Alles fließt

Ich fand Die Geschichte der Bienen sehr gut und dann auch Die Geschichte des Wassers, wobei mit hier als Titel „Blau“ noch besser gefallen hätte, und dachte schon mit leichter Befürchtung: nun ist es auserzählt. Ich las per Zufall (ich weiß nicht mehr wo) eine Rezension zum dritten Teil des Klimaquartetts und erfuhr von einer Pferdegeschichte. Da ich Pferde zwar interessant und schön finde, mehr aber auch nicht, wollte ich die Lektüre hintenanstellen. Dann aber fand ich über den Hörverlag die Besetzungsliste des Hörbuchs – und ließ mir die Lunde vorlesen. Zum Glück.

Maja Lunde schreibt in bewährter Manier über das große Ganze, alles bedingt alles, Menschen, Tiere, die Natur sowieso. Diesmal sind es wieder drei Geschichten, die sich über die seltenen Przewalski-Pferde verknüpfen. Ich hätte es wissen müssen: Natürlich geht es keinesfalls nur um die Pferde, immer auch um kaputte Beziehungen der Protagonisten untereinander, hier stärker noch als in den anderen Klima-Romanen, und die Suche nach der eigenen Positionierung, die als lebenslanges Projekt meist ohne Happy End gezeichnet wird. Besonders interessant ist die Rückkehr von Louise aus der Wasser-Geschichte, die 2064 aus Zufall an eine Familie gerät, die die wohl letzten Przewalski-Pferde hält.

In dieser apokalyptischen Zeit kämpfen Eva und und ihre heranwachsende Tochter Isa auf einer zerstörten Welt ums Überleben. Isa will weiterziehen, Eva nicht, auch wenn es sicher klug wäre, aus dem Dunstkeis des unweit entfernt lebenden Vaters von Isa zu verschwinden, jenes Mannes also, bei dem Eva nur noch eine dunkle Ahnung hat, warum sie mit ihm ein Kind gezeugt hat. Überhaupt Männer – mit dem Kapitel hat sie abgeschlossen, anders als ihre Tochter. Nein, es sind die Tiere auf dem Hof der Familie, für die sich die Mutter verantwortlich fühlt. Wenigstens sie sollen überleben.

Der Bericht einer Expedition ist der zentrale Handlungsstrang aus den Jahren 1881 bis 1890. Michail ist Zoodirektor in St. Petersburg und steht familiär unter Druck: Seine mit ihm allein lebende Mutter, die er abgöttisch liebt, wünscht sich endlich eine Ehepartnerin für ihren Sohn, Michael aber macht keine Anstalten. Dass er für eine Expedition mit Herrn Wolff in die Mongolei reisen würde, stand eigentlich nicht auf dem Plan, für Michail aber wird es eine Flucht vor der Mutter und vor Russland, die zu den Pferden führt, aber auch zu Wolff, in den er sich verliebt. Diese Liebe wird bei Realisierung des gemeinsamen Ziels und in der Wildnis funktionieren, zuhause dann nicht mehr. Dramatisch zeichnet Lunde die Jagd auf die Fohlen, das Sterben vieler Tiere auf der Reise nach St-Petersburg und – die einseitige Veränderung der Liebe. Wolff geht seines Weges, Michail erfüllt den Wunsche seiner Mutter und die Anforderungen der Gesellschaft. Seine Geschichte ist eine Geschichte des persönlichen Scheiterns.

Wie stark die Liebe zu einer Mutter sein kann, zeigt sich auf der Handlungsebene der Tierärztin Karin, die mit ihrem drogenabhängigen Sohn knapp hundert Jahre später in die Mongolei reist, um hier Pferde, die nur noch in Gefangenschaft leben, wieder auszuwildern. Ja, Karin weiß, dass sie Mathias nie eine gute Mutter war. Vielleicht kann die Expedition ein Anfang sein, vielleicht hat sie sich verändert, vielleicht verändert sich auch Mathias. Doch wirkliche Gefühle kann sie nur den Tieren gegenüber aufbringen. Mathias und Karin werden wieder getrennte Wege gehen, wobei die besondere Tragik in einem weiteren Zeitsprung beschrieben wird: 2019 reist Mathias noch einml in die Mongolei und sieht, wie erfolgreich seine Mutter war.

