Er ist ein Mustermann, angepasst und klein. Und genau so heißt er auch: Klein, Friedrich Klein. Bankbeamter, Familienvater, bürgerlich im besten Sinne. So könnte es weitergehen. Immer. Aber so darf es nicht weitergehen. Wer bin ich eigentlich? Bin ich dieser Mensch, der so angepasst leben will und kann? Verdammt! Ich habe keine Chance, mich in den Zwängen meiner Welt selbst zu finden, ich bin nicht der, der ich für alle anderen bin. Die Folge: Klein bricht aus, fantasiert über die Ermordung seiner Frau und der Kinder, so wie es der Lehrer Ernst August Wagner im echten Leben gemacht hat, nach Richard Wagner wichtigster Namensgeber der Novelle Klein und Wagner von Hermann Hesse.

Dass der Text 1919 erschien, ist bedeutend: Hesse hatte selbst den Entschluss gefasst, seine Frau und die drei Söhne zu verlassen und von Bern ins Tessin zu ziehen. Niemand sei schuld daran, nur er selbst. Und so ist es auch bei Friedrich Klein, der nicht die Schuld der Anderen sieht, was vielleicht bequemer wäre.

Aber wie bequem ist die Flucht? Sie scheint das einzige Mittel zu sein: Flucht vor der Familie, vor dem Mann, der Friedrich Klein war, vielleicht auch vor dem, der er sein könnte. Das letzte Mittel besorgt sich Klein schon vor der Abreise: einen Revolver. In einem italienischen Dorf trifft er auf die Tänzerin Teresina, die ihn bei der ersten zufälligen Begegnung im Park abstößt, dann gleichermaßen fasziniert. Weil sie im Tanz eine Fassade zeigen kann, wie es ihr beliebt. Unabhängig davon, wie es in ihrem Innern aussieht. Klein schläft mit ihr, findet aber auch darin letztlich keine Befriedigung. Seine Sprache wird stakkatoartig, steigert sich bis zum Gang ins Wasser und der Erkenntnis, dass es für Friedrich Klein kein richtiges Leben geben kann. Und niemals wieder ein falsches – Zack, und schon ist die Geschichte vorbei. Mehr nicht.

Als Held eignet sich Klein keinesfalls, vielleicht als schlechtes Beispiel eines inneren Aufbruchs: das Innere des Menschen ist zum Gefängnis geworden, allerdings nicht wie beim Grafen von Monte Christo: dort ist der gespielte Tod ein Ausweg, hier will Klein nicht spielen. Er zerbricht an der Gesellschaft, deren Fesseln auch für ihn so stark sind, dass er sie nicht mit legitimen Mitteln zerreißen kann. Er kann in den Zug steigen, kann und muss flüchten, doch er nimmt sich und seine Welt immer mit. Er ist einer, der keine Strategie gefunden hat, das Dasein für sich (und vielleicht auch für andere) zu verändern und erträglich zu machen, er ist nicht wie Teresina. Klein scheint am Ende auch nicht mehr zu wissen und nicht wissen zu wollen, dass genau das möglich ist.

Klein und Wagner von Hermann Hesse ist bei Suhrkamp zum Beispiel 2001 erschienen. Der Text ist auch als E-Book erhältlich.