Der bessere Tokajer

Nach einem Besuch in Bodenwerder war klar: Ich muss mich nochmal um den Lügenbaron kümmern. Im örtlichen Münchhausen-Museum erwarb ich die wunderbare Ausgabe von Erich Kästner (1899 bis 1974), der Münchhausen für kleine und große Leute aufbereitet hat. Die Geschichten wirken noch immer frisch und witzig – ich habe sie an einem Abend gelesen. Der Züricher Atrium-Verlag hatte wenig an den bekannten Aufmachungen mit den wunderbaren Zeichnungen von Walter Trier (1890 bis 1951) geändert. Die Neuausgabe von Münchhausen erschien 2020, die Erstausgabe 1951.

Stimmt wirklich: Hier wuchs der Lügenbaron auf und kehrte später wieder zurück.

Bevor Kästner mit den bekannten Geschichten beginnt, spricht er vom Baron, der wirklich gelebt hat, was man natürlich anzweifeln darf, weil ja alles in dem Buch gelogen ist – in diesem Fall entspricht das Leben des Lügners jedoch der Wahrheit: Münchhausen wurde 1720 in Bodenwerder geboren, war früh Page, wurde „höfig“, ging als Soldat nach Russland, verkehrte in zaristischen Kreisen, die dann zerbrachen, lernte seine baldige Ehefrau kennen, kam mit ihr zurück nach Bodenwerder und lebte eine bürgerliches Leben. Dass er gerne feierte und erzählte, ist bekannt, wohl auch – wie Nachfahrin Anna von Münchhausen berichtet – um Schwadroneure zum Schweigen zu bringen: Junge Männer prahlen bekanntlich gern, um sich und anderen zu gefallen, was Münchhausen offenbar nervte. Motto: Da setze ich noch einen drauf.

Dass die Geschichte dann über die fast zeitgleich gestorbenen Rudolf Erich Raspe (1736 bis 1794) und Gottfried August Bürger (1747 bis 1794) zur Weltliteratur werden würde, hat er wohl nicht vermutet. Gut für die lesende Menschheit, aber gut auch für Bodenwerder. Die Stadt vermarket den Blaublüter gar pfiffig und das Münchhausenmuseum am Münchhausenplatz erzählt Geschichte und Nachwirkung wirklich schön nach. Die freundliche Museumsleitung presste mir dann noch einen Stempel mit „Original-Unterschrift“ ins Kästner-Buch, draußen liefen gerade Proben für ein Münchhausen-Musical – mehr geht ja wohl nicht.

Und dann die Lektüre – alles bekannte Geschichten wie die Sache mit dem Sumpf, aus dem sich der Herr am eigenen Schopf samt Pferd rettet. Alles wird hier schön und schnell erzählt, so wie es Kinder mögen, so wie ich es mag: Das Pferd etwa, das irgendwo in Russland angepflockt wurde. Nachts kam Tauwetter, am Morgen hing der Gaul am Kirchturm. Oder der Schlittenwolf, der in rasender Fahrt über Münchhausen juchtet, das Pferd im Laufen frisst und – gewissermaßen im fließenden Übergang – in dessen Geschirr weiterreitet. Schön auch die Jagdgeschichten (obwohl ich persönlich nichts von der Jagd halte): der Hase, den Münchhausen nicht treffen konnte, da er viel zu schnell war. Warum? Er hatte oben und unten Läufe. Gut, dass der Baron noch einen Windhund hatte, der eine Wahnsinnsgeschwindigkeit erreichen konnte und damit auch den rasenden Hasen. Überhaupt der Hund: Der lief oft so schnell und lange, dass er sich die Beine weglief. „Während seiner letzten Lebensjahre konnte ich ihn nur noch als Dackel gebrauchen“, lässt Kästner den Baron lügen. Im Buch darf auch der Ritt auf der Kanonenkugel (oder besser der Sprung von der Kugel hin auf die Kugel zurück) nicht fehlen, die Kletterbohne, die bis zum Mond wächst, den der Baron dann auch erklettert oder die Wette mit dem Sultan, eine meiner Lieblingsgeschichten:

