Rückkehr nach Ystad

Ich war beim Blick auf das Bücherregal neugierig geworden: Funktioniert der Krimi nach 19 Jahren noch? Kann ich mich wieder in Wallander vertiefen? Bin ich wieder ganz drin in der Welt in und um Ystad? Und ich kann sagen: Dreimal ja. Henning Mankell funktioniert noch immer, vielleicht schon ein bisschen mehr als historischer Krimi, als Geschichte ohne Smartphone und modernste Polizeimethoden. Bei Mörder ohne Gesicht sind die Reaktionen auf einen stärker aufflammenden Rechtsextremismus wichtig, den Mankell hier mit „Ausländern“ in Verbindung bringt und einer brennenden Asylbewerberunterkunft. Und mit der staatlichen und bei manchen Menschen ausgeprägten Unfähigkeit, mit dem Anderssein fertig zu werden. Auch der Ermittler hat da so seine Probleme.

Gute und sehr gute Romane muss ich einfach nochmal lesen. Ich hatte Mörder ohne Gesicht 2002 gekauft (laut Notiz auf der Umschlagseite) und weiß noch, dass ich damals völlig geflasht war: So einen Kommissar kannte ich noch nicht. Klar, die „großen Alten“ wie Dupin oder Sherlock Holmes, dann auch neue wie Thomas Lynley, Guido Brunetti oder danach noch Carl Mørck – alle klasse auf ihre Weise, tolle Typen, überzeichnet, gerade bei Arthur Canon Doyle heute fast schon als Karikatur zu lesen, die Jane Marples und Hercule Poirots bei Agatha Christie sowieso. Ich liebe das! Und dann dieser völlig andere Kurt Wallander: Mittvierziger, im privaten Leben ziemlich kaputt, eine Tochter, die ihn selten besucht, die Scheidung von Mona, die ihm in den Knochen sitzt, der Vater, der nie wollte, dass er Polizist wird und ihm das bei jeder Gelegenheit aufs Butterbrot schmiert; der Vater also, der selbst Kunstmaler ist und Landschaftsbilder entweder mit oder ohne Auerhahn malt.

Wallander ist so viel Figur, dass der Fall in den Hintergrund rücken könnte. Dabei ist es nicht der typische Protagonist, mit dem sich Lesende identifizieren können, allerdings derjenige, der in vielen Facetten nachfühlbar ist, weil er selbst an sich zweifelt und mehr als einmal darüber nachdenkt, Wachmann statt Polizist zu sein. Und der (was schwerer wiegt) seinen Umgang mit Frauen überhaupt nicht im Griff hat: Dass er die Staatsanwältin „rumkriegen“ will, lässt mich (eben weil so nah an Wallander) beschämt zurück. Und dann ist da dieser verdammte Alkohol – und das „Glück“, dass er doch Polizist ist und die Kollegen ihn stoppen und laufen lassen.

Aber es gibt die Kriminalgeschichte eben doch: Ein altes einsam lebendes Bauernehepaar wird überfallen. Der Mann stirbt, die Frau kann im Krankenhaus noch „Ausländer“ sagen, die Presse wittert Morgenluft, ein anonymer Anrufer setzt den Kommissar unter Druck, der Mob zündet ein Asylbewerberheim an, ein Somalier stirbt. Wallander selbst zweifelt an der Asylpolitik seines Landes, distanziert sich aber deutlich von den Rechtsextremisten, scheint sensibilisierter denn je. Etwa, wenn er erfährt dass Linda einen schwarzen Freund hat: es ist das Unbekannte, was ihn verstört, vielleicht auch ängstigt. Umso mehr beißt er sich mit seinen Kollegen (auch alles Typen, groß gezeichnet, besonders Rydberg, den er verlieren wird) an dem Fall fest, wobei der Mord am Asylbewerber schnell aufgeklärt wird, nicht aber jener am Ehepaar aus Lenarp. Hier hilft ihm schließlich eine sehr aufmerksame Zeugin und Wallanders typische Beharrlichkeit.