Wir kennen einander nicht, beeinflussen uns aber und unsere Welt. Die letzten ihrer Art ist zwar eine Dystopie, kann aber Hoffnung machen, da der Überlebenswille der Menschen nicht nur in blanker Panik, sondern in gefühlter Ausweglosigkeit durchaus mit Überlegung, die vielleicht auch aus einem Instinkt kommt, einhergehen kann: Wenn die Welt morgen untergeht, pflanzt immer noch einer ein Apfelbäumchen. Lunde zeigt, wie falsch der Gedanke ist, als Individuum nichts machen zu können. Einzelne erreichen viel. Auch wenn sie es selbst gar nicht wissen, auch wenn sie selbst nur Nanoteilchen eines glücklicheren Ausgangs sind oder in gutem Willen gemachte Fehler ausmerzen – für die Einzelnen, für alle. Das sind faszinierende Gedanken, wie ich meine.

Die Vorleser von Lundes neuem Buch gehen unaufgeregt und sachlich mit dem Text um, sie lesen allesamt so, als würden sie uns Reportagen vorlesen, was aber zu dieser teils dokumentarisch angelegten Geschichte so wunderbar passt. Besonders natürlich zum Bericht von Michail, der auch ausdrücklich als „Bericht“ dargestellt wird, den er abschließend noch einmal reflektiert, hier gelesen von Thomas Loibl. Meike Droste gibt Eva ihre Stimme, Isa ist Susanne Schroeder, Katja Bürkl Louise. Karins Geschichte stellt Beate Himmelstoß dar, kurz vor Ende des Buches ist Thomas M. Meinhardt als Mathias zu hören. Überhaupt eine tolle Leitung und hier die unbedingte Hörempfehlung.

Die letzten ihrer Art von Maja Lunde ist 2019 als Hörbuch im Hörverlag erschienen. Laut Verlag ist die Ausgabe lediglich „leicht gekürzt“. Übersetzt hat den Roman wieder die fleißige Ursel Allenstein.

In letzter Konsequenz

Frag mich doch mal nach der besten Mediensatire der vergangenen – sagen wir – fünf Jahre. Na? Da habe ich eine ganz klare Antwort: Die Terranauten von T.C. Boyle. Du kannst Menschen isolieren und das als Show verkaufen: Big Brother hat das auf erbärmliche Weise versucht und versucht das wohl noch immer, das Dschungelcamp scheitert glücklicherweise an Corona, wird aber sicherlich irgendwann mal fortgesetzt. Jetzt stelle man sich vor, die Show bekommt einen scheinbar wissenschaftlichen Hintergrund, nicht psychologisierend, was man machen könnte, dafür aber als Art naturwissenschaftliches Exempel.

Frage: Kann der Mensch unter einer Atmosphären-Glocke überleben? Er kann es sicher eine Zeitlang, fragt sich nur wie? Denn in letzter Konsequenz ist der Mensch eben doch nur Mensch. Und passend dazu hatte T.C. Boyle in einem Interview mit Dennis Scheck bekannt, sein Herz sei „black inside“.

Im richtigen Leben ist das Experiment gescheitert, unter anderem, weil sich einer der Eingeschlossenen am Finger verletzt hatte und einen Chirurgen brauchte. Von wegen: ohne Einfluss von Außen. Aua! „Biosphere 2“ sollte in der Tat herausfinden, ob Menschen ein geschlossenes System aufbauen und darin überleben können. Ein reicher Amerikaner hatte das Experiment in der Wüste Arizonas für schlappe 200 Milionen US-Dollar finanziert, die NASA träumte schon von Außenstationen auf Mond oder Mars.

Ob Gottvater „GV“ auch davon träumt, mag vorgeschoben sein, er lebt im Jetzt und ist der Große Bruder in Boyles Roman, und somit einer, der das alte Experiment als „Ecosphere 2“ maßgeblich reanimiert („Eins“ ist immer die Erde). Auf GV werden die Kameras gerichtet, er erlebt dann seine großen Momente, wenn ihn alle sehen. Das Problem: Auch wenn er nicht zu sehen ist, ist er immer da.

Acht Bewohner sind „drin“, Linda Ryu wurde nicht ausgewählt und ist die „beste Freundin“ von Nutztierwärterin Dawn Chapman, was per se gefährlich ist, weil Neid und Missgunst von außen hereinstrahlen: „Ich will Dawn nicht kritisieren. Sie ist ein guter Mensch und eine gute Teamkameradin.“ Klingt schon mal verdächtig.

