Plötzlich brennt ein Asylbewerberheim. Was passiert hier? In Ystad gerät die Welt aus den Fugen.

Ich war beim Blick auf das Bücherregal neugierig geworden: Funktioniert der Krimi nach 19 Jahren noch? Kann ich mich wieder in Wallander vertiefen? Bin ich wieder ganz drin in der Welt in und um Ystad? Und ich kann sagen: Dreimal ja. Henning Mankell funktioniert noch immer, vielleicht schon ein bisschen mehr als historischer Krimi, als Geschichte ohne Smartphone und modernste Polizeimethoden. Bei Mörder ohne Gesicht sind die Reaktionen auf einen stärker aufflammenden Rechtsextremismus wichtig, den Mankell hier mit „Ausländern“ in Verbindung bringt und einer brennenden Asylbewerberunterkunft. Und mit der staatlichen und bei manchen Menschen ausgeprägten Unfähigkeit, mit dem Anderssein fertig zu werden. Auch der Ermittler hat da so seine Probleme.

Gute und sehr gute Romane muss ich einfach nochmal lesen. Ich hatte Mörder ohne Gesicht 2002 gekauft (laut Notiz auf der Umschlagseite) und weiß noch, dass ich damals völlig geflasht war: So einen Kommissar kannte ich noch nicht. Klar, die „großen Alten“ wie Dupin oder Sherlock Holmes, dann auch neue wie Thomas Lynley, Guido Brunetti oder danach noch Carl Mørck – alle klasse auf ihre Weise, tolle Typen, überzeichnet, gerade bei Arthur Canon Doyle heute fast schon als Karikatur zu lesen, die Jane Marples und Hercule Poirots bei Agatha Christie sowieso. Ich liebe das! Und dann dieser völlig andere Kurt Wallander: Mittvierziger, im privaten Leben ziemlich kaputt, eine Tochter, die ihn selten besucht, die Scheidung von Mona, die ihm in den Knochen sitzt, der Vater, der nie wollte, dass er Polizist wird und ihm das bei jeder Gelegenheit aufs Butterbrot schmiert; der Vater also, der selbst Kunstmaler ist und Landschaftsbilder entweder mit oder ohne Auerhahn malt.

Wallander ist so viel Figur, dass der Fall in den Hintergrund rücken könnte. Dabei ist es nicht der typische Protagonist, mit dem sich Lesende identifizieren können, allerdings derjenige, der in vielen Facetten nachfühlbar ist, weil er selbst an sich zweifelt und mehr als einmal darüber nachdenkt, Wachmann statt Polizist zu sein. Und der (was schwerer wiegt) seinen Umgang mit Frauen überhaupt nicht im Griff hat: Dass er die Staatsanwältin „rumkriegen“ will, lässt mich (eben weil so nah an Wallander) beschämt zurück. Und dann ist da dieser verdammte Alkohol – und das „Glück“, dass er doch Polizist ist und die Kollegen ihn stoppen und laufen lassen.

Aber es gibt die Kriminalgeschichte eben doch: Ein altes einsam lebendes Bauernehepaar wird überfallen. Der Mann stirbt, die Frau kann im Krankenhaus noch „Ausländer“ sagen, die Presse wittert Morgenluft, ein anonymer Anrufer setzt den Kommissar unter Druck, der Mob zündet ein Asylbewerberheim an, ein Somalier stirbt. Wallander selbst zweifelt an der Asylpolitik seines Landes, distanziert sich aber deutlich von den Rechtsextremisten, scheint sensibilisierter denn je. Etwa, wenn er erfährt dass Linda einen schwarzen Freund hat: es ist das Unbekannte, was ihn verstört, vielleicht auch ängstigt. Umso mehr beißt er sich mit seinen Kollegen (auch alles Typen, groß gezeichnet, besonders Rydberg, den er verlieren wird) an dem Fall fest, wobei der Mord am Asylbewerber schnell aufgeklärt wird, nicht aber jener am Ehepaar aus Lenarp. Hier hilft ihm schließlich eine sehr aufmerksame Zeugin und Wallanders typische Beharrlichkeit.

Noch einmal: Ganz besonders hat mich an diesem Roman damals schon und auch heute die Nähe zur Hauptfigur fasziniert. Wenn sich Wallander ein Brot schmiert ist das nicht banal. Und wenn er die Oper liebt, erst recht nicht.

Mörder ohne Gesicht war Auftakt der Wallander-Reihe von Henning Mankell (1948 bis 2015) , erschien 1991 in Schweden, zwei Jahre später deutschsprachig. Über einen ziemlich begeisterten Arbeitskollegen war ich an den Kommissar gekommen, der und dessen Fälle dann so beeindruckt haben, dass ich in kurzer Zeit und als weitere erschienen, alles gelesen habe. Später auch die Nicht-Wallander-Romane.

Mörder ohne Gesicht von Henning Mankell ist bei dtv erschienen, aus dem Schwedischen van Barbara Sirges und Paul Berf, München 2002