Robinsonade im All

Als ob es wahr wäre: Weir schreibt über einen Astronauten, der auf dem Mars vergessen wird.

Wahrscheinlich wird Der Marsianer von Andy Weir auch in Zukunft gern gelesen. So wie 1984 von Orwell oder Per Anhalter durch die Galaxis von  Adams. Weirs planetare Robinsonade klingt wissenschaftlich korrekt.

Nun gut, das ist bei Science Fiction meist oder immer so. Aber Weir nimmt keine Überwesen, die dir ins Gehirn gucken können oder denen Drähte aus dem Kopf wachsen, er nimmt ganz einfach den Menschen. Und deshalb lese ich das Buch auch noch ein wenig anders.

Der Marsianer ist eine Parabel auf den unbedingten Überlebenswillen. Insofern taugt Mark Watney als Vorbild: Egal was passiert, du kommst aus jeder noch so aussichtslos scheinenden Situation heraus – du hast zumindest die Chance dazu und solltest es versuchen. Scheitern kannst du  später,  und auch das wäre dann okay. Was Watney auf dem Mars anstellt, auf dem er von seiner Crew unfreiwillig (und glaubend, er sei tot) zurückgelassen wurde, liest sich wie ein Krimi. Die Tagebuchform und deshalb auch die Ich-Perspektive lässt dich mitfiebern, mitverzweifeln, mitfreuen. „Ich bin sowas von im Arsch“, schreibt Watney an Sol 6 in sein Logbuch. Und: „Ich weiß nicht, wer dies hier überhaupt lesen wird. Vermutlich wird es irgendwann einmal jemand finden. Vielleicht in hundert Jahren.“ Und dann hat er einen Plan: „Ich muss Kalorien erzeugen.“ Und zwar so lange, bis Ares 4 landet – vielleicht in 1387 Marstagen. Oder auch nicht.

Der Marsianer mahnt uns  zur Geduld. Es dauert, bis die Kartoffeln essbar sind, bis Watney erntet, bis er die alte Station erreicht, bis er die Kommunikation zur Erde wieder herstellt.  Und es dauert auch, bis die Nachricht unten ankommt. Und es dauert, bis  Watney die Antwort bekommt. Überhaupt dauert hier alles viel länger als im normalen Leben. Aber es ist eben auch die Geduld, hier gepaart mit einer gehörigen Portion Mut, wie ich finde, die zuletzt alles gut werden lässt.

Natürlich irritiert mich an Weir der Herrschaftsanspruch der Amerikaner, von dem er sich bei aller dramaturgischen Raffinesse nicht wirklich löst. Aber möglicherweise ist das mein Problem: Ich mag die Flaggenszenen in patriotischen US-Filmen nicht sonderlich, und ich habe Der Marsianer unbekümmerter gelesen, als Trump noch nicht am Ruder war. Und natürlich ist Mark Watney kein tragischer Charakter wie Winston Smith, muss er aber auch nicht sein, seine Umgebung ist kein Überwachungsstaat, es ist der rote Planet.  Watney findet sich nicht mit seinem Schicksal ab und hat  immer noch Raum für Humor:  „Als erstes habe ich heute neben dem Rover Steine aufgeschichtet, um  Bin okay zu buchstabieren. Das sollte die NASA glücklich machen.“

Die „Welt“ um ihn herum  ist unwirtlich, weil es die außerirdische Natur ist. Und die Frage stellt sich von  der ersten Seite an: Kann der Mensch auf dem Mars leben? Er kann, auch wenn es unter den aktuell möglichen Bedingungen (mit denen spielt Weir) nur möglich scheint, wenn man wie Watney gestrickt ist. Ob eine Gesellschaft auf dem roten Planeten funktioniert, bleibt also  die große Frage.  Andy Weir muss sie nicht beantworten, lässt aber erahnen, wie schwierig das wäre.  In sich bleibt der Roman  ein sehr schlüssiges Buch, das den nächsten Schritt der Menschen zum Aufbruch in neue  Sphären phantasiert.

Und so liefert Weir einen unterhaltenden Text mit Botschaft. Mir hat das für die Lektüre gereicht. Und es war nicht verwunderlich, dass das Werk dann auch gleich verfilmt wurde. Ich bin gespannt, was man hierzulande noch so von Andy Weir hört. Und ich bin gespannt, wie es mit dem Mars weitergeht.

Andy Weir, Der Marsianer, Heyne, München 2015

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