Schöner Schein

Geschichten gefallen mir dann besonders gut, wenn sie eigene Vorurteile aufdecken. Wenn Leser in den Spiegel gucken und eine Fratze sehen. Das ist dann ein schöner Schauer – und erträglich, weil man als eben dieser Leser ja in einer abgeschlossenen Welt lebt. Donna Leon schafft die Spiegelschau in ihrem achtzehnten Fall mit Commissario Guido Brunetti in raffinierter Weise. Denn in Schöner Schein dauert es, bis der Blick klar wird.

Nein, die Fälle um Brunetti sind im Laufe der Jahre nicht schwächer geworden, sie sind auch nicht langweilig. Seit dem Venezianischen Finale (Mein Gott, ist das lange her) habe ich die Romane zwischendurch immer gerne gelesen, jetzt sogar bis zum achtzehnten Fall. Also: Ich kenne  die familiären Verhältnisse der Brunettis, kenne die Kinder, deren Entwicklungen, deren Sorgen, kenne Gattin Paola, Literaturprofessorin mit dem Faible für Henry James, natürlich auch all die Figuren Drumherum: den blöden Alvise, die Alleskönnerin Elletra, den gut aussehenden, aber all die Scheinheiligkeit dieser (venezianischen) Welt verkörpernden Chef Patta, die Contessas und Contes, die kleinen und großen Gauner, deren und aller Eitelkeiten. Das taucht natürlich auch wieder in Schöner Schein auf  – und doch hat mir dieser Roman noch einmal klar gemacht, um was es in den Texten der Serie eigentlich geht.

Verkörpert wird der Schöne Schein anfangs in besonderer Weise von Franca Marinello, für die sich der (wie immer) biedere Brunetti auf eigentümliche Weise interessiert. Und das, obwohl die Miene der Frau  „unmöglich zu deuten“ war. „Oder genauer gesagt, ihr Gesicht drückte eine andauernde Erwartung aus, hineingepflanzt von einem hilfsbereiten Chirurgen.“ Aber nein, da muss irgendetwas sein, was ihn an dieser Frau beeindruckt, so wie damals bei Paola, die er – ganz ehrlich – noch immer liebt und verehrt. Dass sich Franca Marinello mit Vergil auskennt, lässt Brunetti stutzen, und auch, dass sie so gerne Cicero liest, „weil er so gut hassen kann.“

Dass dieses Bekenntnis zum Hass sich nicht nur auf die Politik bezieht, sondern auch das Leben der Franca Marinello bestimmt, wird sich im Laufe des Romans erhellen. Ebenso wie die Verbindungen zur Müll-Mafia. Ohnehin ist der Müll das große Thema dieses Romans, giftig und so, dass er eben gerne zugedeckt wird. Der Müll ist da, alle wissen das – aber man redet halt nicht gerne darüber. Patta auch nicht. „Was für ein Jammer, dass Patta nicht im historischen Archiv eines stalinistischen Staates arbeiten konnte: Wie hätte er es geliebt, Fotos zu retuschieren, Altes zu überpinseln und durch Neues zu ersetzen.“ Und manchmal muss Brunetti das Spiel um den schönen Schein mitmachen: etwa, wenn der Tote im Giftmüll gefunden wird. „Es wäre besser, wenn niemand merkt, dass wir wissen, wonach wir suchen.“

Zwei Morde sind geschehen, Brunetti verlässt wieder einmal den „geschlossenen Raum“ Venedig und leistet Amtshilfe für die Carabinieri. Nach und nach versinkt er im Sumpf – und muss erkennen, wie nah das Böse seiner eigenen Familie kommt. Die Brücke ist jene „Superliftata“, Auslöser für Brunettis Interesse ist aber auch der eigene Schwiegervater, der in Geschäfte einsteigen will und den Commissario um Auskünfte bittet. Diskret natürlich.

Der Roman ist gut, weil er Typen zeichnet und Verhaltensmuster – jene  der Serenissima im Besonderen, aber auch außerhalb der Romanwelt. Weil er misstrauisch macht, zuletzt auch dem eigenen Urteil gegenüber. Habe ich über Franca Marinello gerichtet? Und war das gerecht? Nein, das war es wohl nicht. Und so bleibt dieser Text meines Erachtens länger im Gedächtnis. Bei mir jedenfalls.

Dass das an Brunetti selbst liegt, ist natürlich klar. Er ist oft einen Schritt voraus, manchmal, ohne sich dessen bewusst zu sein. Für mich ist er der Gegensatz zum schludrigen Wallander, den ich als literarische Figur mindestens ebenso verehre. Die Distanz bleibt bei beiden: natürlich ist Brunetti ziemlich konservativ. Zitat: „Als Paola sich nach ausgiebigem Geschirrspülen zu ihm gesellte, stand er am Fenster und schaute nach dem Engel auf dem Campanile von San Marco im Südosten.“ Aber er ist eben auch das, was diese Art des konservativ-seins nicht ausschließt: ein guter Mensch.

Donna Leon, Schöner Schein, Commissario Brunettis achtzehnter Fall, aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz, Diogenes, Zürich 2011 

Die Geistervilla

Der Roman von Hanns-Josef Ortheil war der Zufallsfund in einer Rintelner Buchhandlung. Dabei hatte ich nicht einmal den Klappentext von Rom, Villa Massimo gelesen, sondern – angespornt vom Titelfoto – gleich die erste der drei Vorgeschichten. Mit Ka fühlte ich mich verbunden, obgleich 15 Jahre älter, trotz eines äußerlich völlig anderen Lebens.