Erzählt wird schließlich noch aus der Perspektive von Ramsay Roothoorp, Kommunikationsoffizier und Leiter des Bereichs Wassermanagement. Auch er ist auf Außenwirkung bedacht, er liebt die Anerkennung schon im Kleinen, wie Dawn Chapman beschreibt. Etwa, als er sich zum Koch hat überreden lassen: „Wir priesen ihn, denn er hatte die Torte gewissenhaft in acht Teile geteilt…“ Und ja, es wird dann doch irgendwie langweilig unter der Kuppel: Irgendwann sind die CDs alle gehört, sind Minztee und Bananenwein getrunken und Boyle fragt auf Seite 127: Was sonst noch? Auf jeden Fall drehen zuerst die Tiere durch, die Technik hakt und irgendwann haken auch die Menschen.

In welche Richtung die Probleme laufen werden, hatte der erste Satz angekündigt, ausgesprochen von Dawn Chapman: „Man hatte uns von Haustieren abgeraten, dergleichen von Ehemännern und festen Freunden, und dasselbe galt natürlich auch für Männer, von denen, so viel man wusste, keiner verheiratet war.“ Emotionalität und Wissenschaft passen bei diesem Wissenschaftszweig nicht zueinander, auch wenn – wie Chapman wenig später darstellt, „Vortäuschung“ und „Theater“ als Elemente „irgendwie eine Rolle spielten“. Wie groß diese Rolle in Wirklichkeit ist, ist Boyles großes Spiel. Hier geht es immerhin um zwei Jahre Einschluss. Geht das bei jungen reproduzierfähigen Menschen eigentlich ohne Sex?

Nein, es geht nicht. Dass Dawn schwanger wird, entpuppt sich für die Halbgötter draußen als ungeplantes Problem. An einen Abbruch denkt Frau Chapman mitnichten, sie will das Kind unbedingt unter der Glaskuppel bekommen. Und mehr noch:

Ich nehme an, alle Bräute sind nervös, und zwar nicht nur wegen des unumkehrbaren Schrittes, den sie im Begriff sind zu tun, sondern wegen all der Pracht und Herrlichkeit und der sehr realen Sorge, sie könnten über ihre Schleppe stolpern, den Brautstrauß fallen lassen oder sonst irgend eine kleine oder große Ungeschicklichkeit begehen. Ich war keine Ausnahme, aber ich stand ja auch in einem Rampenlicht, dem nur wenige Bräute ausgesetzt sind, mit Ausnahme vielleicht von Pamela Andersson oder Prinzessin Diana. Ich hatte es nicht nur mit der versammelten Presse zu tun, mit meinen gekränkten Eltern, GV, einer eifersüchtigen, verbitterten Judy sowie einer nicht weniger eifersüchtigen, verbitterten Linda, ganz zu schweigen von der Kleinigkeit, das ich seit mindestes vier Monaten schwanger war, sondern auch mit der Tatsache, dass ich mit einem Schlag das Gesicht von Mission 2 geworden war, während alle anderen, auch Ramsay, in den Hintergrund traten.“

Der Roman Die Terranauten von T.C. Boyle ist 2017 bei Hanser erschienen. Mittlerweile gibt es auch eine Taschenbuchausgabe.


Auf Lesechwaeche.net gibt es auch eine Besprechung des neueren Boyle-Romans Das Licht. Und wem es um das Thema Mediensatire geht, dem sei noch die Besprechung und vor allem das Buch Zornfried von Jörg-Uwe Albig empfohlen. Hier werden allerdings nicht die gängigen Medienformate aufgespießt, sondern die Frage, wie sich Journalisten von Nazis einlullen lassen. Sehr lesenswert.

Nur noch Staub und Wüste

Ich hätte noch ewig weiterhören können. Aber dann – plötzlich nach acht Stunden und zehn Minuten – war Die Geschichte des Wassers vorbei. Den Text von Maja Lunde haben Christiane Blumhoff und Shenja Lacher abwechselnd gelesen. Sehr atmosphärisch, sehr nahegehend, was sowohl am Buch als auch an den Vorlesern liegt.

