Nur noch Staub und Wüste

Ich hätte noch ewig weiterhören können. Aber dann – plötzlich nach acht Stunden und zehn Minuten – war Die Geschichte des Wassers vorbei. Den Text von Maja Lunde haben Christiane Blumhoff und Shenja Lacher abwechselnd gelesen. Sehr atmosphärisch, sehr nahegehend, was sowohl am Buch als auch an den Vorlesern liegt.

Im zweiten Teil ihres Umwelt-Quartetts hat Lunde sich also das Wasser vorgenommen, den Klimawandel, der voranschreitet und uns alle austrocknet. Die Meldungen der Lokalblätter haben es längst wie Spatzen von den Dächern gepfiffen: Geht sparsam mit Wasser um! Immer häufiger haben die Wasserwerke arge Probleme, die Bevölkerung zu versorgen. Und wieder schafft es Lunde, dass Leser sich intensiver und weit über die Handlung des Buches hinaus mit dem Thema beschäftigen, auch wenn es selbstverständlich und vielleicht sogar zu selbstverständlich ist: Wasser ist doch da, immer. Von wegen!

Lunde erzählt diesmal in zwei Zeitebenen. Die kratzbürstige Signe ist fast 70, war die meiste Zeit ihres Lebens Umweltaktivistin, blieb immer am Ball: die ewige Kämpferin. Anders als Magnus, den sie liebte, der sie liebte, von dem sie ein Kind erwartete. Er lässt sich von den Konzernen, die seine Umwelt zerstören, einlullen – die Beziehung zerbricht, was Signe eigentlich nie verkraftet, er aber auch nicht, wie sich am Ende zeigen wird. Doch das weiß sie noch nicht: Signe steigt in ihr Boot und segelt mit dem „letzten Eis“ der zerstörten Gletscher an die französische Küste. Hier lebt Magnus heute – wohl im feinsten Wohlstand und mit seiner dicklichen Frau und den Kindern. Und sie sind glücklich in ihrem sicheren Lebenund erinnern sich an die schönen Momente.

Die gibt es über 40 Jahre später gar nicht mehr. Südeuropa ist ausgetrocknet, die Menschen flüchten in den Norden. So wie David und seine Tochter Lou, die auf der Flucht ihre Mutter und den kleinen Sohn Auguste verloren haben. Die verzweifelte Suche erinnert an die Fluchtgeschichten von heute, an die Umstände im Lager, was den Roman noch einmal beklemmender macht. Auch David ist kein wirklicher Held: Er ist beherrscht, wenn es um seine Tochter geht, unbeherrscht, wenn es um Zuneigung zu einer anderen Frau als seiner Frau geht. Ohnehin ist alles Verzweiflung: die Antworten der Hilfsdienste, die Wassertanks, die immer leerer werden, die Ziellosigkeit: das Leben ist wüst und leer.

Grandios gelingt die Beschreibung eines verletzten alten Mannes, der von David endlich zur Behandlung geleitet wird. Den Verband, der die Wunde schützen sollte, holt er sich aus dem Müll zurück: Stoff kann Wasser aufsaugen, Wasser ist Leben.

Naürlich verbindet das Wasser die beiden Ebenen, aber auch das Boot, mit dem Signe nach Frankreich segelt und das David und Lou finden sollen. Auch hier beeindruckt Lunde wieder mit den unglaublich intensiv geschilderten Beziehungen zwischen den Protagonisten: Auch wenn Signe vielleicht wirklich etwas verbissen ist, kann man sich gut in sie hineinfühlen. Weil Lunde sie in Rückblenden ihre ganze Geschichte erzählt lässt, die Kindheit, die Beziehung zur profitgierigen Mutter und dem sensiblen Vater, der die Natur bewahren will, die wachsende Fremdheit gegenüber dem Establishment, die sie nie ablegt, sich vielmehr wundert, worüber heutige Jugendliche so sprechen: über Computerspiele und die guten Noten in der Schule, Nichtigkeiten aus ihrer Sicht. Dabei stirbt doch unsere Welt, wie können sie nur?

