Alles fließt

Ich fand Die Geschichte der Bienen sehr gut und dann auch Die Geschichte des Wassers, wobei mit hier als Titel „Blau“ noch besser gefallen hätte, und dachte schon mit leichter Befürchtung: nun ist es auserzählt. Ich las per Zufall (ich weiß nicht mehr wo) eine Rezension zum dritten Teil des Klimaquartetts und erfuhr von einer Pferdegeschichte. Da ich Pferde zwar interessant und schön finde, mehr aber auch nicht, wollte ich die Lektüre hintenanstellen. Dann aber fand ich über den Hörverlag die Besetzungsliste des Hörbuchs – und ließ mir die Lunde vorlesen. Zum Glück.

Maja Lunde schreibt in bewährter Manier über das große Ganze, alles bedingt alles, Menschen, Tiere, die Natur sowieso. Diesmal sind es wieder drei Geschichten, die sich über die seltenen Przewalski-Pferde verknüpfen. Ich hätte es wissen müssen: Natürlich geht es keinesfalls nur um die Pferde, immer auch um kaputte Beziehungen der Protagonisten untereinander, hier stärker noch als in den anderen Klima-Romanen, und die Suche nach der eigenen Positionierung, die als lebenslanges Projekt meist ohne Happy End gezeichnet wird. Besonders interessant ist die Rückkehr von Louise aus der Wasser-Geschichte, die 2064 aus Zufall an eine Familie gerät, die die wohl letzten Przewalski-Pferde hält.

In dieser apokalyptischen Zeit kämpfen Eva und und ihre heranwachsende Tochter Isa auf einer zerstörten Welt ums Überleben. Isa will weiterziehen, Eva nicht, auch wenn es sicher klug wäre, aus dem Dunstkeis des unweit entfernt lebenden Vaters von Isa zu verschwinden, jenes Mannes also, bei dem Eva nur noch eine dunkle Ahnung hat, warum sie mit ihm ein Kind gezeugt hat. Überhaupt Männer – mit dem Kapitel hat sie abgeschlossen, anders als ihre Tochter. Nein, es sind die Tiere auf dem Hof der Familie, für die sich die Mutter verantwortlich fühlt. Wenigstens sie sollen überleben.

Der Bericht einer Expedition ist der zentrale Handlungsstrang aus den Jahren 1881 bis 1890. Michail ist Zoodirektor in St. Petersburg und steht familiär unter Druck: Seine mit ihm allein lebende Mutter, die er abgöttisch liebt, wünscht sich endlich eine Ehepartnerin für ihren Sohn, Michael aber macht keine Anstalten. Dass er für eine Expedition mit Herrn Wolff in die Mongolei reisen würde, stand eigentlich nicht auf dem Plan, für Michail aber wird es eine Flucht vor der Mutter und vor Russland, die zu den Pferden führt, aber auch zu Wolff, in den er sich verliebt. Diese Liebe wird bei Realisierung des gemeinsamen Ziels und in der Wildnis funktionieren, zuhause dann nicht mehr. Dramatisch zeichnet Lunde die Jagd auf die Fohlen, das Sterben vieler Tiere auf der Reise nach St-Petersburg und – die einseitige Veränderung der Liebe. Wolff geht seines Weges, Michail erfüllt den Wunsche seiner Mutter und die Anforderungen der Gesellschaft. Seine Geschichte ist eine Geschichte des persönlichen Scheiterns.

Wie stark die Liebe zu einer Mutter sein kann, zeigt sich auf der Handlungsebene der Tierärztin Karin, die mit ihrem drogenabhängigen Sohn knapp hundert Jahre später in die Mongolei reist, um hier Pferde, die nur noch in Gefangenschaft leben, wieder auszuwildern. Ja, Karin weiß, dass sie Mathias nie eine gute Mutter war. Vielleicht kann die Expedition ein Anfang sein, vielleicht hat sie sich verändert, vielleicht verändert sich auch Mathias. Doch wirkliche Gefühle kann sie nur den Tieren gegenüber aufbringen. Mathias und Karin werden wieder getrennte Wege gehen, wobei die besondere Tragik in einem weiteren Zeitsprung beschrieben wird: 2019 reist Mathias noch einml in die Mongolei und sieht, wie erfolgreich seine Mutter war.