Im zweiten Teil ihres Umwelt-Quartetts hat Lunde sich also das Wasser vorgenommen, den Klimawandel, der voranschreitet und uns alle austrocknet. Die Meldungen der Lokalblätter haben es längst wie Spatzen von den Dächern gepfiffen: Geht sparsam mit Wasser um! Immer häufiger haben die Wasserwerke arge Probleme, die Bevölkerung zu versorgen. Und wieder schafft es Lunde, dass Leser sich intensiver und weit über die Handlung des Buches hinaus mit dem Thema beschäftigen, auch wenn es selbstverständlich und vielleicht sogar zu selbstverständlich ist: Wasser ist doch da, immer. Von wegen!

Lunde erzählt diesmal in zwei Zeitebenen. Die kratzbürstige Signe ist fast 70, war die meiste Zeit ihres Lebens Umweltaktivistin, blieb immer am Ball: die ewige Kämpferin. Anders als Magnus, den sie liebte, der sie liebte, von dem sie ein Kind erwartete. Er lässt sich von den Konzernen, die seine Umwelt zerstören, einlullen – die Beziehung zerbricht, was Signe eigentlich nie verkraftet, er aber auch nicht, wie sich am Ende zeigen wird. Doch das weiß sie noch nicht: Signe steigt in ihr Boot und segelt mit dem „letzten Eis“ der zerstörten Gletscher an die französische Küste. Hier lebt Magnus heute – wohl im feinsten Wohlstand und mit seiner dicklichen Frau und den Kindern. Und sie sind glücklich in ihrem sicheren Lebenund erinnern sich an die schönen Momente.

Die gibt es über 40 Jahre später gar nicht mehr. Südeuropa ist ausgetrocknet, die Menschen flüchten in den Norden. So wie David und seine Tochter Lou, die auf der Flucht ihre Mutter und den kleinen Sohn Auguste verloren haben. Die verzweifelte Suche erinnert an die Fluchtgeschichten von heute, an die Umstände im Lager, was den Roman noch einmal beklemmender macht. Auch David ist kein wirklicher Held: Er ist beherrscht, wenn es um seine Tochter geht, unbeherrscht, wenn es um Zuneigung zu einer anderen Frau als seiner Frau geht. Ohnehin ist alles Verzweiflung: die Antworten der Hilfsdienste, die Wassertanks, die immer leerer werden, die Ziellosigkeit: das Leben ist wüst und leer.

Grandios gelingt die Beschreibung eines verletzten alten Mannes, der von David endlich zur Behandlung geleitet wird. Den Verband, der die Wunde schützen sollte, holt er sich aus dem Müll zurück: Stoff kann Wasser aufsaugen, Wasser ist Leben.

Naürlich verbindet das Wasser die beiden Ebenen, aber auch das Boot, mit dem Signe nach Frankreich segelt und das David und Lou finden sollen. Auch hier beeindruckt Lunde wieder mit den unglaublich intensiv geschilderten Beziehungen zwischen den Protagonisten: Auch wenn Signe vielleicht wirklich etwas verbissen ist, kann man sich gut in sie hineinfühlen. Weil Lunde sie in Rückblenden ihre ganze Geschichte erzählt lässt, die Kindheit, die Beziehung zur profitgierigen Mutter und dem sensiblen Vater, der die Natur bewahren will, die wachsende Fremdheit gegenüber dem Establishment, die sie nie ablegt, sich vielmehr wundert, worüber heutige Jugendliche so sprechen: über Computerspiele und die guten Noten in der Schule, Nichtigkeiten aus ihrer Sicht. Dabei stirbt doch unsere Welt, wie können sie nur?

Auch wenn ich es in einigen Rezensionen anders gelesen habe: Ich bin der Meinung, dass Die Geschichte des Wassers das richtige Buch zur richtigen Zeit ist. Mir gefällt der Roman genau so gut wie Die Geschichte der Bienen. Ich hätte es allerdings noch etwas schöner gefunden, wenn die Übersetzung des Titels weniger marktgerecht eins zu eins „Blau“ gewesen wäre. So heißt nämlich das Boot, das die Zeitebenen miteinander verbindet. Und so erscheint uns oft das an sich farblose Wasser des Meeres.

