar. Alles wird und alle werden überwacht, es riecht nach DDR oder besser: nach radikalem Kommunismus. Und so sind auch die Typen gezeichnet, mit denen Wallander vor Ort konfrontiert wird: Den beiden Obristen Murniers und Putnis traut er nicht über den Weg, wobei nur einer – Achtung Spoiler – wirklich böse ist.

Aber das weiß Wallander noch nicht, der hier in Riga heimlich Kontakt zur Witwe Liepas aufnimmt und sich in diese Frau verliebt. Baipa ist aus gutem Grund unterkühlt, darf nicht auffallen, bleibt auf Abstand, wirkt hier – wie in einem Spionagethriller – unnahbar und geheimnisvoll. Dass sie dem Netzwerk der Dissidenten angehört, mag Wallander ahnen, doch rechtzeitig präsentieren die beiden Obristen einen Mörder. Der Kommissar wird zurück nach Schweden beordert, der Fall scheint wieder einmal abgeschlossen – jedenfalls für Ystad.

Doch Baipa nimmt Kontakt auf, Wallander beginnt ein gefährliches Spiel und fährt auf eigene Faust zurück nach Riga. Seinen Vorgesetzten hatte er erzählt, dass er in den Urlaub fährt, in Wahrheit riskiert er sein Leben, was wirklich dramatisch gezeichnet wird.

Erst jetzt erfährt man, wie der totalitäre Staat für diejenigen funktioniert, die sich mit ihm anlegen, und wie es ist, wenn man vor den gehetzten und hetzenden Hunden fliehen muss. Und fast hätten sie Wallander und Liepa hingerichtet (wobei der Kommissar schon mit seinem Leben abgeschlossen hatte). Und diejenigen, die den Staat schützen sollen und damit die Menschen, sind hier die wahren Schlechten.

Grandios beschreibt Mankell etwa das Suchen und Finden der kompromittierenden und von Major Liepa versteckten Papiere im Archiv des Polizeipräsidiums. Das Gebäude ist ein perfides Symbol für das Funktionieren oder Nicht-Funktionieren eines Staates: mit geheimen Gängen, mit Fluren, die identisch aussehen und ins Verderben führen – alles ist Beton, grau in grau, eben kalt.

Erneut hat Mankell mit dem 1992 im Original erschienen Riga-Roman einen Politthriller geschaffen, der die politische Komponente erst auf den zweiten Blick offenbart, dann aber umso stärker. Dass das alles – trotz aller Fiktion – wirklich wahr gewesen sein könnte (und in vielem sicherlich auch wahr ist), ist eine erschreckende Erkenntnis: Mankells Roman ist keine Dystopie, mindestens aber so eisig.

Und dann ist da noch der Ermittler selbst: Die Facetten, die Mankell bereits im ersten Wallander-Roman so eingehend geschildert hatte, werden noch einmal schärfer herausgearbeitet: der müde Mann, der den Polizeialltag satt hat, der Probleme mit der Liebe hat und dem Alkohol. Und mit der Gesundheit: „Kurz nach zwei erwachte Wallander mit einem stechenden Schmerz in der Brust.“ Vom Leben, so sinniert er in kurzen Sätzen weiter, würde nichts übrigbleiben. Und dann baut Mankell diesen Satz, der viel zum Verständnis der Reihe und zum Charakter Kurt Wallander selbst beiträgt: „Aber nach und nach zwang er sich dazu, die Kontrolle über sich wiederzugewinnen.“

Das wird auch für die Handlung von Hunde von Riga wichtig sein.

Hunde von Riga ist 2000 bei dtv erschienen, übersetzt von Barbara Sirges und Paul Berf.


Übrigens: Die Innenansicht eines überwachenden Staates bietet auch Julian Barnes in Der Lärm der Zeit. Kein Krimi, aber die Beschreibung eines Künstlerlebens, in dem die Frage gestellt wird: Wie weit kann ich als Künstler gehen, wenn ich im Land bleiben möchte? Unbedingt lesen!