Sich am eigenen Schopf aus dem Schlamassel ziehen, raus aus dem trüben Teich, weg vom Sumpf. Das dürfte ein vielfach herbeigeflehter Wunsch sein. Mit Wünschen aber ist das bekanntlich so eine Sache: Sie gehen nicht mit hundertprozentiger Sicherheit in Erfüllung. Und wenn man es unbedingt wünscht (vielleicht aus der Erzählperspektive des eigenen Lebens) legen manche sich die Wahrheit zurecht. Wobei der gute alte Münchhausen viel kreativer war als so manch platter Politiker heute – und da muss ich nicht einmal über den Teich blicken.

Die Geschichte geht ungefähr so: Besagter Lügenbaron wollte bei der Hasenjagd über einen Morast setzen und erkannte mitten im Sprung, dass dieser Morast viel breiter war als anfangs noch gedacht. Im Sprung (!) kehrte unser Freund zurück, landete wieder am Anfang und nahm einen neuen Anlauf. Nun kam er wohl etwas weiter, aber immer noch nicht weit genug: kurz vor dem anderen Ufer stürzte er in den Sumpf und wäre wahrscheinlich – um es mit meinem Freund Johann Nestroy auszudrücken – im Schlamm des Lebens versunken. In dieser Situation griff sich Münchhausen an den Schopf und zog sich samt Pferd aus dem Schlammassel. Das klingt erst einmal beruhigend, kann aber zum Problem werden, wenn man selbst Münchhausen heißt.

So wie die von Berufs wegen der Wahrheit verpflichtete Journalistin Anna von Münchhausen, die viele Zeit-Artikel geschrieben und seit ihrem Ruhestand mehr Zeit hat. Sie hat jetzt ein – ich möchte sagen – naheliegendes Buch über den berühmten Ahnen geschrieben, es heißt: Der Lügenbaron: Mein phantastischer Vorfahr und ich. Dabei geht es natürlich um die Beziehung von Anna von Münchhausen zu von Münchhausen, etwa, dass die allwissenden Lehrer sie des Flunkerns verdächtigten. Aber – und das ist besonders amüsant – um die eigenen Verwandten, die sich immer wieder rechtfertigen mussten, manchmal in durchaus schwierigen Situationen, wenn sich die Polizei bei der Polizeikontrolle etwa tumb veräppelt vorkommt: Nee, ich heiße wirklich so, und nee, ich sage die Wahrheit.

Die Wahrheit ist ohne Lüge spannend

Die Wahrheit des Barons selbst ist auch ohne Lüge spannend: Denn dass es Hieronymus von Münchhausen wirklich gab, muss man heutigen Lesern durchaus erklären: Der Baron wurde am 11. Mai 1720 in Bodenwerder als fünftes Kind seiner Eltern Georg und Sybille Wilhelmine geboren und verbrachte die kurze Kindheit auf dem Gut seiner Eltern. Mit 13 Jahren ging er als Page zunächst an den Hof des Fürsten von Braunschweig-Wolfenbüttel (der Vater war bereits gestorben), dann nach St. Petersburg, wo der Bruder des Fürsten lebte: Anton Ulrich von Braunschweig. Hieronymus machte als Soldat Karriere, wurde zum Leutnant befördert, später sogar zum Rittmeister. Dazwischen wurde der Sohn von Anton Ulrich nach dem Tod der alten Zarin zum „Zar in der Wiege“, bis die jüngste Tochter von Zar Peter („der Große“) an die Macht kam. Der Einfluss der deutschen Prinzen-Crew, schreibt Anna von Münchhausen, sei von einigen als anmaßend empfunden worden.

Die Umstände lösten auch für Hieronymus einen Karriereknick aus, über Umwege kehrte er mit seiner künftigen Ehefrau Jakobine von Dunten (1726? bis 1790) nach Bodenwerder zurück. Dort stritt er sich dann um Grenzpfähle und Zugangsrechte, ging zur Jagd und liebte die Geselligkeit, wie uns Anna von Münchhausen berichtet. Dass er – weit rumgekommen – gern von seinen Reisen erzählte, liegt auf der Hand. Manches schmückte er wohl ironisch aus, um den jungen Männer ihr eigenes Gehabe vor Augen zu führen.

Wahr und recht einfach zu erkennen ist, dass Hieronymus Münchhausen ein begabter Fabulierer war- gelogen ist, dass er ein Lügner oder ein blöder Blender war. Für Hieronymus Münchhausen diente das fabulierende Übertreiben einem Zweck. Er wollte damit Angeber und Aufschneider bloßstellen. Sie ausstechen, sozusagen.