Maja Lunde, Die Geschichte des Wassers, aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein, gelesen von Christiane Blumhoff und Shenja Lacher, erschienen 2018 im Hörverlag

Die zwei Klassen der Zukunft

Auf der Suche nach trashiger Unterhaltung landete ich wieder einmal in der Vergangenheit. Oder in der gedachten Zukunft. Denn diese Zukunft liegt mittlerweile auch schon hinter uns, was in der Verfilmung Die Zeitmaschine von H.G. Wells ziemlich deutlich wird. Auf jeden Fall musste ich nach dem Film von George Pal aus dem Jahr 1960 noch einmal das Buch lesen.

Eine Verfilmung mit extremer Nähe an der Vorlage hätte anders ausgesehen. Natürlich konnte H.G. Wells nichts von den Kriegen wissen, nichts vom Atomwahn der Nachkriegszeit, auch wenn die Zukunft Ende des 19. Jahrhunderts nicht nur Gutes verhieß, erst recht nicht im Wellschen Denken. Schließlich lässt er seinen Erzähler von der „Menschheit im Niedergang“ sinnieren, lässt ihn grübeln über Kommunismus und eine Situation „vollkommener Zufriedenheit und Sicherheit, die die uns eigene rastlose Energie in Schwäche verwandelt.“ Wenig später heißt es: „Selbst in unserer Zeit sind schon gewisse Neigungen und Wünsche, die einmal für das Überleben notwendig waren, eine permanente Quelle des Versagens.“ Wagemut und Kampfeslust, so klingt es im Buch von 1895 etwas martialisch, seien nicht unbedingt Vorzüge, sondern „unter Umständen auch Nachteile in den Augen eines zivilisierten Menschen.“

Ein solch zivilsierter Mensch ist natürlich die Hauptfigur, die „der Bequemlichkeit halber“ nur der Zeitreisende genannt wird: ein Wissenschaftler mit Visionen, der sich in seiner gemütlichen Gelehrtenrunde, die ausschließlich aus alten Männern besteht, über die Geometrie der vierten Dimension auslässt. Natürlich glauben ihm die verdienten Herren nicht – bis auf den besagten Ich-Erzähler, der die Geschichte wiedergibt. Sie glauben nicht, dass er durch die Zeit reisen kann, auch nicht, als er die seit zwei Jahren gebaute „wunderbare Maschine“ präsentiert. Doch er ist der „Mutige“, der seine Angst überwinden muss, aus der den Herren lieben Sicherheit ihrer Zeit zu entfliehen.

Und die dem Menschen untertänige Technik schafft es: Er berichtet vom Kampf mit den Morlocken, die im Film wie mutierte Kinskis aussehen, die unter der Erde leben und die „Überirdischen“ wie Sklaven halten und sie auf Altären opfern.

All das klingt nach Jonathan Swift und nach der zweiklassigen Gesellschaft, wie sie Wells erlebt hat. Doch seine dunkle Vision geht noch viel weiter, wenn er aus dem Jahr 802 701 berichtet. „Ich glaube“, lässt Wells den Zeitreisenden erzählen, „ich habe schon erwähnt, um wieviel heißer das Klima dieses Goldenen Zeitalters war als unseres. Ich weiß nicht warum.“

Seine Erklärung findet er in den Theorien des jungen Darwin, nach denen die Planeten schließlich in das Zentralgestirn zurückfallen müssen. Also: es gibt ein Welt-Ende. Aber ob Wells wusste, dass er mit der Klimaerwärmung so nah dran ist am Heute? Er würde mit Sicherheit den Menschen als Verursacher ausgemacht haben.

Bei allem hilft aber auch dem Zeitreisenden nur die Liebe, hier als Weena, ein „puppenhaftes Geschöpf“, das ihm das Gefühl gibt, nach Hause zu kommen. Vielleicht ist sie es auch (und damit die Liebe), die den Zeitreisenden wieder verschwinden lässt, in ihre Zeit, in alle Zeiten. Dieser Aspekt gefiel George Pal, ist bei Wells aber beileibe nicht die Hauptgeschichte. Kurzum: Der Film von 1960 ist tatsächlich Trash, die Geschichte von H.G. Wells feinste Literatur. Ich empfehle beides: das Buch, um in die Gesellschaftskritik des 19. Jahrhunderts einzutauchen, den Film, um die aus heutiger Sicht naive Umsetzung der Geschichte und die (wie ich finde) tollen schauspielerischen Leistungen von Rod Taylor (1930 bis 2015) und Yvette Mimieux (geboren 1942) zu genießen.