Münchhausen verspricht dem Herrscher in Kairo, dass er in sechzig Minuten einen besseren Tokajer aus dem kaiserlichen Keller in Wien beschaffen kann als der, der ihm gerade aufgetischt worden war. Und „wenn ich mein Wort nicht halte, dürfen mir die Kaiserliche Hoheit den Kopf abschlagen lassen.“ Gut, dass Münchhausen einen Schnellläufer kennt, weniger gut, dass der nach der erfolgreichen Visite im Kaiserkeller im tiefsten Tokajerschlummer liegt, gut wiederum, dass Münchhausen auch einen Horcher in Diensten hat, der genau das herausfindet, und gut, dass Münchhausen auch über einen Jäger verfügt, der den Schnellläufer durchs Fernrohr sieht, auf den Baum zielt und mit Blättern für ein Erweckungserlebnis sorgt. Der Läufer legt wieder los, erreicht sein Ziel, der Sultan probiert den Tropfen im Zeitrahmen, ist begeistert, gesteht die verlorene Wette ein und bedeutet Münchhausen, er könne so viel Gold aus der Schatzkammer tragen lassen, wie sein stärkster Mann nur tragen kann. Gut nun, dass der Baron auch einen wirklich sehr starken Mann zur Seite hat.

Diese und andere Geschichten sind natürlich zeitlos wie Swifts Gulliver, an den Kästner gern erinnert und dessen Reisen er Jahre später ebenfalls nacherzählen sollte. Kästners Kinderbücher sind so erfolgreich, weil er die naiv wirkende, dabei aber entlarvende Sicht der Kinder einnimmt. Das funktioniert auch mit dem Münchhausen-Stoff, mit dem er während der Nazijahre eigene Erfahrungen gemacht hatte. Kästner schrieb das Drehbuch für den Ufa-Film mit Hans Albers. Als Autor mit Publikationsverbot, der aber, wie er meinte, „vom Nägelkauen nicht leben“ könne, hatte er eine Sondererlaubnis für diesen Film bekommen und musste ein Pseudonym wählen: Berthold Bürger, ziemlich frei nach dem eingangs genannten Gottfried August Bürger, der die frühere Buchvorlage für die Lügengeschichten des Barons aus Bodenwerder geliefert hatte.

Münchhausen von Erich Kästner ist erstmals 1951 bei Atrium erschienen, meine Ausgabe stammt aus dem Jahr 2020.


Hier im Blog gibt es noch mehr über Münchhausen, was möglicherweise auch an der räumlichen Nähe meinerseits zu Bodenwerder liegt: Anna von Münchhausen schreibt über ihren berühmten Vorfahren.

Raus aus dem Schlamassel

Sich am eigenen Schopf aus dem Schlamassel ziehen, raus aus dem trüben Teich, weg vom Sumpf. Das dürfte ein vielfach herbeigeflehter Wunsch sein. Mit Wünschen aber ist das bekanntlich so eine Sache: Sie gehen nicht mit hundertprozentiger Sicherheit in Erfüllung. Und wenn man es unbedingt wünscht (vielleicht aus der Erzählperspektive des eigenen Lebens) legen manche sich die Wahrheit zurecht. Wobei der gute alte Münchhausen viel kreativer war als so manch platter Politiker heute – und da muss ich nicht einmal über den Teich blicken.

Die Geschichte geht ungefähr so: Besagter Lügenbaron wollte bei der Hasenjagd über einen Morast setzen und erkannte mitten im Sprung, dass dieser Morast viel breiter war als anfangs noch gedacht. Im Sprung (!) kehrte unser Freund zurück, landete wieder am Anfang und nahm einen neuen Anlauf. Nun kam er wohl etwas weiter, aber immer noch nicht weit genug: kurz vor dem anderen Ufer stürzte er in den Sumpf und wäre wahrscheinlich – um es mit meinem Freund Johann Nestroy auszudrücken – im Schlamm des Lebens versunken. In dieser Situation griff sich Münchhausen an den Schopf und zog sich samt Pferd aus dem Schlammassel. Das klingt erst einmal beruhigend, kann aber zum Problem werden, wenn man selbst Münchhausen heißt.