Münchhausen brachte Schwadroneure zum Schweigen, dürfte aber keinesfalls mit einem Zuhörer gerechnet haben (oder einem, dem die Geschichten dann aus zweiter Hand erzählt wurden, wer weiß?), der die Erzählungen 1781 im Vademecum für lustige Leute veröffentlichte. Ob dieser Mann schon der Universalgelehrte Rudolf Erich Raspe (1736 bis 1794) war, der nach einem Münzdiebstahl nach England flüchten musste, ist nicht bekannt. Er veröffentlichte jedoch die um eigene Anekdoten ergänzten Abenteuer auf der Insel und landete einen – wir würden heute sagen – Bestseller. Der Titel klingt etwas umständlich:

Gulliver revived or the singular Travels, Campaigns, Voyages, and Adventures of Baron Munikhoouson commonly called Munchhausen.Oxford: Kearsly 1786.

1791 erschienen die Adventures dann – wiederum bearbeitet und ergänzt von Gottfried August Bürger (1747 bis 1794), in Deutschland.

Dass Hieronymus als „Lügenbaron“ tituliert wurde, dürfte auch auf die Anwältin seiner zweiten Ehefrau zurückzuführen sein. Von der jungen Frau ließ er sich rasch scheiden, da er Angst bekam, sie wolle ihn um sein Vermögen bringen. Um das komplett auszuschließen, überschrieb Hieronymus seinen Besitz noch an einen Neffen, was die Anwältin dazu veranlasste, auf das „unseriöse fabulieren und verleumden“ hinzuweisen. Der Rest ist Geschichte.

Schummeln wie der Vorfahr …

In ihrem Buch erzählt Anna von Münchhausen das Leben von Hieronymus nach, berichtet vom Ritt auf der Kanonenkugel oder der Reise zum Mond oder dem halben Pferd. Richtig schön wird der Text – wie gesagt -, wenn sie die lebenden Nachfahren zu Wort kommen lässt: den Freiherrn von Blomberg etwa, der alles über Hieronymus und Raspe weiß und dass Hieronymus ein freundliches Wesen besaß. Oder wenn sie von Hildbourg von Harbou berichtet, geborene Freiin von Münchhausen, die 1966 bei der Rückreise aus der DDR von einem Volkspolizisten verhört wurde und hörte, ob sie denn auch so gut lügen könne wie ihr berühmter Vorfahr?

Der Lügenbaron: Mein phantastischer Vorfahr und ich ist ein kurzweiliges und wirklich spannendes Buch, weil man – so weit es möglich ist – tief in das Leben des Barons aus Bodenwerder eintauchen kann. Die Journalistin merkt man Anna von Münchhausen in jeder Zeile an. Der reportagehafte Stil ist angenehm, das Wortlaut-Interview mit dem Freiherrn von Blomberg oder der Leiterin des Münchhausen-Museums in Bodenwerder ist eine schöne Form. Einen netten Clou finde ich auch die Titulierung als „phantastisch“, was natürlich viel tiefsinniger als „berühmter“ ist und noch einen versteckten Link zur Phantastik darstellt – auch wenn weder Raspe noch Bürger in Zondergelds Lexikon der phantastischen Literatur auftauchen. Schade eigentlich.

Als Filmfreund gefiel mir natürlich auch die hintergründige Darstellung der Verfilmungen, wobei ich von der Fassung von 2012 mit Jan Josef Liefers noch gar nichts wusste. Werde ich mir anschauen. Und vielleicht auch nochmal den alten Ufa-Schinken von 1943, wobei der damals mit einem Berufsverbot durch die Nazis belegte Erich Kästner (1899 bis 1974) das Drehbuch schrieb. Auch hier gibt es bekanntlich noch interessante Fragestellungen, etwa: Wie frei war Kästner? „Wenn Abenteuer von Münchhausen ins Fernsehprogramm geholt werden sollen“, schreibt Anna von Münchhausen, „fällt die Wahl meist immer noch auf den alten Hans-Albers-Film.“ Fest steht: Der erschien unter einer Ägide ganz anderer Lügner.

Anna von Münchhausen, Der Lügenbaron: Mein phantastischer Vorfahr und ich, Rowohlt 2020, e-Book


Lieblinks zu Münchhausen

Wer mehr über den Baron wissen will, sollte das eben besprochene Buch lesen, kann aber auch hier weiterforschen. Die Heimat von Münchhausen lädt ein, es gibt mehr über das Münchhausen-Syndrom oder das Münchhausen-Phänomen. Das „kann sich an sinnlich Wahrnehmbarem oder an mentalen Vorgängen entzünden“, wie es aus der Münchhausen-Bibliothek in Zürich heißt:

Münchhausen-Bibliothek Zürich

Münchhausenland Bodenwerder Polle

Der Baron bei Wikipedia