Auch wenn ich es in einigen Rezensionen anders gelesen habe: Ich bin der Meinung, dass Die Geschichte des Wassers das richtige Buch zur richtigen Zeit ist. Mir gefällt der Roman genau so gut wie Die Geschichte der Bienen. Ich hätte es allerdings noch etwas schöner gefunden, wenn die Übersetzung des Titels weniger marktgerecht eins zu eins „Blau“ gewesen wäre. So heißt nämlich das Boot, das die Zeitebenen miteinander verbindet. Und so erscheint uns oft das an sich farblose Wasser des Meeres.

Maja Lunde, Die Geschichte des Wassers, aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein, gelesen von Christiane Blumhoff und Shenja Lacher, erschienen 2018 im Hörverlag

Sockel oder doch nicht?

Herder hockte auf dem Sockel. Ganz klar – für mich war er fast so etwas wie ein Nationalheiliger, wobei hinzukommt, dass eine Schule in meiner Heimatstadt nach ihm benannt wurde. Nachdem ich aber Goethe – Kunstwerk des Lebens von Rüdiger Safranski gehört und gelesen hatte, war klar: Auch Johann Gottfried Herder (1744 bis 1803) war nur ein Mensch, und zwar nicht nur ein angenehmer. Er konnte kaum zeigen, dass der wenig Jüngere etwas gut gemacht hatte, konnte nicht loben, hatte diesen Skeptizismus, den ich im Umgang mit Freunden für übertrieben halte, oder für eine unangemessene Prüfung.

Aber genau das hat für mich das Kunstwerk des Lebens ausgemacht, nicht nur was Herder betrifft. Ich bin Goethe nur selten so nahe gekommen, wie in diesem Stück Biographie-Literatur. Höchstens beim Besuch in Weimar: im Gartenhaus an der Ilm, im Wohnhaus am Frauenplan oder abends im Theater, als eine Goethe-Fantasie gegeben wurde, in der es um die Wirkung des Geheimrats auf Frauen ging. Nein, gelesen von Frank Arnold, teilweise auch von Rüdiger Safranski selbst, hat mir dieses Hörbuch sehr gut gefallen, danach dann auch die vollständige Printausgabe. Goethe wollte – und wenn es wie beim Faust noch so lange dauert – etwas zustande bringen, wollte vollenden. Dass ihm seine Lebensspanne 1749 bis 1873 vom Rokoko bis zur Romantik die Möglichkeit bot, war ein Glücksfall.

Safranski zeichnet die Lebensstationen nach, das Aufwachsen in Frankfurt, das Verhältnis zur Mutter, von der er die Lust am Fabulieren hat, zum Vater, der sich einen Juristen wünscht und ihn nach Leipzig schickt. Hier stößt er auf die Geistesgrößen seiner Zeit, auf Lessing, der über Minna von Barnhelm spricht oder auf Gottsched, der Texte junger Literaten mit roter Tinte bewertet. Schließlich die Zeit in Straßburg, wo er die wegen Liebschaften und anderen Beziehungen lange hinausgeschobene und nur mäßig erfolgreiche Dissertation endlich zuende schreibt. Und endlich die Lyrik:

Wen du nicht verlässest, Genius,
Nicht der Regen, nicht der Sturm,
Haucht ihm Schauer übers Herz.
Wen du nicht verlässest, Genius