Noch einmal: Ganz besonders hat mich an diesem Roman damals schon und auch heute die Nähe zur Hauptfigur fasziniert. Wenn sich Wallander ein Brot schmiert ist das nicht banal. Und wenn er die Oper liebt, erst recht nicht.

Mörder ohne Gesicht war Auftakt der Wallander-Reihe von Henning Mankell (1948 bis 2015) , erschien 1991 in Schweden, zwei Jahre später deutschsprachig. Über einen ziemlich begeisterten Arbeitskollegen war ich an den Kommissar gekommen, der und dessen Fälle dann so beeindruckt haben, dass ich in kurzer Zeit und als weitere erschienen, alles gelesen habe. Später auch die Nicht-Wallander-Romane.

Mörder ohne Gesicht von Henning Mankell ist bei dtv erschienen, aus dem Schwedischen van Barbara Sirges und Paul Berf, München 2002

Der Untergang

Wenn Jaques stirbt, stirbt bald auch die Monarchie. Dabei war Jaques doch nur Personal, mehr noch als alle anderen, ein Anhängsel, mit dem sich der Gutbürger umgibt, ein Anhängsel, dessen Unterkunft tatsächlich nicht ins Herrenhaus integriert ist, sondern dranhängt. Ein Anhängsel, dass immerhin genau so unehrlich war wie die Offiziere und die Möchtegernoffiziere und diejenigen, die hochhalten, dass der Urgroßvater dareinst in der Schlacht von Solferino dem Kaiser das Leben gerettet hatte.

Aber Ehrlichkeit bedeutet lang nicht so viel wie schöner Schein. Schöner Schein ist bei Joseph Roth im Radetzkymarsch das Maß aller Dinge, für die Trottas exemplarisch vollzogen seit jenem Zeitpunkt, als der Selige seine Heldentat vollbrachte. Wie immer wieder die Marschmusik erkling, so hängt das vom Heldenmaler gemalte Bild des Großvaters über allem: über dem Roman, über dem Leben der Trottas, vielleicht auch über der ganzen Monarchie.

Ich denke ja gern in Literatur. Sie umfasst mich oft auch nach der Lektüre und ist bei manchem eine gute Verwandte von Ausstellungen. Schon oft hatte ich mir gewünscht, eine bildhafte Sammlung über die Habsburger Monarchie zu besuchen, einzutauchen in diese kaiserliche und köngliche Doppelmonarchie, der apostolischen Majestät nahezukommen, lieber noch den Soldaten, dem einfachen Volk, habe gewünscht, zu wissen, wie die Verhältnisse waren. Eine solche Ausstellung (die es sicherlich gegeben hat) habe ich nie gefunden, aber eben den Radetzkymarsch. Und der ist so gut, dass er mich zweifeln lässt, ob ich diese imaginäre Gesamtschau wirklich besuchen muss – es gibt sie längst.

Es gibt sie in Form eines Romans, der als sachlicher Bericht daherkommt: Der Erzähler selbst wertet nicht, lässt die Leser werten und schafft es, eine unglaubliche Nähe zu den Figuren herzustellen. Bei den Protagonisten begründet sich diese Nähe nicht unbedingt auf Sympathie, vielleicht begründet sie sich aber (und das ist ja gar nicht so weit davon entfernt) auf Mitleid: Mich macht das Unverständnis betroffen, warum Figuren handeln, wie sie handeln: der junge Trotta völlig ergeben seinem Vater gegenüber, chancenlos, was Emanzipaton betrifft, weil er Angst hat, ihm und dem Kaiserreich nicht zu genügen. Später handelt so Trottas Bediensteter, der sein letztes Geld ausgibt, weil er glaubt, es gehöre zum Dienen dazu. Und das alles festgemacht an den Vorbildern. Kurzum: die Propaganda hat funktioniert.

