Auf dem Hügel

Eines der speziellen Literaturthemen ist die Übersetzung von Lyrik. Die Diskussion, die etwa beim Deutschlandfunk dokumentiert wurde, ob weiße Menschen die Texte von schwarzen Menschen übersetzen dürfen, ist reichlich dumm. Wer meint, einen Text in eine andere Sprache übertragen zu müssen, sollte sich keinesfalls davon abhalten lassen: Übersetzungen weiten bekanntlich die Welt. Und das gilt auch für Amanda Gormans The Hill we climb.

Ich finde die deutschsprachige Ausgabe – anders als andere Kritiker – durchaus gelungen. Sie ist ein Angebot, so wie damals die Poe-Übertragung von Arno Schmidt und Hans Wollschläger. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger.

Natürlich lese ich den Pathos mit, der mir gerade im Amerikanischen immer wieder auf den Nerv geht. Er entspricht jedoch der Lebenswelt der 1998 geborenen Gorman und ihrer Generation, die durch Trump ganz offensichtlich Schaden genommen hat. Dass ich Probleme mit flatternden Sternenbannern habe, könnte an der Geschichte meines Landes liegen – Nationalismus kommt mir schnell überhöht vor und fühlt sich falsch an. Doch bei Gorman geht es um das Gegenteil von Zwietracht, um das Verlorene vergangener Jahre, die Unterschiede, die keine sind und trotzdem überwunden werden müssen. Amanda Gorman hat einen starken Text zur richtigen Zeit geschrieben; und dass sie ihn ausgerechnet bei der Amtseinführung von Joe Biden vorgelesen hat, war eine große Geste auch für die Kraft der hierzulande gerne gescholtenen Lyrik. Und überhaupt die großen Gesten: „Die Worte, die uns umfingen, waren eine Wohltat, waren Balsam für unsere Seelen“, schreibt Ophra Winfrey in ihrem Vorwort.

Der Text selbst ist ein befreiender Aufbruch nach dem Blick in den Abgrund, er beschreibt, wie Amerika eigentlich sein sollte und sein könnte: „Wir treten das Erbe eines Landes und einer Zeit an, da ein kleines, dünnes Schwarzes Mädchen, Nachfahre von Sklavinnen, Kind einer alleinerziehenden Mutter, davon träumen kann, Präsidentin zu werden …“ Natürlich, will man da sagen, warum auch nicht? Wir reden von Demokratie und künftig nicht von Diktatur. Dass das alles nicht selbstverständlich war, lässt nach wie vor fassungslos grübeln – und dass viele Menschen diesen Menschen gewählt hatten. Beschädigt werde die Nation auferstehen, sagt Gorman und spricht vom Licht. Nicht alles sei perfekt, doch Mut sei der Schlüssel: „Wenn wir uns zutrauen, es weiterzutragen.“

Amanada Gormans Text ist zweisprachig bei Hoffmann und Campe erschienen, The Hill we climb, Den Hügel hinauf, Hamburg 2021. Übersetzerinnen sind Uda Strätling, Hadija Haruna-Oelker und Kübra Gümüşay. Als kleine Lesehilfe gibt es noch eine hilfreiche Aufschlüsselung zahlreicher Symbole. Wer weiß hier schon, dass der Hill das Capitol ist?

Mack und die Jungens

Manche Romane führen ein ungelesenes Dasein auf dem Bücherregal. Oft über viele Jahre. Zuweilen aber ist die Zeit einfach noch nicht reif. Jetzt war sie reif für Die Straße der Ölsardinen, immerhin das Werk eines Nobelpreisträgers. Ich habe John Steinbecks Text als historischen Roman gelesen, der er in Wirklichkeit natürlich nicht ist.

Steinbeck beschreibt die Realität in Monterey in Kalifornien, irgendwann in den dreißiger und vierziger Jahren. Die „Great Depression“ lastet auf den Menschen, wobei es den „Verlierer-Verlierern“, wie ich sie gern nenne, noch viel schlechter geht als allen anderen. Der Fokus liegt auf der Cannery Row, der Straße der Ölsardinen. John Steinbeck hat wirklich in Monterey gelebt und war mit dem echten Doc Ed Ricketts befreundet, der im Roman eine  Rolle spielt, die man erst nach und nach versteht. Warum ist Doc so wie er ist? Ihm widmet Steinbeck den Text, ihm setzt er ein Denkmal. So wie jenen Typen, die er immer wieder als „Mack und seine Jungens“ beschreibt, und Lee Chongh, der in seinem Laden alles verkauft, was nicht niet- und nagelfest ist. Oder der Freudenhaus-Chefin Dora, die weiß, dass sie grundsätzlich Verbotenes tut, aber allein schon deshalb peinlich genau auf die Einhaltung aller anderen Spielregeln pocht.

Es sind also die Looser seiner Zeit, die Steinbeck auch in der Straße der Ölsardinen im Blick hat, gestrandet am Rand der Gesellschaft, manche nicht besonders helle, aber niemals wirklich böse. Die wirklich Bösen beschreibt Steinbeck nicht, aber in allen Nuancen und Schattierungen diejenigen, die irgendwie durchkommen, die sich durchboxen. Mack zum Beispiel, der alles gibt, um Doc eine Freude zu machen – mit einer Party etwa. Früh ahnt man, dass hier alles den Bach runtergeht. Doc ist nicht zuhause, als die ganze Bande sein Haus aufmischt. Dabei hatten „Mack und seine Jungens“ doch extra Frösche gefangen, um sie an Doc zu verkaufen. Und um mit dem Geld dann die Party zu finanzieren.

Einen Besserungsroman liefert Steinbeck nicht. Die Helden wissen selbst, dass sie sich nicht bessern werden. Sie wissen wie die Betrogenen, dass es keinen Ausweg gibt. Mack weiß das auch – und er hat akzeptiert, dass Doc ihm einen Zahn ausgeschlagen hat. Doc ist trotzdem ein warmherziger, ein guter Mensch. Einer, der verzeiht. Und ihm muss man doch eine zweite, eine gelungenere Party spendieren. Irgendwie muss das doch funktionieren. Doc riecht Lunte und bereitet alles vor, sichert seine Plattensammlung und sorgt dafür, dass der Schaden so gering wie möglich ist. Doc zieht das Unglück an – und er kommt aus seiner Haut nicht raus, kann sich nicht aus den Situationen herausnehmen, nur einmal, als er bei seiner Abwesenheit aus Monterey auf diese Wasserleiche trifft.

Steinbeck hat ein Herz für die Schwachen – und das ist die Botschaft, die mir an diesem Roman gefällt: Do not forget them! Kurzum: Auch wenn ich Die Straße der Ölsardinen als historischen Roman lese, die Geschichte könnte auch heute spielen.

John Steinbeck, Die Straße der Ölsardinen,  Deutsch von Rudolf Frank, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1986. Die Originalausgabe erschien 1945 unter dem Titel Cannery Row, die deutschsprachige Erstveröffentlichung 1946 in Zürich.