Für immer Herbert

Es kann durchaus sein, dass ich schon einmal über Herbert gelesen habe. Vielleicht 2008 in einem Spiegel-Artikel, in dem es um eine „Harakiri-Expedition“ in die Antarktis ging. Ein Thema, das mich grundsätzlich interessiert, befeuert spätestens durch Christoph Ransmayrs  Die Schrecken des Eises und der Finsternis.

Und auch zu Herbert gibt es zahlreiche Artikel, zu jenem Herbert also, der im echten Leben Herbert Schröder-Stranz hieß und seit 1912 als verschollen gilt. Jetzt setzt ihm Bernhard Schlink eine Art Denkmal. Im Roman Olga, der mir – ungekürzt und ausdruckstark gelesen von Burkhart Klaußner – sehr gut gefallen hat.

Aufbrechen in neue Welten – das hat ja durchaus seinen Reiz und war in der Geschichte auch der Literatur immer wieder Thema. Auf der dunklen Seite dieses Aufbruchs steht das Thema Kolonialisierung, wobei für mich im Vorjahr die Bücher von Rebekka Habermas und Henning Mankell wichtig waren:  Skandal in Togo und Der Sandmaler. Dass sich Olga thematisch an diese Lektüre anschließen würde, war mir anfangs gar nicht klar. Ich habe den Roman gekauft, weil ich Schlink lesen, oder wie in diesem Fall besser: hören  wollte. Ganz ehrlich: Ich  kannte noch nicht einmal den Covertext. Dabei geht es keinesfalls nur um Herbert, es geht zuallererst um Olga, ihre Sicht aufs Leben, ihr Leben in der Zeit, ihre Sehnsucht.

Olgas Liebe zu einem, der vor sich selbst flüchtet und sein  Heil in unbekannten Welten sucht, ist die äußere Handlung.  Dass er sich dabei stets selbst überschätzt, wird früh deutlich – auch so ein (wie ich finde) typisch männliches Phänomen. Hier mit dem ebenso bekannten Nachteil, dass Herbert dieses Defizit nicht sieht.

Olga stammt aus ärmlichen Verhältnissen. Ihre wacker arbeitenden Eltern sind früh am Fleckfieber gestorben, die Großmutter, die ihr den Namen ausreden und sie lieber Helga nennen will, hat sie aufgenommen. Irgendwo im Pommerland. Und dort soll sie sein, wie Frauen eben sind. Doch Olga, die Olga sein will, will auch sonst anders sein: Sie hat Kontakt zu den reichen Leuten, lernt das Geschwisterpaar Herbert und Viktoria kennen. Und Viktoria bedeutet ihr fortan: Du gehörst nicht zu uns.

Herbert sieht das erstmal anders – und überhaupt, wenn Herbert und Olga zusammen sind (also ohne Viktoria), ist alles viel schöner. Die beiden verlieben sich ineinander, was sozusagen Grundlage der Geschichte bis zum bitteren Ende ist. Aber bis dahin ist noch viel Zeit.

Herbert, der wie Lola immer rennt, will die Welt nicht nur entdecken, sondern träumt von Eroberung. Die Kolonialisierungs-Bestrebungen kommen ihm gerade recht, er flüchtet auch vor der Entscheidung, die Ehe mit Olga einzugehen, kämpft gegen die Hereros und  nimmt an der völkermordenden Schlacht am Waterberg teil. Herbert, der diese Schlacht auf Seiten der „Sieger“ überlebt, überlebt auch einen Schlangenbiss, kommt diesmal nach Hause und zu Olga zurück und könnte unbeschwerte Stunden der Zweisamkeit genießen. Wäre da nicht dieser innere Drang, Großes zu schaffen. Und ja, er bekommt das Geld für eine Antarktis-Vorab-Expedition zusammen, startet das Himmelfahrtskommando und – bleibt vermisst.

Olgas Leben mit dem jetzt nur noch imaginären Herbert geht weiter und sie entwickelt ihre eigene Form der Trauer. Anfangs hilft ihr dabei auch Eik, der Junge, um den sie sich kümmert, der aber im Verlauf der Geschichte an Bedeutung zunimmt.   Olga will Lehrerin sein – und das darf eine unverheiratete Frau mit eigenem Kind nicht.