Wanderers Sturmlied, 1772

Dann 1773 der erste Erfolg mit dem Götz von Berlichingen, nach den Erfahrungen in Wetzlar mit der eigentümlichen Dreiecksbeziehung Kestner, Buff, Goethe der Durchbruch mit Die Leiden des jungen Werther, schließlich der Umzug an den Hof von Weimar und das Ministeramt, ermöglicht durch den jüngeren Gönner und Freund Herzog Carl August. Das Auf und Ab der Freundschaft zu Frau von Stein wird famos gezeichnet, ohnehin die Beziehungen: zu Lavater, der Religion streng aus der Bibel ableitet, und Goethe, der die Bibel als Poesie versteht. Das kann nicht gutgehen. Dann die Italienreise als Flucht in ein idealisiertes Antik-Griechenland, die Ehe mit Christiane Vulpius, Naturforschung samt Farbenlehre (deren Außenwirkung ihn enttäuschte), Dramen, Lyrik, immer wieder Lyrik, die Wilhelm-Meister-Romane, der Faust.

Das Buch kam mir wie ein angenehm-gemächlicher Ritt durch ein langes Leben vor. Von Goethe erfährt man viel, aber auch vom intellektuellen Leben seiner Zeit, einer Zeit, in der Frauen viel geweint haben, überhaupt, so heißt es bei Safranski, sei viel geweint worden. Ob des Schlechten im Leben, ob der Krankheiten, von denen auch Goethe nicht verschont wurde. Und die fielen so schlimm aus, dass er an den Tod dachte, dabei aber auch an sein Werk, das unvollendet bleiben würde.

Safranski macht deutlich, dass Goethe eine Berufung hatte, die er nicht nur in der Rückschau als Konstrukt verklärt (wie etwa im bedeutungsschweren Anfang von Dichtung und Wahrheit, in dem selbst die Planentenstellung großes vermuten lässt), sondern auch schon im Lauf seines Lebens so sieht. Das jedenfalls lassen die unzähligen Briefe vermuten, die Safranski in den sechs Jahren seiner Recherche gelesen hat, die Zeitzeugentexte mit Begegnungs-Beschreibungen. Goethe selbst will wissen, wie er wirkt, bleibt – sprechend über den Herrn Goethe – gern inkognito: Er will sich darstellen, will ein „exemplarisches Leben“ führen. Was keine Kunst ist, lässt er nur selten an sich heran – es interessiert ihn nicht. Und wenn es ihn interessieren muss, weil es um Familie geht, wirkt er schwach – etwa, als er vom Tod seines Sohnes August erfährt. Er habe gewusst, dass er ein sterbliches Wesen gezeugt habe. Vaterliebe stellt man sich gemeinhin anders vor.

Ohnehin der Tod: Dass sein Freund Schiller starb, war eine Katastrophe, Freundschaften waren ihm stets wichtig – mit all ihren Höhen und Tiefen. In Beziehungen ließ er spüren, wenn ihm etwas nicht gefiel, wenn Cotta etwa eine Ausgabe ohne sein Wissen herausbrachte. Dennoch blieb er ihm verbunden, weil Goethe das große Ganze sah – den Verdienst um seine Person.

In jedem Fall wollte Goethe sein Leben wie eine Pyramide zuspitzen, dabei auch an Grenzen gehen, das Menschsein in seinem Sinn auskosten. Wer Das Kunstwerk des Lebens gehört oder gelesen hat, wird zum Schluss kommen, dass das gelungen ist. Am Selbstbewusstsein hat es dem alten Geheimrat nicht gemangelt.

Bleibt die Frage nach dem Sockel und dem Nationalheiligtum, die ich zu Anfang meines kleinen Beitrags für Herder gestellt habe. Auch Goethe hat ein Ausnahmeleben geführt, war aber mit Sicherheit wie Herder kein „Heiliger“. Sockel sind also grundsätzlich schwierig, weil sie zur Heroisierung beitragen und weniger zur Wahrheit. Letzteres versucht Safranski. Bewundern darf man solche Leute ob ihrer Lebensleistung aber doch.

Rüdiger Safranski, Goethe – Kunstwerk des Lebens, gelesen von Rüdiger Safranski und Frank Arnold, erschienen 2013 bei Random House, für diesen Beitrag habe ich auch die Druckausgabe gelesen, erschienen bei Hanser, ebenfalls 2013.