So wie die von Berufs wegen der Wahrheit verpflichtete Journalistin Anna von Münchhausen, die viele Zeit-Artikel geschrieben und seit ihrem Ruhestand mehr Zeit hat. Sie hat jetzt ein – ich möchte sagen – naheliegendes Buch über den berühmten Ahnen geschrieben, es heißt: Der Lügenbaron: Mein phantastischer Vorfahr und ich. Dabei geht es natürlich um die Beziehung von Anna von Münchhausen zu von Münchhausen, etwa, dass die allwissenden Lehrer sie des Flunkerns verdächtigten. Aber – und das ist besonders amüsant – um die eigenen Verwandten, die sich immer wieder rechtfertigen mussten, manchmal in durchaus schwierigen Situationen, wenn sich die Polizei bei der Polizeikontrolle etwa tumb veräppelt vorkommt: Nee, ich heiße wirklich so, und nee, ich sage die Wahrheit.

Die Wahrheit ist ohne Lüge spannend

Die Wahrheit des Barons selbst ist auch ohne Lüge spannend: Denn dass es Hieronymus von Münchhausen wirklich gab, muss man heutigen Lesern durchaus erklären: Der Baron wurde am 11. Mai 1720 in Bodenwerder als fünftes Kind seiner Eltern Georg und Sybille Wilhelmine geboren und verbrachte die kurze Kindheit auf dem Gut seiner Eltern. Mit 13 Jahren ging er als Page zunächst an den Hof des Fürsten von Braunschweig-Wolfenbüttel (der Vater war bereits gestorben), dann nach St. Petersburg, wo der Bruder des Fürsten lebte: Anton Ulrich von Braunschweig. Hieronymus machte als Soldat Karriere, wurde zum Leutnant befördert, später sogar zum Rittmeister. Dazwischen wurde der Sohn von Anton Ulrich nach dem Tod der alten Zarin zum „Zar in der Wiege“, bis die jüngste Tochter von Zar Peter („der Große“) an die Macht kam. Der Einfluss der deutschen Prinzen-Crew, schreibt Anna von Münchhausen, sei von einigen als anmaßend empfunden worden.

Die Umstände lösten auch für Hieronymus einen Karriereknick aus, über Umwege kehrte er mit seiner künftigen Ehefrau Jakobine von Dunten (1726? bis 1790) nach Bodenwerder zurück. Dort stritt er sich dann um Grenzpfähle und Zugangsrechte, ging zur Jagd und liebte die Geselligkeit, wie uns Anna von Münchhausen berichtet. Dass er – weit rumgekommen – gern von seinen Reisen erzählte, liegt auf der Hand. Manches schmückte er wohl ironisch aus, um den jungen Männer ihr eigenes Gehabe vor Augen zu führen.

Wahr und recht einfach zu erkennen ist, dass Hieronymus Münchhausen ein begabter Fabulierer war- gelogen ist, dass er ein Lügner oder ein blöder Blender war. Für Hieronymus Münchhausen diente das fabulierende Übertreiben einem Zweck. Er wollte damit Angeber und Aufschneider bloßstellen. Sie ausstechen, sozusagen.

Münchhausen brachte Schwadroneure zum Schweigen, dürfte aber keinesfalls mit einem Zuhörer gerechnet haben (oder einem, dem die Geschichten dann aus zweiter Hand erzählt wurden, wer weiß?), der die Erzählungen 1781 im Vademecum für lustige Leute veröffentlichte. Ob dieser Mann schon der Universalgelehrte Rudolf Erich Raspe (1736 bis 1794) war, der nach einem Münzdiebstahl nach England flüchten musste, ist nicht bekannt. Er veröffentlichte jedoch die um eigene Anekdoten ergänzten Abenteuer auf der Insel und landete einen – wir würden heute sagen – Bestseller. Der Titel klingt etwas umständlich:

Gulliver revived or the singular Travels, Campaigns, Voyages, and Adventures of Baron Munikhoouson commonly called Munchhausen.Oxford: Kearsly 1786.

1791 erschienen die Adventures dann – wiederum bearbeitet und ergänzt von Gottfried August Bürger (1747 bis 1794), in Deutschland.