Schlink stellt die Schuldfrage: Warum wurde Eik zum Nazi? Warum wollte er „Größeres“, so wie einst Herbert? Schlink lässt hoffen, dass Herbert selbst noch Antworten geben kann. Überhaupt die Schuld:  Was hat es mit dem Größenwahn auf sich: dem der Großen und dem der kleinen Leute?

Dass Olga viele Fragen hat, wird erst im nächsten Teil des Buches deutlich. Denn eigentlich hatte ich geglaubt, dass nach der Hälfte alles erzählt ist. Doch es kommt anders: Olga ist taub geworden und muss ihr Brot nun als Näherin verdienen. Dabei lernt sie Ferdinand kennen, der sich spät als Erzähler des Buches entpuppt, der selbst „nichts Großes“ schaffen will wie Herbert und Eik, der sich aber mit Olga anfreundet. Schließlich wird Ferdinand  durch Briefe erfahren, die er auf abenteuerliche Weise bekommt, wie Olga mit Herbert noch Jahrzehnte nach seinem „Verschwinden“ kommuniziert hat. Bis zum überraschenden Ende übrigens. Und vielleicht auch der überlebenswichtigen Antwort auf die Frage nach der – da haben wir es wieder – Schuld.

Es ist, als ob der Roman nach der Hälfte noch einmal anfängt. Und er wird noch besser: Die Briefe werfen ein intensiveres Licht auf die Liebesgeschichte, die zum einen durch die Zeitumstände zu  Beginn des 20. Jahrhunderts und die immensen gesellschaftlichen Unterschiede geprägt ist, zum anderen aber auch durch den Charakter Herberts. Schlink verwebt beide Aspekte auf wunderbare Weise, schafft immer wieder Wendungen und wird  niemals langweilig. Er mischt hier zwei alte Genres: Roman und Briefroman – in dieser Form habe ich das noch nicht gekannt. Und sicherlich hat Olga, die am Ende doch nur auf der Suche nach ein klein wenig Glück ist,  nicht immer alles richtig gemacht (das ahnt sie selbst), aber sie hat es nie gemocht, wenn die Welt um sie herum „zu groß“ wird. Herbert wollte Größe. Vor allem die.

Bernhard Schlink, Olga, Diogenes, Zürich 2018 (auch als Hörbuch, gelesen von Burghart Klaußner)

Haus der Bösen

Zuweilen kommt das Böse banal daher. „Eine Besprechung mit anschließendem Frühstück“ war in der ersten Einladung angekündigt. Dann wurde es die „Wannseekonferenz“, die  die bereits begonnene „Entfernung der Juden“ auf perfide Weise legitimieren sollte. Peter Longerich zeigt in seinem Buch Wannseekonferenz, Der Weg zur „Endlösung“ die Hintergründe zu der am Wannsee geplanten  „Endlösung“.  Und er zeigt, dass die Wirklichkeit schlimmer ist als jede Romanhandlung.

Longerich lehrt an der Bundeswehr-Universität in München und zählt laut Klappentext zu den „renommiertesten Experten für die Geschichte des Nationalsozialismus.“ Und wirklich beschreibt er – neben der Vorgeschichte  – den Konferenzverlauf an jenem 20. Januar 1942 sehr detailtreu, oder besser: so detailtreu wie möglich.  Als Hauptquelle gibt es zwar ein Besprechungsprotokoll, das damals wohl in 30-facher Ausführung angefertigt wurde, von dem aber nur noch eine  (Nummer 16) zur Verfügung steht. Verfasst hatte es Adolf Eichmann, als  „Leiter des für die Organisation der Vertreibung und Deportation der Juden“ einer der schlimmsten Nazi-Verbrecher überhaupt. Und: Laut Eichmann habe Reinhard Heydrich, Chef des Reichssicherheitshauptamtes,  das von ihm verfasste Protokoll stark redigiert, was sich im Einzelnen jedoch nicht mehr nachvollziehen lasse, wie Longerich schreibt. Er „hangelt“ sich dennoch  durch die 15 Seiten, analysiert, interpretiert, schlussfolgert. Grundsätzlich aber solle man das Protokoll nicht als unmittelbare  Wiedergabe der Besprechung lesen, sondern als ein Dokument, das den wesentlichen Verlauf der Konferenz aus Sicht des Reichssicherheitshauptamtes darstellt. Und das ist – wie ich finde – schon beklemmend genug.