Aber das Milieu, aus dem er kommt, schien mir vertraut oder besser: gut vorstellbar. Doch Lyrik in Wuppertal? Passt das zusammen? Augenscheinlich nicht.  Und so will auch Ka nach Arkadien, um den typischen Aufbruch (oder den Ausbruch) zu zitieren, den Goethe an den Anfang seiner Italienischen Reise gestellt hatte.

Und so beschreibt Rom. Villa Massimo eine Zeit, die es so schon lange nicht mehr gibt, ein romantisches Ideal: das auf ein Jahr begrenzte Leben auf einer Kunst-Insel. Aber gerade das sich Heraushemen ist Sinn dieser Stipendiatenvilla, Kraft schöpfen für neue Kreativität, für das Wahre, Schöne, Gute. Und so passt auch der immer wieder zitierte Stephan George mit seinen Jüngern in diese abgeschiedene Welt: als Geist schwebt auch George weiter durch die Villa, und einer aus seinem Kreis hatte das Haus sogar entworfen.

Ohnehin Geister: Es sind geisterhafte Kunst-Figuren, die in ihren Ateliers nicht wirklich zu packen sind. Nur durch Satire – und das kann Ortheil verdammt gut. Und wenn sich seine Protagonisten selbst darstellen, geben sie längst nicht alles preis, vielleicht auch, weil sie nichts preisgeben können. Sie sind Marionetten, die an einem seidenen Faden hängen, geführt vom „Sein wollen“ als echter Künstler. Bedauernswerter sind da nur noch die alternden Laiendichter, die ein Buch für teuer Geld im Selbstverlag herausbringen und sich dann als Schriftsteller verstehen. Ja, die Wahrheit ist zuweilen schmerzhaft.

Doch die Typen kennt jeder, schablonenhaft dargestellt. Da gibt es den dicken Romancier, den Ehrengast, die schöne Frau, solche Leute eben. Namen gibt es wenige: Vielleicht noch Uwe, der alles fotografiert. Aber Uwe ist anders. Er gibt zu, gescheitert zu sein. Womit und woran? Egal. Uwe wird am Ende des Romans mit einem Fotoauftrag belohnt, immerhin. Und dann ist da noch Maria, die Reinemachfrau und Rosso, der Kater.  Der war schon immer hier und taucht als Zeichnung sogar auf einer Goethe-Skizze auf, dessen Rom-Zimmer Ka besucht. Irgendwie muss sich der Kreis ja schließen.

Peter Ka hat mir gefallen: ein Mensch, der sich allein der Lyrik verschreibt, für den Lyrik alles ist, der sogar schon ein paar echte Veröffentlichungen hatte und der hingeworfene Gedichte in Zeitungen als peinlich wertet. Auch er arbeitet wie ein Romantiker: jedes Wort muss passen, jedes Gedicht hat Melodie, ein Manifest im Kopf. Und wer musikalisch ist, hat auch gute Chancen, ein guter Lyriker zu sein. Hanns-Josef Ortheil formuliert  in Bestform: Denn wer das liest, wird lächeln.

Und so erscheint Peter Ka nur ganz entfernt ein Nachfahre des kafkaesken K. aus dem Schloss zu sein. Nein, so dunkel ist seine Welt nicht, nicht einmal in Wuppertal. Da ist Ka anfangs schon eher eine Spitzweg-Figur in der Dachkammer. Nun gut, da will man raus. Irgendwann.

Die Villa ist ein ruhiger Ort, brodeln wird es ganz zuletzt. Davor höchstens beim Schwächeanfall des Romanciers, der mit Frau und Kindern in der Villa weilt. Aber auch dieses Aussetzen zeigt letztlich nur die Nöte derer, die hier sind, die – um sich zu finden – allein sein müssen oder mit bewundernden Partnern, die tagsüber in Rom einkaufen. Oder die Übersetzerin ist, und sich mit Ka nur über Lyrik unterhält. Ja, deshalb ist er doch hier: Lyrik, nicht Liebe. Und ja, sie wird seine Texte ins Italienische übersetzen. Und Ka findet tatsächlich Wuppertal wieder, als Gedicht.

Zuletzt aber ist alles ein großer Schein. Vielleicht kennen die Kunstschaffenden ja unterschwellig die Wahrheit, wollen sie aber nicht wahr haben. Und dann endet alles im Streit, in Boshaftigkeit, in Verletzungen. Aber auch das nur ganz kurz, denn das Leben in der Kunst muss ja weitergehen.

Für Peter Ka ist die Villa Massimo mehr als ein Intermezzo. Er wird am Ende – anders als Goethe – ganz in Rom bleiben. Die Geister geistern wieder durch die Villa. In anderen Menschen, wohl nicht in anderen Typen.

Rom, Villa Massimo, freundlich bebildert mit den Fotos von Lotta Ortheil und nach der Erstveröffentlichung 2015 jetzt als  Taschenbuch erschienen, ist ein besonderes Lesevergnügen. Eines übrigens,  dass mich sogar an Thomas Bernhards Holzfällen erinnert hat. Das ist nur noch viel böser.

Hanns-Josef Ortheil, Rom, Villa Massimo, btb, München 2017