Dass Hieronymus als „Lügenbaron“ tituliert wurde, dürfte auch auf die Anwältin seiner zweiten Ehefrau zurückzuführen sein. Von der jungen Frau ließ er sich rasch scheiden, da er Angst bekam, sie wolle ihn um sein Vermögen bringen. Um das komplett auszuschließen, überschrieb Hieronymus seinen Besitz noch an einen Neffen, was die Anwältin dazu veranlasste, auf das „unseriöse fabulieren und verleumden“ hinzuweisen. Der Rest ist Geschichte.

Schummeln wie der Vorfahr …

In ihrem Buch erzählt Anna von Münchhausen das Leben von Hieronymus nach, berichtet vom Ritt auf der Kanonenkugel oder der Reise zum Mond oder dem halben Pferd. Richtig schön wird der Text – wie gesagt -, wenn sie die lebenden Nachfahren zu Wort kommen lässt: den Freiherrn von Blomberg etwa, der alles über Hieronymus und Raspe weiß und dass Hieronymus ein freundliches Wesen besaß. Oder wenn sie von Hildbourg von Harbou berichtet, geborene Freiin von Münchhausen, die 1966 bei der Rückreise aus der DDR von einem Volkspolizisten verhört wurde und hörte, ob sie denn auch so gut lügen könne wie ihr berühmter Vorfahr?

Der Lügenbaron: Mein phantastischer Vorfahr und ich ist ein kurzweiliges und wirklich spannendes Buch, weil man – so weit es möglich ist – tief in das Leben des Barons aus Bodenwerder eintauchen kann. Die Journalistin merkt man Anna von Münchhausen in jeder Zeile an. Der reportagehafte Stil ist angenehm, das Wortlaut-Interview mit dem Freiherrn von Blomberg oder der Leiterin des Münchhausen-Museums in Bodenwerder ist eine schöne Form. Einen netten Clou finde ich auch die Titulierung als „phantastisch“, was natürlich viel tiefsinniger als „berühmter“ ist und noch einen versteckten Link zur Phantastik darstellt – auch wenn weder Raspe noch Bürger in Zondergelds Lexikon der phantastischen Literatur auftauchen. Schade eigentlich.

Als Filmfreund gefiel mir natürlich auch die hintergründige Darstellung der Verfilmungen, wobei ich von der Fassung von 2012 mit Jan Josef Liefers noch gar nichts wusste. Werde ich mir anschauen. Und vielleicht auch nochmal den alten Ufa-Schinken von 1943, wobei der damals mit einem Berufsverbot durch die Nazis belegte Erich Kästner (1899 bis 1974) das Drehbuch schrieb. Auch hier gibt es bekanntlich noch interessante Fragestellungen, etwa: Wie frei war Kästner? „Wenn Abenteuer von Münchhausen ins Fernsehprogramm geholt werden sollen“, schreibt Anna von Münchhausen, „fällt die Wahl meist immer noch auf den alten Hans-Albers-Film.“ Fest steht: Der erschien unter einer Ägide ganz anderer Lügner.

Anna von Münchhausen, Der Lügenbaron: Mein phantastischer Vorfahr und ich, Rowohlt 2020, e-Book


Lieblinks zu Münchhausen

Wer mehr über den Baron wissen will, sollte das eben besprochene Buch lesen, kann aber auch hier weiterforschen. Die Heimat von Münchhausen lädt ein, es gibt mehr über das Münchhausen-Syndrom oder das Münchhausen-Phänomen. Das „kann sich an sinnlich Wahrnehmbarem oder an mentalen Vorgängen entzünden“, wie es aus der Münchhausen-Bibliothek in Zürich heißt:

Münchhausen-Bibliothek Zürich

Münchhausenland Bodenwerder Polle

Der Baron bei Wikipedia

Sockel oder doch nicht?

