Die Geistervilla

Der Roman von Hanns-Josef Ortheil war der Zufallsfund in einer Rintelner Buchhandlung. Dabei hatte ich nicht einmal den Klappentext von Rom, Villa Massimo gelesen, sondern – angespornt vom Titelfoto – gleich die erste der drei Vorgeschichten. Mit Ka fühlte ich mich verbunden, obgleich 15 Jahre älter, trotz eines äußerlich völlig anderen Lebens.

Aber das Milieu, aus dem er kommt, schien mir vertraut oder besser: gut vorstellbar. Doch Lyrik in Wuppertal? Passt das zusammen? Augenscheinlich nicht.  Und so will auch Ka nach Arkadien, um den typischen Aufbruch (oder den Ausbruch) zu zitieren, den Goethe an den Anfang seiner Italienischen Reise gestellt hatte.

Und so beschreibt Rom. Villa Massimo eine Zeit, die es so schon lange nicht mehr gibt, ein romantisches Ideal: das auf ein Jahr begrenzte Leben auf einer Kunst-Insel. Aber gerade das sich Heraushemen ist Sinn dieser Stipendiatenvilla, Kraft schöpfen für neue Kreativität, für das Wahre, Schöne, Gute. Und so passt auch der immer wieder zitierte Stephan George mit seinen Jüngern in diese abgeschiedene Welt: als Geist schwebt auch George weiter durch die Villa, und einer aus seinem Kreis hatte das Haus sogar entworfen.

Ohnehin Geister: Es sind geisterhafte Kunst-Figuren, die in ihren Ateliers nicht wirklich zu packen sind. Nur durch Satire – und das kann Ortheil verdammt gut. Und wenn sich seine Protagonisten selbst darstellen, geben sie längst nicht alles preis, vielleicht auch, weil sie nichts preisgeben können. Sie sind Marionetten, die an einem seidenen Faden hängen, geführt vom „Sein wollen“ als echter Künstler. Bedauernswerter sind da nur noch die alternden Laiendichter, die ein Buch für teuer Geld im Selbstverlag herausbringen und sich dann als Schriftsteller verstehen. Ja, die Wahrheit ist zuweilen schmerzhaft.

Doch die Typen kennt jeder, schablonenhaft dargestellt. Da gibt es den dicken Romancier, den Ehrengast, die schöne Frau, solche Leute eben. Namen gibt es wenige: Vielleicht noch Uwe, der alles fotografiert. Aber Uwe ist anders. Er gibt zu, gescheitert zu sein. Womit und woran? Egal. Uwe wird am Ende des Romans mit einem Fotoauftrag belohnt, immerhin. Und dann ist da noch Maria, die Reinemachfrau und Rosso, der Kater.  Der war schon immer hier und taucht als Zeichnung sogar auf einer Goethe-Skizze auf, dessen Rom-Zimmer Ka besucht. Irgendwie muss sich der Kreis ja schließen.

Peter Ka hat mir gefallen: ein Mensch, der sich allein der Lyrik verschreibt, für den Lyrik alles ist, der sogar schon ein paar echte Veröffentlichungen hatte und der hingeworfene Gedichte in Zeitungen als peinlich wertet. Auch er arbeitet wie ein Romantiker: jedes Wort muss passen, jedes Gedicht hat Melodie, ein Manifest im Kopf. Und wer musikalisch ist, hat auch gute Chancen, ein guter Lyriker zu sein. Hanns-Josef Ortheil formuliert  in Bestform: Denn wer das liest, wird lächeln.

Und so erscheint Peter Ka nur ganz entfernt ein Nachfahre des kafkaesken K. aus dem Schloss zu sein. Nein, so dunkel ist seine Welt nicht, nicht einmal in Wuppertal. Da ist Ka anfangs schon eher eine Spitzweg-Figur in der Dachkammer. Nun gut, da will man raus. Irgendwann.

Die Villa ist ein ruhiger Ort, brodeln wird es ganz zuletzt. Davor höchstens beim Schwächeanfall des Romanciers, der mit Frau und Kindern in der Villa weilt. Aber auch dieses Aussetzen zeigt letztlich nur die Nöte derer, die hier sind, die – um sich zu finden – allein sein müssen oder mit bewundernden Partnern, die tagsüber in Rom einkaufen. Oder die Übersetzerin ist, und sich mit Ka nur über Lyrik unterhält. Ja, deshalb ist er doch hier: Lyrik, nicht Liebe. Und ja, sie wird seine Texte ins Italienische übersetzen. Und Ka findet tatsächlich Wuppertal wieder, als Gedicht.

Zuletzt aber ist alles ein großer Schein. Vielleicht kennen die Kunstschaffenden ja unterschwellig die Wahrheit, wollen sie aber nicht wahr haben. Und dann endet alles im Streit, in Boshaftigkeit, in Verletzungen. Aber auch das nur ganz kurz, denn das Leben in der Kunst muss ja weitergehen.

Für Peter Ka ist die Villa Massimo mehr als ein Intermezzo. Er wird am Ende – anders als Goethe – ganz in Rom bleiben. Die Geister geistern wieder durch die Villa. In anderen Menschen, wohl nicht in anderen Typen.

Rom, Villa Massimo, freundlich bebildert mit den Fotos von Lotta Ortheil und nach der Erstveröffentlichung 2015 jetzt als  Taschenbuch erschienen, ist ein besonderes Lesevergnügen. Eines übrigens,  dass mich sogar an Thomas Bernhards Holzfällen erinnert hat. Das ist nur noch viel böser.

Hanns-Josef Ortheil, Rom, Villa Massimo, btb, München 2017