Also noch einmal der Großvater: Der weist den Kaiser auf das Schussfeld hin, reißt ihn zu Boden, wird selbst an der Schulter getroffen und darf sich – als Dank – Joseph Trotta von Sipolje nennen. Jahre später liest jener Trotta in einem Lehrbuch die heroische Beschreibung seiner Person, die über den Augenblick der Lebensrettung hinausgeht (er habe mit dem Kaiser die feindlichen Truppen zurückgeschlagen) und beschwert sich beim Kultusministerium. Das verweist auf die kindgerechte Darstellung und darauf, dass Trotta bei der Angelegenheit nicht schlecht wegkommt – für mich eine der Schlüsselszenen dieses Buches: lass den Schein doch Schein sein, wir leben alle gut damit.

Also ist es doch so bei den Habsburgern, dass der Anschein zum gesellschaftlichen Spiel gehört, oder zum Ernst der Gesellschaft – er ist allgemeingültig, man lebt ihn, lebt mit ihm, lässt sich von ihm vereinnahmen, lässt sich quälen. Oder richtet sich im schlimmsten Fall zugrunde. Weil Gesellschaft auf der akzeptierten Oberfläche genau so funktioniert, das Individuum aber – und das ist Roths Interesse – daran zugrunde gehen kann. Roth weiß, dass diese Lebensmodelle bald verschwinden, und vielleicht auch, dass diejenigen, die darin groß waren, gar nicht überleben können – sie passen nicht in die neue Zeit.

Davor muss Leutnant Trotta Soldat sein – auf Geheiß seines Vaters, dem der Großvater nach der Lehrbuch-Schmach das Soldatsein verboten hatte. Carl Joseph folgt seinen erotischen Bedürfnissen, schläft mit der verheirateten Frau Slama, die dann im Kindbett stirbt. Er wird ihrem Mann kondolieren – eine peiniche Szene, bei der Slama ihm ein Paket mit Liebesbriefen übereicht, Briefe also, die Carl Joseph selbst geschrieben hatte.

Als Soldat genießt Trotta höchstes Ansehen als Enkel des Großvaters, was allerdings getrübt wird, als man ihn mit der Frau des Regimantsarzt Max Demant sieht. Rittmeister Tattenbach macht sich über die Begegnung lustig, Demant – mittlerweile mit Trotta befreundet – fordert Tattenbach zum Duell, beide Kontrahenten sterben. Trotta – jetzt voller Schuldgefühle und mehr und mehr dem Alkohol verfallen – lässt sich an die russische Grenze versetzen.

Auch dort verläuft sein soldatisches Leben unglücklich: er gibt einen Schießbefehl, als es um Aufstände in einer Borstenfabrik gibt, wird selbst durch eine Kugel getroffen und kommt vor einen Untersuchungsausschuss, der ihn bis zum alternden Kaiser führt. Als der erfährt, Trotta sei der Enkel des Helden von Solferino, vermerkt er zum Fall: günstig erledigen.

Carl Joseph selbst will die Armee dennoch verlassen, hält sich ohnehin häufig in Wien auf, wo er Frau von Taußig trifft und sich gnadenlos verschuldet. Der Geldverleiher fordert das Geld, Trotta – völlig betrunken – geht mit dem Schwert auf den Mann los. Und noch einmal helfen der (noch) lebende Kaiser und der (lange) tote Held von Solferino, angerufen jetzt von Carl Josephs Vater, der seine Wirkichkeit schon immer auf zwei Ebenen gelebt hat: was sein darf und was ist: Die Schulden werden bezahlt.

Carl Joseph hat den Soldatenfrack zulezt abgelegt, dann aber kommt nach Ermordung des Thronfolgers in Sarajevo der Krieg – und Trotta zieht die Uniform fatalerweise wieder an. Seine Geschichte kann jetzt nur tragisch enden.

Mir geht das Bild mit der Ausstellung derweil nicht aus dem Kopf. Die Ausstellung bei Roth ist verstaubt. Und Roth weiß das.

Radetzkymarsch von Joseph Roth ist unter anderem 1981 bei dtv erschienen. Die Erstveröffentlichung war 1932.