Herder hockte auf dem Sockel. Ganz klar – für mich war er fast so etwas wie ein Nationalheiliger, wobei hinzukommt, dass eine Schule in meiner Heimatstadt nach ihm benannt wurde. Nachdem ich aber Goethe – Kunstwerk des Lebens von Rüdiger Safranski gehört und gelesen hatte, war klar: Auch Johann Gottfried Herder (1744 bis 1803) war nur ein Mensch, und zwar nicht nur ein angenehmer. Er konnte kaum zeigen, dass der wenig Jüngere etwas gut gemacht hatte, konnte nicht loben, hatte diesen Skeptizismus, den ich im Umgang mit Freunden für übertrieben halte, oder für eine unangemessene Prüfung.

Aber genau das hat für mich das Kunstwerk des Lebens ausgemacht, nicht nur was Herder betrifft. Ich bin Goethe nur selten so nahe gekommen, wie in diesem Stück Biographie-Literatur. Höchstens beim Besuch in Weimar: im Gartenhaus an der Ilm, im Wohnhaus am Frauenplan oder abends im Theater, als eine Goethe-Fantasie gegeben wurde, in der es um die Wirkung des Geheimrats auf Frauen ging. Nein, gelesen von Frank Arnold, teilweise auch von Rüdiger Safranski selbst, hat mir dieses Hörbuch sehr gut gefallen, danach dann auch die vollständige Printausgabe. Goethe wollte – und wenn es wie beim Faust noch so lange dauert – etwas zustande bringen, wollte vollenden. Dass ihm seine Lebensspanne 1749 bis 1873 vom Rokoko bis zur Romantik die Möglichkeit bot, war ein Glücksfall.

Safranski zeichnet die Lebensstationen nach, das Aufwachsen in Frankfurt, das Verhältnis zur Mutter, von der er die Lust am Fabulieren hat, zum Vater, der sich einen Juristen wünscht und ihn nach Leipzig schickt. Hier stößt er auf die Geistesgrößen seiner Zeit, auf Lessing, der über Minna von Barnhelm spricht oder auf Gottsched, der Texte junger Literaten mit roter Tinte bewertet. Schließlich die Zeit in Straßburg, wo er die wegen Liebschaften und anderen Beziehungen lange hinausgeschobene und nur mäßig erfolgreiche Dissertation endlich zuende schreibt. Und endlich die Lyrik:

Wen du nicht verlässest, Genius,
Nicht der Regen, nicht der Sturm,
Haucht ihm Schauer übers Herz.
Wen du nicht verlässest, Genius

Wanderers Sturmlied, 1772

Dann 1773 der erste Erfolg mit dem Götz von Berlichingen, nach den Erfahrungen in Wetzlar mit der eigentümlichen Dreiecksbeziehung Kestner, Buff, Goethe der Durchbruch mit Die Leiden des jungen Werther, schließlich der Umzug an den Hof von Weimar und das Ministeramt, ermöglicht durch den jüngeren Gönner und Freund Herzog Carl August. Das Auf und Ab der Freundschaft zu Frau von Stein wird famos gezeichnet, ohnehin die Beziehungen: zu Lavater, der Religion streng aus der Bibel ableitet, und Goethe, der die Bibel als Poesie versteht. Das kann nicht gutgehen. Dann die Italienreise als Flucht in ein idealisiertes Antik-Griechenland, die Ehe mit Christiane Vulpius, Naturforschung samt Farbenlehre (deren Außenwirkung ihn enttäuschte), Dramen, Lyrik, immer wieder Lyrik, die Wilhelm-Meister-Romane, der Faust.

Das Buch kam mir wie ein angenehm-gemächlicher Ritt durch ein langes Leben vor. Von Goethe erfährt man viel, aber auch vom intellektuellen Leben seiner Zeit, einer Zeit, in der Frauen viel geweint haben, überhaupt, so heißt es bei Safranski, sei viel geweint worden. Ob des Schlechten im Leben, ob der Krankheiten, von denen auch Goethe nicht verschont wurde. Und die fielen so schlimm aus, dass er an den Tod dachte, dabei aber auch an sein Werk, das unvollendet bleiben würde.

