Ein eiskaltes Buch

Diejenigen, die den Staat schützen sollen und damit die Menschen, sind manchmal die wahren Schlechten. Sie hetzen.

Henning Mankell kann mit wenigen Worten eine Atmosphäre schaffen, die Lesende frieren lässt. Bei Hunde von Riga ist das so. Das Meer, in dem der Fischkutter mit seiner dubiosen Besatzung dümpelt, ist kalt. Die Typen in diesem Roman sind kalt. Und nur wenig Wärme strahlt die Frau aus, in die sich Ermittler Kurt Wallander in diesem zweiten Teil der Reihe verliebt: Baipa Liepa.

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Auf dem Hügel

Der Text von Amanda Gorman ist ein befreiender Aufbruch nach dem Blick in den Abgrund, er beschreibt, wie Amerika eigentlich sein sollte und sein könnte.

Eines der speziellen Literaturthemen ist die Übersetzung von Lyrik. Die Diskussion, die etwa beim Deutschlandfunk dokumentiert wurde, ob weiße Menschen die Texte von schwarzen Menschen übersetzen dürfen, ist reichlich dumm. Wer meint, einen Text in eine andere Sprache übertragen zu müssen, sollte sich keinesfalls davon abhalten lassen: Übersetzungen weiten bekanntlich die Welt. Und das gilt auch für Amanda Gormans The Hill we climb.

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Langsame Bilder

Die Bilder haben eine schier unglaubliche Tiefe, die in ihrer scheinbaren Dreidimensionalität faszinierend ist und die Betrachter mit einer Atmosphäre einfängt, die an Kino erinnert.

Dass ich ein Faible für antiquarische Bücher habe, haben diejenigen, die hier ab und zu mitlesen, vielleicht schon bemerkt. In diesem Beitrag geht es um einen Bildband, der wohl in den meisten Fällen nur noch in Antiquariaten erhältlich ist. Mir bedeutet Das Buch der Jahreszeiten, herausgegeben 1927 von Herbert Dubler, dennoch sehr viel. Es zeigt nämlich, wie sich unsere Sicht auf Bilder und die Fotokunst selbst verändert hat. Nun ist das keine bahnbrechende Erkenntnis, aber als Feststellung immer mal wieder interessant.

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Rückkehr nach Ystad

Wallander ist so viel Figur, da könnte der Fall tatsächlich in den Hintergrund rücken. Aber das passiert natürlich nicht. Zum Glück.

Ich war beim Blick auf das Bücherregal neugierig geworden: Funktioniert der Krimi nach 19 Jahren noch? Kann ich mich wieder in Wallander vertiefen? Bin ich wieder ganz drin in der Welt in und um Ystad? Und ich kann sagen: Dreimal ja. Henning Mankell funktioniert noch immer, vielleicht schon ein bisschen mehr als historischer Krimi, als Geschichte ohne Smartphone und modernste Polizeimethoden. Bei Mörder ohne Gesicht sind die Reaktionen auf einen stärker aufflammenden Rechtsextremismus wichtig, den Mankell hier mit „Ausländern“ in Verbindung bringt und einer brennenden Asylbewerberunterkunft. Und mit der staatlichen und bei manchen Menschen ausgeprägten Unfähigkeit, mit dem Anderssein fertig zu werden. Auch der Ermittler hat da so seine Probleme.

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Der Untergang

Der Erzähler selbst wertet nicht, lässt die Leser werten und schafft es, eine unglaubliche Nähe zu den Figuren herzustellen.

Wenn Jaques stirbt, stirbt bald auch die Monarchie. Dabei war Jaques doch nur Personal, mehr noch als alle anderen, ein Anhängsel, mit dem sich der Gutbürger umgibt, ein Anhängsel, dessen Unterkunft tatsächlich nicht ins Herrenhaus integriert ist, sondern dranhängt. Ein Anhängsel, dass immerhin genau so unehrlich war wie die Offiziere und die Möchtegernoffiziere und diejenigen, die hochhalten, dass der Urgroßvater dareinst in der Schlacht von Solferino dem Kaiser das Leben gerettet hatte.

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Liebe ohne Ende

Die Seuche lässt sich vielleicht bekämpfen, die Liebe nicht.