Liebe ohne Ende

Amor hat Florentino Ariza mitten ins Herz getroffen. Und die entfachte Liebe ist nicht flüchtig, sie währt ein ganzes Leben lang. Die Liebe in den Zeiten der Cholera von Gabriel José García Márquez ist eine der schönsten Liebesgeschichten, die es in der Literatur gibt. Und mir gefällt, dass der Roman phantastisch endet.

Irgendwie war klar, dass der honorige Arzt Juvenal Urbino sterben muss. Es gab Vorzeichen, darunter den Selbstmord eines Freundes. Und dann stürzt der 81-Jährige am Pfingssonntag 1930 von der Leiter, als er einen Papagei vom Baum holen will. Bei Juvenals Totenfeier, die durch ein schlimmes Unwetter begleitet wird, offenbart Florentino Ariza der Witwe seine Liebe, jener Fermina Daza, die er in seiner Jugend kennengelernt hatte, die er verlassen musste, weil ihr Vater die Verbindung nicht wollte, mit seiner Tochter eine Reise des Vergessens unternahm, weit weg von Florentino Ariza. Der muss später erfahren, dass Fermina Daza den angesehenen Mediziner geheiratet hat, nicht den Leidenschaftlichen also, den Rationalen. Doch egal, was Ariza Zeit seines Lebens auch anstellt, er denkt immer an die scheinbar verlorene Liebe, hofft und hofft, liebt weiter und weiter – während Fermina Daza die Höhen und Tiefen der Ehe erlebt, die fremden Leidenschaften ihres Mannes, das Beisammenbleiben, weil die eigene Leidenschaft irgendwann nicht mehr zählt, weil beide durchs Leben klug geworden sind.

Doch was ist das für eine Klugheit? Ist Fermina Daza wirklich glücklich? Als Mutter, als Dame der Gesellschaft, als Frau an der Seite des Dr. Juvenal Urbino? Und als er stirbt, ist da dieser unverschämte Florentino Arizo, der ihr immer wieder Briefe geschrieben hatte, der sein eigenes Leben mit unzähligen Liebschaften und erotischen Abenteuern geführt hat und – das zum Thema Ansehen – es zum Direktor der karibischen Flussschifffahrtsgesellschaft bringt. Und er schreibt ihr wieder. Und sie treffen sich. Und er fehlt ihr, wenn er krank ist und nicht kommen kann. Bin ich nicht zu alt für die Liebe? Nein, ich bin es nicht. Ferminas Kinder sind entsetzt, doch jetzt will sie sich nicht mehr bevormunden lassen.

Gemeinsam gehen sie auf ein Schiff, dass die Cholera-Flagge hisst, das Zeichen dafür, dass es nicht anlegen kann. Und sie fahren hin und her, für mich ein phantastisches, wenn nicht gar märchenhaftes Ende. Denn wenn sie nicht gestorben sind, fahren sie noch immer.

Der Kapitän sah Fermina Daza an und entdeckte auf ihren Wimpern das erste Glitzern winterlichen Reifs. Dann schaute er Florentino Ariza an, sah seine unerschrockene Liebe und erschrak über den späten Verdacht, dass nicht so sehr der Tod, vielmehr das Leben keine Grenzen kennt. „Und was glauben Sie, wie lange wir dieses Scheiß-Hin-und-Zurück durchhalten können?“ Florentino Ariza war seit dreiundfünfzig Jahre, sieben Monaten und elf Tagen und Nächten auf die Frage vorbereitet: „Das ganze Leben“, sagte er.

Die Liebe in den Zeiten der Cholera, Seite 508f

Liebe mag eine Krankheit sein, Ariza hat sie befallen – doch eine Heilung gibt es nicht. Die Cholera wird vielleicht enden, und vielleicht hat Juvenal Urbino in seinen jungen Jahren forschend dazu beigetragen; Arizas Leidenschaft für Fermina Daza jedoch endet niemals. Der Liebende nimmt dafür alles in Kauf, auch eine zuweilen lächerliche Außenwirkung, auch die Verschmähung durch die Geliebte auf der Totenfeier ihres Mannes, was – bei aller Tragik – eben jene fein-witzige Komponente von Die Liebe in den Zeiten der Cholera ist, eine Komponente, die den Roman meines Erachtens so wunderbar macht.