Safranski macht deutlich, dass Goethe eine Berufung hatte, die er nicht nur in der Rückschau als Konstrukt verklärt (wie etwa im bedeutungsschweren Anfang von Dichtung und Wahrheit, in dem selbst die Planentenstellung großes vermuten lässt), sondern auch schon im Lauf seines Lebens so sieht. Das jedenfalls lassen die unzähligen Briefe vermuten, die Safranski in den sechs Jahren seiner Recherche gelesen hat, die Zeitzeugentexte mit Begegnungs-Beschreibungen. Goethe selbst will wissen, wie er wirkt, bleibt – sprechend über den Herrn Goethe – gern inkognito: Er will sich darstellen, will ein „exemplarisches Leben“ führen. Was keine Kunst ist, lässt er nur selten an sich heran – es interessiert ihn nicht. Und wenn es ihn interessieren muss, weil es um Familie geht, wirkt er schwach – etwa, als er vom Tod seines Sohnes August erfährt. Er habe gewusst, dass er ein sterbliches Wesen gezeugt habe. Vaterliebe stellt man sich gemeinhin anders vor.

Ohnehin der Tod: Dass sein Freund Schiller starb, war eine Katastrophe, Freundschaften waren ihm stets wichtig – mit all ihren Höhen und Tiefen. In Beziehungen ließ er spüren, wenn ihm etwas nicht gefiel, wenn Cotta etwa eine Ausgabe ohne sein Wissen herausbrachte. Dennoch blieb er ihm verbunden, weil Goethe das große Ganze sah – den Verdienst um seine Person.

In jedem Fall wollte Goethe sein Leben wie eine Pyramide zuspitzen, dabei auch an Grenzen gehen, das Menschsein in seinem Sinn auskosten. Wer Das Kunstwerk des Lebens gehört oder gelesen hat, wird zum Schluss kommen, dass das gelungen ist. Am Selbstbewusstsein hat es dem alten Geheimrat nicht gemangelt.

Bleibt die Frage nach dem Sockel und dem Nationalheiligtum, die ich zu Anfang meines kleinen Beitrags für Herder gestellt habe. Auch Goethe hat ein Ausnahmeleben geführt, war aber mit Sicherheit wie Herder kein „Heiliger“. Sockel sind also grundsätzlich schwierig, weil sie zur Heroisierung beitragen und weniger zur Wahrheit. Letzteres versucht Safranski. Bewundern darf man solche Leute ob ihrer Lebensleistung aber doch.

Rüdiger Safranski, Goethe – Kunstwerk des Lebens, gelesen von Rüdiger Safranski und Frank Arnold, erschienen 2013 bei Random House, für diesen Beitrag habe ich auch die Druckausgabe gelesen, erschienen bei Hanser, ebenfalls 2013.

Storms Garten

Wen interessiert eigentlich, ob ein Dichter vor 160 Jahren einen Garten angelegt hat und wie? Oder welche Lieder er seinem Chor auf die „Setlist“ geschrieben hat? Welchen Wein er gerne getrunken hat, was er gegessen hat? Wo im Haus seine Möbel standen? Noch einmal: Wen interessiert das? Ich kenne einen: Mich!

Die Antwort mag überraschen, aber ich bin der Meinung, dass Theodor Storm eine interessante Persönlichkeit war – in seiner Zeit, in seinem Leben, in seinen Beziehungen. Warum verschlingen wir Biographien?  Wollen wir so sein wie die, die wir so sehr schätzen? Ein Stück weit vielleicht, ein kleines Stück. Vor allem aber interessiert der Hintergrund: Was ist das für ein Typ, der Der Schimmelreiter geschrieben hat, der uns in der Schulzeit quälte, den wir als Erwachsene wiederentdeckt haben und immer wieder lesen?  Wie hat er gelebt, wäre er uns/mir sympathisch gewesen? Was hat ihn zu dieser oder jener Geschichte veranlasst?  Da ich vor kurzem einen Zeitungsartikel über Storm in Minden geschrieben habe, war ich wieder mal angefixt und las eines der letzten  Bücher von Karl Ernst Laage: Theodor Storm privat, schön aufgemacht, prägnant geschriebene kurze Kapitel, fast schon ein Bildband, wenn auch nicht gar so pompös, was zu Storm auch nicht passen würde.