Amor hat Florentino Ariza mitten ins Herz getroffen. Und die entfachte Liebe ist nicht flüchtig, sie währt ein ganzes Leben lang. Die Liebe in den Zeiten der Cholera von Gabriel José García Márquez ist eine der schönsten Liebesgeschichten, die es in der Literatur gibt. Und mir gefällt, dass der Roman phantastisch endet.

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Alle geprellt

Von vorne bis hinten ziemlich viel Lüge. Michael Seufert arbeitet einen der größten Presse-Skandale des zwanzigsten Jahrhunderts auf. In seinem Buch bietet er als ehemaliger Stern-Redakteur eine Innenschau.

Wenn sich die Begeisterung für den Journalistenberuf mit Geldgier part, kann das im Ergebnis zum Problem werden. Erst recht, wenn dann noch ein Nazitick dazukommt, der suchtähnliche Drang nach allem fassbaren, was mit dem Dritten Reich in Verbindung gebracht werden kann. In diesem Fall etwa der Besitz einer Yacht von Göring oder – nicht ganz so teuer – sein Marshallstab. Dann gab es die anheizende Mär, Martin Bormann lebe noch. Oben drauf den Druck, auch wirklich Texte und Fotos abliefern zu müssen, um den Ruf als Spürnase zu wahren. So wie früher, als es darum ging, wer B. Traven wirklich war. Das Ergebnis aus diesem gefährlichen Gemisch war die „Entdeckung der Hitler-Tagebücher“.

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Alles fließt

Die letzten ihrer Art ist der gelungene dritte Teil des Klimaquartetts von Maja Lunde. Er vertieft die Erkenntnisse aus Bienen- und Wassergeschichte.

Anfangs war ich gar nicht so erpicht auf diesen Roman. Ich fand Die Geschichte der Bienen sehr gut und dann auch Die Geschichte des Wassers, wobei mit hier als Titel „Blau“ noch besser gefallen hätte, und dachte schon: nun ist es auserzählt. Ich las per Zufall (ich weiß nicht mehr wo) eine Rezension zum dritten Teil des Klimaquartetts und erfuhr von einer Pferdegeschichte. Da ich Pferde zwar interessant und schön finde, mehr aber auch nicht, wollte ich die Lektüre hintenanstellen. Dann aber fand ich über den Hörverlag die Besetzungsliste des Hörbuchs – und lies mir die Lunde vorlesen. Zum Glück.

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Gefangen im Ich

Zum Bahnhof raus und einfach verschwinden. Der Antiheld in Hesses Novelle meint, alles hinter sich zu lassen.

Er ist ein Mustermann, angepasst und klein. Und genau so heißt er auch: Klein, Friedrich Klein. Bankbeamter, Familienvater, bürgerlich im besten Sinne. So könnte es weitergehen. Immer. Aber so darf es nicht weitergehen. Wer bin ich eigentlich? Bin ich dieser Mensch, der so angepasst leben will und kann? Verdammt! Ich habe keine Chance, mich in den Zwängen meiner Welt selbst zu finden, ich bin nicht der, der ich für alle anderen bin. Die Folge: Klein bricht aus, fantasiert über die Ermordung seiner Frau und der Kinder, so wie es der Lehrer Ernst August Wagner im echten Leben gemacht hat, nach Richard Wagner wichtigster Namensgeber der Novelle Klein und Wagner von Hermann Hesse.

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Antike Erfahrung

Der Goethe-Klassiker funktioniert noch – mit ein bisschen Übung. Oder man lässt ihn sich einfach von Gert Westphal vorlesen.

Hermann und Dorothea ist für Johann Wolfgang Goethe 1797 der dringend notwendige Erfolg. Wilhelm Meister empfanden manche als langweilig (Charlotte Stein zum Beispiel), außerdem will der Geheimrat das Geld mehren – obwohl er als Beamter schon über ein gutes Einkommen verfügt. Vielleicht hat Goethe aber schon das Landgut Oberroßla im Blick, auf dem er mit Christiane Vulpius leben will – durchaus möglich. Seinem Verleger Vieweg reicht er einen Umschlag, in dem die leicht ungehörige Honorarfordung von tausend Talern in Gold steckt. Und der greift tatsächlich zu – und der Versgesang wird das bis dato populärste Stück Goethes nach Die Leiden des jungen Werther.

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