Wunderbar macht ihn aber auch die Sprache, die bei Márquez wirklich Sogwirkung hat. Da erzählt einer ohne jedes Abgehoben-Sein über lebenslange Liebe, über Sexualität im Alter, über Zweisamkeiten, die sich verändern, sich anpassen, sich abstoßen, sich verbinden. Das alles und dass wir als Setting das Gesellschaftsbild des Postkolonialismus in Kolumbien vermittelt bekommen, macht den Roman nicht nur zum Geschichtenbuch, auch zum Geschichtsbuch.

Die Liebe in den Zeiten der Cholera von Gabriel Garciá Márquez ist 1967 erstmals erschienen, mir liegt die Übersetzung von Dagmar Ploetz vor, Kiepeneheuer & Witsch 1985

Alle geprellt

Wenn sich die Begeisterung für den Journalistenberuf mit Geldgier part, kann das im Ergebnis zum Problem werden. Erst recht, wenn dann noch ein Nazitick dazukommt, der suchtähnliche Drang nach allem fassbaren, was mit dem Dritten Reich in Verbindung gebracht werden kann. In diesem Fall etwa der Besitz einer Yacht von Göring oder – nicht ganz so teuer – sein Marshallstab. Dann gab es die anheizende Mär, Martin Bormann lebe noch. Oben drauf den Druck, auch wirklich Texte und Fotos abliefern zu müssen, um den Ruf als Spürnase zu wahren. So wie früher, als es darum ging, wer B. Traven wirklich war. Das Ergebnis aus diesem gefährlichen Gemisch war die „Entdeckung der Hitler-Tagebücher“.

Von vorne bis hinten ziemlich viel Lüge. Michael Seufert arbeitet einen der größten Presse-Skandale des zwanzigsten Jahrhunderts auf. In seinem Buch bietet er als ehemaliger Stern-Redakteur eine Innenschau.

Eine gute Aufarbeitung der Geschichte aus der zeitlichen, weniger der persönlichen Distanz liefert Michael Seufert, der 1983 ebenfalls Redakteur im Stern-Team war und zahlreiche Protagonisten persönlich kannte und – wie kaum ein anderer – den Flurfunk auswerten kann. Die dramatische Woche, die der Stern dann wenig später für die geprellten Leser protokollierte, lohnt unbedingt die Lektüre (ich bin froh, dass ich die Orginalhefte habe). Dass sich die Kunst über die vermeintliche Forderung, man müsse die Geschichte des Dritten Reichs umschreiben, lustig gemacht hat, liegt mit Schtonk auf der Hand. Lachen hilft. Die Wahrheit ist aber auch nicht ohne, wie Seufert in Der Skandal um die Hitler-Tagebücher zeigt.

Dabei wirkt besonders die Naivität der Beteiligten auch heute noch unglaublich. Genährt wird diese Naivität zum Teil daraus, dass sich mit den Nazis in den achtziger Jahren und auch heute noch ordentlich Kasse machen lässt. Im Bick auf die Geldvermehrung ist es den Verlagsoberen schlicht egal, wie viele Millionen die Beschaffung der Bücher vorab kostet. Schlimmer wiegt noch die völlge Ignoranz journalistischer Sorgfalt, wobei etwa bei Schriftgutachten Fälschungen mit Fälschungen verglichen werden, die Tatsache von Papieraufhellern, die es erst später gab, wegmoderiert oder das Ergebnis des Gutachtens des Bundeskriminalamts nicht abgewartet wurde. Der Druck war einfach zu groß geworden – eine Nazizeitung hatte (wenn auch wenig beachtet) schon den Fund eines Hitler-Tagebuchs gemeldet, ein Revisionist hatte seine Arbeit aufgenommen. Für den Stern war jetzt alles zu spät: Wenn wir es nicht bringen, bringen es die anderen.