Da geht es etwa um die Erinnerungen seiner Zeitgenossen, darunter Theodor Fontane oder eines Professors Erich Schmidt: Mittelgroß sei Storm, „etwas gebeugt, 59 Jahre, im Anfang etwas ungewandt. Volles graues Haar und Bart. Schöne glänzende blaue Augen. Sanfte Stimme, langsame Sprache …“ Und schon kommt der Garten vor, den er sich an der Neustadt 56 in Husum angelegt hatte, mit Skizze.  Später geht es um die finanziellen Verhältnisse des Dichters, die gezwungene Aufgabe seines Juristenberufs wegen „Renitenz“, „als die alten Geldsorgen“ wieder hochkamen. Und um die Frauen, dann die Kinder, denen er ein „liebevoller Vater“ war. Aber auch um die Bildung eines „festen Geschäftskreises“, so dass nach 1844 kaum noch von finanzieller Not  die Rede ist.

Thema ist natürlich immer wieder das berühmte Storm-Haus an der Wasserreihe 31 in Husum – übrigens ein Gebäude, dass ich als Schüler besucht habe, vor ein paar Jahren noch einmal.  Hier – heute als „Storm-Zentrum“ berühmt –  hat man das Gefühl, Storms Alltag ganz nah zu sein. Toll gemacht: vieles ist original, die Bilder (die ihm so wichtig waren) hängen am angestammten Platz, die Möbel stehen dort, wo sie standen, als Storm lebte. Laage schreibt: „Das Sofa im Wohnzimmer ist nicht nur ein typisches Möbelstück der Biedermeierzeit, sondern ein literarisches Denkmal: Storm hat es in seiner Novelle Drüben am Markt verewigt.“ Und über dem Sofa sind – auch wie zu Storms Zeiten – Miniaturbilder der Vorfahren angebracht.

Es mag klischeehaft klingen, aber du glaubst, Storm betritt gleich den Raum. Fast ist es schade, dass man keine Tondokumente hat. Wir sind halt so, wollen sehen, wollen hören. Auch da hilft Laage, wenn er an Fontane erinnert: Der hatte miterlebt, wie Storm Spukgeschichten erzählte. Und das klang immer so, als würde er „aus der Ferne von einer Violone begleitet.“ Storm sei der vorzüglichste Vorleser gewesen, zitiert Laage auch ein „Fräulein Jürgensen“, die Storms Töchter in Hademarschen unterrichtet hatte.

Bei aller Begründung für biographische Interessen liegt der Fall bei mir noch ein wenig tiefer. Storm, mit dem ich frühe und auch schulische Leserlebnisse verbinde (nämlich Der Schimmelreiter) war mir als junger Erwachsener  aus dem Blick geraten. Bei  einer langen  Fahrt in den hohen Norden las ich das aus einer intuitiven Laune heraus gekaufte RoRoRo-Bändchen über Storm. Und  ungefähr auf der endlos langen Brücke in Rendsburg dachte ich: Das ist es! Ich weiß jetzt, dass ich bestimmt nicht Jura studieren will oder irgendwas mit Wirtschaft, ich weiß jetzt, dass es Literatur ist, die mich immer interessieren wird, für die ich immer brennen werde.  Storm hat also indirekt mit meinem Lebensweg zu tun, nicht einmal Storm direkt , sondern ein kleines Stück Sekundärliteratur. Natürlich habe ich mich dann im Germanistik-Studium weiter für deutschen Realismus interessiert, in der Folge aber auch für alle anderen Strömungen bis zur konkreten Poesie Bielefelder Prägung.

Autoren verstehen – das war mir wichtig, ihnen nahe kommen, durch ihre Texte, aber auch durch Texte über Texte. Dass Biographien immer auch Interpretationen sind, ist mir bewusst. Die von Laage aber ist gut gemacht.

Laage selbst ist übrigens hochbetagt im vorigen Jahr gestorben.  Er galt als einer der besten Storm-Kenner des Landes und hat das Storm-Zentrum in der Husumer Wasserreihe maßgeblich geprägt.

Karl Ernst Laage, Theodor Storm privat, Boyens, Bad Langensalza 2013