Storms Garten

Dichter verstehen. Gute Biographien helfen dabei, auch wenn sie selbst immer schon eine Interpretation sind.

Wen interessiert eigentlich, ob ein Dichter vor 160 Jahren einen Garten angelegt hat und wie? Oder welche Lieder er seinem Chor auf die „Setlist“ geschrieben hat? Welchen Wein er gerne getrunken hat, was er gegessen hat? Wo im Haus seine Möbel standen? Noch einmal: Wen interessiert das? Ich kenne einen: Mich!

Die Antwort mag überraschen, aber ich bin der Meinung, dass Theodor Storm eine interessante Persönlichkeit war – in seiner Zeit, in seinem Leben, in seinen Beziehungen. Warum verschlingen wir Biographien?  Wollen wir so sein wie die, die wir so sehr schätzen? Ein Stück weit vielleicht, ein kleines Stück. Vor allem aber interessiert der Hintergrund: Was ist das für ein Typ, der den Schimmelreiter geschrieben hat, der uns in der Schulzeit quälte, den wir als Erwachsene wiederentdeckt haben und immer wieder lesen?  Wie hat er gelebt, wäre er uns/mir sympathisch gewesen? Was hat ihn zu dieser oder jener Geschichte veranlasst?  Da ich vor kurzem einen Zeitungsartikel über Storm in Minden geschrieben habe, war ich wieder mal angefixt und las eines der letzten  Bücher von Karl Ernst Laage: Theodor Storm privat, schön aufgemacht, prägnant geschriebene kurze Kapitel, fast schon ein Bildband, wenn auch nicht gar so pompös, was zu Storm auch nicht passen würde.

Da geht es etwa um die Erinnerungen seiner Zeitgenossen, darunter Theodor Fontane oder eines Professors Erich Schmidt: Mittelgroß sei Storm, „etwas gebeugt, 59 Jahre, im Anfang etwas ungewandt. Volles graues Haar und Bart. Schöne glänzende blaue Augen. Sanfte Stimme, langsame Sprache …“ Und schon kommt der Garten vor, den er sich an der Neustadt 56 in Husum angelegt hatte, mit Skizze.  Später geht es um die finanziellen Verhältnisse des Dichters, die gezwungene Aufgabe seines Juristenberufs wegen „Renitenz“, „als die alten Geldsorgen“ wieder hochkamen. Und um die Frauen, dann die Kinder, denen er ein „liebevoller Vater“ war. Aber auch um die Bildung eines „festen Geschäftskreises“, so dass nach 1844 kaum noch von finanzieller Not  die Rede ist.

Thema ist natürlich immer wieder das berühmte Storm-Haus an der Wasserreihe 31 in Husum – übrigens ein Gebäude, dass ich als Schüler besucht habe, vor ein paar Jahren noch einmal.  Hier – heute als „Storm-Zentrum“ berühmt –  hat man das Gefühl, Storms Alltag ganz nah zu sein. Toll gemacht: vieles ist original, die Bilder (die ihm so wichtig waren) hängen am angestammten Platz, die Möbel stehen dort, wo sie standen, als Storm lebte. Laage schreibt: „Das Sofa im Wohnzimmer ist nicht nur ein typisches Möbelstück der Biedermeierzeit, sondern ein literarisches Denkmal: Storm hat es in seiner Novelle Drüben am Markt verewigt.“ Und über dem Sofa sind – auch wie zu Storms Zeiten – Miniaturbilder der Vorfahren angebracht.

Es mag klischeehaft klingen, aber du glaubst, Storm betritt gleich den Raum. Fast ist es schade, dass man keine Tondokumente hat. Wir sind halt so, wollen sehen, wollen hören. Auch da hilft Laage, wenn er an Fontane erinnert: Der hatte miterlebt, wie Storm Spukgeschichten erzählte. Und das klang immer so, als würde er „aus der Ferne von einer Violone begleitet.“ Storm sei der vorzüglichste Vorleser gewesen, zitiert Laage auch ein „Fräulein Jürgensen“, die Storms Töchter in Hademarschen unterrichtet hatte.

Bei aller Begründung für biographische Interessen liegt der Fall bei mir noch ein wenig tiefer. Storm, mit dem ich frühe und auch schulische Leserlebnisse verbinde (nämlich den Schimmelreiter) war mir als junger Erwachsener  aus dem Blick geraten. Bei  einer langen  Fahrt in den hohen Norden las ich das aus einer intuitiven Laune heraus gekaufte RoRoRo-Bändchen über Storm. Und  ungefähr auf der endlos langen Brücke in Rendsburg dachte ich: Das ist es! Ich weiß jetzt, dass ich bestimmt nicht Jura studieren will oder irgendwas mit Wirtschaft, ich weiß jetzt, dass es Literatur ist, die mich immer interessieren wird, für die ich immer brennen werde.  Storm hat also indirekt mit meinem Lebensweg zu tun, nicht einmal Storm direkt , sondern ein kleines Stück Sekundärliteratur. Natürlich habe ich mich dann im Germanistik-Studium weiter für deutschen Realismus interessiert, in der Folge aber auch für alle anderen Strömungen bis zur konkreten Poesie Bielefelder Prägung.

Autoren verstehen – das war mir wichtig, ihnen nahe kommen, durch ihre Texte, aber auch durch Texte über Texte. Dass Biographien immer auch Interpretationen sind, ist mir bewusst. Die von Laage aber ist gut gemacht.

Laage selbst ist übrigens hochbetagt im vorigen Jahr gestorben.  Er galt als einer der besten Storm-Kenner des Landes und hat das Storm-Zentrum in der Husumer Wasserreihe maßgeblich geprägt.

Karl Ernst Laage, Theodor Storm privat, Boyens, Bad Langensalza 2013

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.