Ganz kurz hier zum Ablauf: Der Nazi-Begeisterte Konrad Kujau, talentierer Nachmacher, hatte um 1974 im DDR-Konsumladen eine schwarze Kladde gekauft, schrieb darin als Hitler und prahlte als Konrad Fischer vor dem ebenfalls Nazi-Begeisterten Fritz Stiefel, Militaria-Sammler und Unternehmer aus Hegnach. Der Historiker Eberhard Jäckel bekam das Werk durch Stiefel in die Finger und sprach erhaben von einer Sensation. Stiefel lernte damals auch Stern-Reporter Gerd Heidemann kennen, der durch den Kauf der Göring-Yacht Carin II in finanzielle Schieflage geraten war. Heidemann hoffte, dass ihm Spiegel die Jacht abkauft. Der gönnte sich allerdings nur ein paar günstigere Nazi-Devotinalien und interessierte sich nicht wirklich für das marode Schiff. Immerhin zeigte er Heidemann stolz das erste Hitler-Tagebuch, der ihm dafür eine Million Mark bot. Nicht unbedingt, um den Fund für den Stern zu vermarkten, sondern nur für sich. Heidemann schnüffelte los und machte Kujau ausfinding, stieß auf den Absturzort eines Flugzeugs in Börnersdorf, in dem die Hitler-Tagebücher einst ausgeflogen werden sollten und ging davon aus, dass Kujau in München die Wahrheit gesagt hatte, dass er das Material über seinen Bruder bekomme, der Generalmajor in der Nationalen Volksarmee sei (und nicht, wie in Wirklichkeit Gepäckträger bei der Reichsbahn). Kujau, der eine florierende Fälscher-Wekstatt mit Kunden aus vielen Ländern betrieb, lieferte 60 Bände, seine „Quelle“ gab Heidemann bis zur Veröffentlichung nicht preis, weihte die Verlagsoberen auch erst ein, als der Stern ihn mit der Berichterstattung zum Papst-Attentäter Mehmet Ali Ağca beauftragen wollte. Dazu hatte Heidemann jetzt keine Zeit. Fast zehn Millionen Mark zahlten Bertelsmann und Gruner + Jar für die Beschaffung der Bücher.

Ich habe erst drei Tage vorher erfahren, daß die Dinger im »Stern« erscheinen, und durfte gar nicht mehr nach Hamburg fahren. Heidemann hatte mir das befohlen. Als dort die große Schau lief, war ich in meiner Sammlung. Ich glaube, ich habe die Vitrinen geputzt.

Konrad Kujau (1938 bis 2000), Spiegel, 11, 1984

Der Tagebuch-Skandal hat mich schon seit Erscheinen der Stern-Ausgabe 1983 interessiert. Ich habe das Exemplar damals gekauft und nie entsorgt: als Beispiel für Journalismus, wie er eben nicht sollte. Hier haben wirlich alle redaktionellen Konrollmechanismen versagt. Intransparenz innerhalb eines Verlages und innerhalb einer Redaktion sind fatal. Für Michael Seufert dürfte Der Skandal um die Hitler-Tagebücher auch als Aufarbeitung der eigenen Geschichte von Bedeutung sein. Man mag ihm hier Distanzlosigkeit vorwerfen, schwimmen in der eigenen Suppe und möglicherweise selbst eine Unaufmerksamkeit, den drohenden Kanonenschlag nicht geahnt zu haben (wenn wir schon von Flurfunk sprechen). Ich mache das nicht: Wer könnte schon so authentisch berichten? Seufert beschreibt insbesondere die handelnden Personen und am Ende des Buches auch, was aus ihnen geworden ist und wie sanft manche landeten. Gerd Heidemann gehört zu den „Überlebenden“, seine journalistishe Laufbahn war allerdings nach dem Skandal beendet: Er hatte als Freier zwar noch die eine oder andere Geschichte, kümmert sich ansonsten bis heute um sein Archiv. Wirklich glauben will man ihm nichts mehr.

