Der Deich bricht

Theodor Storm wird heute gerne im Zusammenhang mit Der Schimmelreiter genannt. Völlig richtig. Überraschend aber könnte sein, dass die Zeitgenossen den wohl bekanntesten Text Storms 1888 erst wenige Monate vor und dann vor allem nach seinem Tod kennenlernten. Die schätzten den Dichter aus der grauen Stadt am Meer wohl eher wegen Der kleine Häwelmann (1849), ein Kunstmärchen, das er für seinen Sohn schrieb, oder auch Pole Poppenspäler (1874).

Die in Der Schimmelreiter aus dem Volksglauben heraufbeschworene Atmosphäre macht die Geschichte von Deichgraf Hauke Haien so fesselnd, kombiniert mit der persönlichen Darstellung eines nicht ganz glatten (weil widersprüchlichen) Charakters, der die dämonisch wirkende Katze eine alten Frau, die mich an Hoffmanns Apfelweib erinnert, getötet hat, später aber den Hund rettet, der im Deichbau geopfert werden soll.

Ohnehin besteht Haiens ganzes Leben aus Konflikten. Gar nicht mal mit dem Vater (die Mutter spielt in Storms Welt eine eher untergeordnete Rolle), der ihm die Deichkenntnisse in die Wiege gelegt hatte, aber schon bald mit dem Großknecht Ole Peters, der auch Deichgraf werden will und es ebenfalls auf die reiche Erbin Elke abgesehen hatte. Doch Elke richtet in ihrem Sinne über die alten Normen; denn es darf nur der Deichgraf werden, der ausreichend Land sein Eigen nennt. Sie sei doch längst mit ihm verlobt, sagt sie auf der Deichversammlung – und Haien wird Deichgraf.

Haien und Elke haben bald ein außergewöhnliches Kind, das damals wohl eher als bemitleidenswerte Last gesehen wurde, das sie aber abgöttisch lieben.

Dass er andere Vorstellungen von Deichen hat als die Dorfbewohner, macht ihn mehr und mehr zum Außenseiter. Seiner Frau und Tochter offenbart er sich nicht, bleibt, – was seine Arbeit betrifft – in sich verschlossen. Der bröckelnde Deich, der drohende Bruch und jene Stelle, die nicht genügend abgedichtet schien, wird immer mehr zum Bild von Haiens Leben, der Natur kann sich niemand widersetzen. Auch Haien nicht, der ohnehin als eigentümlich gilt, da er einen verloren geglaubten Schimmel zu neuem Leben erweckt hatte und als Schimmelreiter mit eben diesem Tier zur geisthaften Gestalt wird.

Das alles liest sich natürlich wie ein Gruselroman mit Wiedergänger-Motiven, nur eben viel besser: Storm ist ein Dichter großer Bilder, er schreibt nahezu gemäldehaft, was dann gerne als realistisch bezeichnet werden kann. Wer die Novelle als Konflikt zwischen Chaos und Ordnung sehen möchte, wird hier gut bedient. Die Ordnung wird aber in letzter Instanz unterliegen.

Und das Chaos geht weiter: Im Sturm begegnet ein fremder Reiter Jahrzehnte später dem ewigen Deichgrafen,der ihm auf einem Schimmel entgegenkommt. Das war der längst verstorbene Hauke Haien, wird ihm in einem Wirtshaus bedeutet. Und ein Schulmeister erzählt die Geschichte.

Der Schimmelreiter ist unter anderem 2011 bei Insel erschienen.


Mehr über Theodor Storm (1817 bis 1888) gibt es hier bei mir im Blog: Storms Garten.

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