H. G. Wells, Die Zeitmaschine, aus dem Englischen von Annie Reney und Alexandra Auer, erschienen 1996 bei dtv. Die Originalausgabe stammt aus dem Jahr 1895.

Das große Summen

Es gibt dieses eine Zitat, das mich die ganze Lektüre von Die Geschichte der Bienen von Maja Lunde hindurch begleitet hat. Dabei ist gar nicht klar, ob es von Albert Einstein stammt – was in der Konsequenz des Gesagten auch kaum eine Rolle spielt, höchstens die Auffassung verstärken kann, dass der Urheber, der ja das ganze Universum erklärt, einfach recht haben muss: „Wenn die Bienen verschwinden, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben; keine Bienen mehr, keine Pflanzen, keine Tiere, keine Menschen mehr.“

Das Summen der Bienen hält die Geschichte zusammen.

Maja Lunde erzählt aus drei Perspektiven, die sich zeitlich voneinander unterscheiden: Da wäre zunächst der schwermütige und nur durch den Zuspruch seiner Kinder zu Tätigkeit kommende Samenhändler William, der im 19. Jahrhundert den pefekten Bienenstock schaffen will, kurz vor seinen Erfolgen aber feststellen muss, dass ihm ein anderer Imker zuvor gekommen ist. Zweiter im Buch ist ein Imker der Gegenwart. George ist vom großen Bienensterben betroffen, die Folge: es gibt nicht mehr genügend Pflanzenfutter für die Fleischproduktion, auch Milch wird knapp. Mit seiner Frau und den Bienenvölkern reist er durchs Land, damit die Bienen die Blüten bestäuben können. Sein Sohn – so hofft er – soll das Geschäft eines Tages übernehmen, doch der hat andere Pläne. Der dritte Teil macht die Geschichte zum Science-Fiction-Roman: Chinesin Tao ist Pflanzenbestäuberin und übt damit einen überlebenswichtigen Beruf aus, denn 2098 gibt es längst keine Bienen mehr – wirklich nicht? Ihr Sohn ist offenbar einem „Unfall“ mit Bienen zum Opfer gefallen, weshalb sich die Regierung für das Kind interssiert und Wei Wen kidnappt. Tao sucht ihr Kind und die Wahrheit.

Das Buch habe ich natürlich als Plädoyer für den Erhalt der Natur gelesen, darüber hinaus als faszinierende Beschreibung menschlicher Schicksale, die genau damit verknüpft sind. Und es ist wirklich so: Das Summen der Bienen hält die Geschichte zusammen. Doch dann wird klar: Es geht um viel mehr: Das Sein der Insekten ist Synonym für alles, ihr Streben in Völkern und der unbändige Überlebenswille stehen für die Menschheit selbst. Die kann sich retten, wenn sie alles – und das umfasst die Natur im Besonderen – als Ganzes begreift: Ausbeutung ist Selbstmord auf langen Raten und der beginnt nicht erst dann, wenn es keine Bienen mehr gibt. Ganz im Gegenteil: dann ist es zu spät.

Dabei scheinen im Blick auf die Apokalypse auch die Bienen selbst und ihre Völker von den Menschen in besonderer Weise abhängig zu sein, so wie andersrum auch. Generationen sind gar nicht so flüchtig, wie mancher denken mag, alles hängt von den Alten ab, alles strahlt auf die Künftigen. Der eine schlägt sein Kind, weil er selbst in seiner Kindheit Gewalterfahrungen gemacht hat. Der nächste zeigt kein Verständnis für seinen Sohn, der eben kein Bienenkundler werden will, sondern Journalist. Und irgendwann in der Zukunft verlässt eine Frau ihren Mann, um allein auf die Suche nach ihrem Sohn zu gehen.

Also noch einmal: Maja Lunde hat mich auch deshalb überzeugt, da sie in ihrer Geschichte vor allem auf Beziehungen setzt: Beziehungen untereinander, Vater und Sohn, Mann und Frau, Mutter und Sohn, Mensch und Natur, Mensch und Biene, Mensch und Zeit – all das wird in großer Tiefe geschildert und sorgt für die Erkenntnis: Alles hängt mit allem zusammen. Ich glaube, wir brauchen solche Bücher. Heute mehr denn je.

Maja Lunde, Die Geschichte der Bienen, aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein, ist 2017 bei btb erschienen.