Der Skandal um die Hitler-Tagebücher ist zuletzt als Taschenbuchausgabe 2011 bei Fischer erschienen, greifbar ist auch auch eine E-Book-Version.


Hier geht es zur Podcast-Serie des Stern, die den Skandal aufarbeitet. Hörenswert! Aktuell entsteht eine TV-Serie. Es bleibt spannend.

Gefangen im Ich

Er ist ein Mustermann, angepasst und klein. Und genau so heißt er auch: Klein, Friedrich Klein. Bankbeamter, Familienvater, bürgerlich im besten Sinne. So könnte es weitergehen. Immer. Aber so darf es nicht weitergehen. Wer bin ich eigentlich? Bin ich dieser Mensch, der so angepasst leben will und kann? Verdammt! Ich habe keine Chance, mich in den Zwängen meiner Welt selbst zu finden, ich bin nicht der, der ich für alle anderen bin. Die Folge: Klein bricht aus, fantasiert über die Ermordung seiner Frau und der Kinder, so wie es der Lehrer Ernst August Wagner im echten Leben gemacht hat, nach Richard Wagner wichtigster Namensgeber der Novelle Klein und Wagner von Hermann Hesse.

Als Held eignet sich Klein keinesfalls, vielleicht als schlechtes Beispiel eines inneren Aufbruchs.

Dass der Text 1919 erschien, ist bedeutend: Hesse hatte selbst den Entschluss gefasst, seine Frau und die drei Söhne zu verlassen und von Bern ins Tessin zu ziehen. Niemand sei schuld daran, nur er selbst. Und so ist es auch bei Friedrich Klein, der nicht die Schuld der Anderen sieht, was vielleicht bequemer wäre.

Aber wie bequem ist die Flucht? Sie scheint das einzige Mittel zu sein: Flucht vor der Familie, vor dem Mann, der Friedrich Klein war, vielleicht auch vor dem, der er sein könnte. Das letzte Mittel besorgt sich Klein schon vor der Abreise: einen Revolver. In einem italienischen Dorf trifft er auf die Tänzerin Teresina, die ihn bei der ersten zufälligen Begegnung im Park abstößt, dann gleichermaßen fasziniert. Weil sie im Tanz eine Fassade zeigen kann, wie es ihr beliebt. Unabhängig davon, wie es in ihrem Innern aussieht. Klein schläft mit ihr, findet aber auch darin letztlich keine Befriedigung. Seine Sprache wird stakkatoartig, steigert sich bis zum Gang ins Wasser und der Erkenntnis, dass es für Friedrich Klein kein richtiges Leben geben kann. Und niemals wieder ein falsches – Zack, und schon ist die Geschichte vorbei. Mehr nicht.

Als Held eignet sich Klein keinesfalls, vielleicht als schlechtes Beispiel eines inneren Aufbruchs: das Innere des Menschen ist zum Gefängnis geworden, allerdings nicht wie beim Grafen von Monte Christo: dort ist der gespielte Tod ein Ausweg, hier will Klein nicht spielen. Er zerbricht an der Gesellschaft, deren Fesseln auch für ihn so stark sind, dass er sie nicht mit legitimen Mitteln zerreißen kann. Er kann in den Zug steigen, kann und muss flüchten, doch er nimmt sich und seine Welt immer mit. Er ist einer, der keine Strategie gefunden hat, das Dasein für sich (und vielleicht auch für andere) zu verändern und erträglich zu machen, er ist nicht wie Teresina. Klein scheint am Ende auch nicht mehr zu wissen und nicht wissen zu wollen, dass genau das möglich ist.

Klein und Wagner von Hermann Hesse ist bei Suhrkamp zum Beispiel 2001 erschienen. Der Text ist auch als E-Book erhältlich.