Heydrich hatte in der Sitzung noch immer den Plan einer großen Deportationslösung mit dem Ziel der besetzten sowjetischen Gebiete vorgetragen, den er seit dem Frühjahr 1941 entwickelte und der im Wesentlichen erst nach Kriegsende zu verwirklichen gewesen wäre; der Plan sollte, wie er ausgeführt hatte, aufgrund einer von ihm ausgearbeiteten Vorlage  nach Abstimmung mit den „Zentralinstanzen“ in Gang gesetzt werden. Hinausgelaufen wäre er darauf, elf Millionen europäische Juden an die Peripherie des neuen deutschen Imperiums zu deportieren und sie durch eine Mischung aus erschöpfender Zwangsarbeit, katastrophalen Lebensbedingungen in Lagern und direkten Mordaktionen (bei gleichzeitiger Behinderung von Geburten) in einem wohl noch nicht bestimmten Zeitraum physisch auszulöschen.

Besonders erhellend finde ich bei  der Darstellung des Teilnehmerkreises die wiedergegeben Reaktionen nach dem Krieg. Wenn die 15 „Spitzenbeamten“ nicht verstorben waren, konnten sie sich nicht wirklich erinnern oder verleugneten die Teilnahme. Staatssekretär Neumann, so schreibt Longerich, hätte nach eigenem Bekunden betont, er habe „dienstlich damit nichts zu tun“, Staatssekretär Stuckard habe geäußert: „Ich habe da nicht teilgenommen … Ich weiß das heute nicht mehr mit Sicherheit.“ Lediglich der Jurist Friedrich Kritzinger (1890 bis 1947) habe sich nach 1945 freimütig an den Inhalt der Besprechung erinnert und Reue gezeigt.

Karriere  machte gar Dr. Georg Leibbrandt, der es bis zum Berater Konrad Adenaures brachte. Leibbrandts Thema:  die Rückführung deutscher Kriegsgefangener aus der Sowjetunion. Dass er 1966 das Bundesverdienstkreuz bekam, wirft ein schales Licht auf diese Auszeichnung.  Georg Leibbrandt starb 1982 in Bonn.

Mich hat die Lektüre des Longerich-Buchs dazu veranlasst, den Stoff doch noch einmal von der fiktionalen Seite anzugehen, wenn diese Einstufung überhaupt sinnvoll ist. Ich habe mir den (wie ich finde) hervorragend besetzten und gespielten Film „Die Wannseekonferenz“ von 1984 angesehen, eine Art Kammerspiel des Schreckens. Hier kommt zusätzlich zum reinen Protokoll die Atmosphäre, wie sie gewesen sein könnte und meines Erachtens auch war, gut rüber. Der Weg zur „Endlösung“ wird von ständigem Gelächter, Herrenwitz und einer Überheblichkeit begleitet, die Zuschauer schaudern lässt. Und auch das Fazit, das Longerich zieht, wird deutlich: die „Endlösung“ wird von da an in den Dienst der Kriegsführung gestellt. Jetzt ist alles erlaubt.

Peter Longerich, Wannseekonferenz, Der Weg zur „Endlösung“, Pantheon-Verlag, München 2016


Empfehlenswert ist die Seite www.ghwk.de. Die Gedenkstätte Haus der Wannseekonferenz stellt sich vor. Abrufbar ist per PDF auch das komplette Protokoll. Ein Zeugnis des Schreckens. Weiter gibt es Einzelheiten über die Teilnehmer der Konferenz am  20. Januar 1942.

Vergessenes Leid

Das an Katastrophen nicht gerade arme 20. Jahrhundert lässt Ereignisse und Zusammenhänge  manchmal vergessen. Ein Thema, das mich sehr interessiert, ist die Kolonialherrschaft – und Deutschland hat dabei ein ausgesprochen  unrühmliches Kapitel geschrieben, wie Rebekka Habermas in Skandal in Togo aufzeigt.

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