Wir kennen einander nicht, beeinflussen uns aber und unsere Welt. Die letzten ihrer Art ist zwar eine Dystopie, kann aber Hoffnung machen, da der Überlebenswille der Menschen nicht nur in blanker Panik, sondern in gefühlter Ausweglosigkeit durchaus mit Überlegung, die vielleicht auch aus einem Instinkt kommt, einhergehen kann: Wenn die Welt morgen untergeht, pflanzt immer noch einer ein Apfelbäumchen. Lunde zeigt, wie falsch der Gedanke ist, als Individuum nichts machen zu können. Einzelne erreichen viel. Auch wenn sie es selbst gar nicht wissen, auch wenn sie selbst nur Nanoteilchen eines glücklicheren Ausgangs sind oder in gutem Willen gemachte Fehler ausmerzen – für die Einzelnen, für alle. Das sind faszinierende Gedanken, wie ich meine.

Die Vorleser von Lundes neuem Buch gehen unaufgeregt und sachlich mit dem Text um, sie lesen allesamt so, als würden sie uns Reportagen vorlesen, was aber zu dieser teils dokumentarisch angelegten Geschichte so wunderbar passt. Besonders natürlich zum Bericht von Michail, der auch ausdrücklich als „Bericht“ dargestellt wird, den er abschließend noch einmal reflektiert, hier gelesen von Thomas Loibl. Meike Droste gibt Eva ihre Stimme, Isa ist Susanne Schroeder, Katja Bürkl Louise. Karins Geschichte stellt Beate Himmelstoß dar, kurz vor Ende des Buches ist Thomas M. Meinhardt als Mathias zu hören. Überhaupt eine tolle Leitung und hier die unbedingte Hörempfehlung.

Die letzten ihrer Art von Maja Lunde ist 2019 als Hörbuch im Hörverlag erschienen. Laut Verlag ist die Ausgabe lediglich „leicht gekürzt“. Übersetzt hat den Roman wieder die fleißige Ursel Allenstein.

Nur noch Staub und Wüste

Ich hätte noch ewig weiterhören können. Aber dann – plötzlich nach acht Stunden und zehn Minuten – war Die Geschichte des Wassers vorbei. Den Text von Maja Lunde haben Christiane Blumhoff und Shenja Lacher abwechselnd gelesen. Sehr atmosphärisch, sehr nahegehend, was sowohl am Buch als auch an den Vorlesern liegt.

Im zweiten Teil ihres Umwelt-Quartetts hat Lunde sich also das Wasser vorgenommen, den Klimawandel, der voranschreitet und uns alle austrocknet. Die Meldungen der Lokalblätter haben es längst wie Spatzen von den Dächern gepfiffen: Geht sparsam mit Wasser um! Immer häufiger haben die Wasserwerke arge Probleme, die Bevölkerung zu versorgen. Und wieder schafft es Lunde, dass Leser sich intensiver und weit über die Handlung des Buches hinaus mit dem Thema beschäftigen, auch wenn es selbstverständlich und vielleicht sogar zu selbstverständlich ist: Wasser ist doch da, immer. Von wegen!

Lunde erzählt diesmal in zwei Zeitebenen. Die kratzbürstige Signe ist fast 70, war die meiste Zeit ihres Lebens Umweltaktivistin, blieb immer am Ball: die ewige Kämpferin. Anders als Magnus, den sie liebte, der sie liebte, von dem sie ein Kind erwartete. Er lässt sich von den Konzernen, die seine Umwelt zerstören, einlullen – die Beziehung zerbricht, was Signe eigentlich nie verkraftet, er aber auch nicht, wie sich am Ende zeigen wird. Doch das weiß sie noch nicht: Signe steigt in ihr Boot und segelt mit dem „letzten Eis“ der zerstörten Gletscher an die französische Küste. Hier lebt Magnus heute – wohl im feinsten Wohlstand und mit seiner dicklichen Frau und den Kindern. Und sie sind glücklich in ihrem sicheren Lebenund erinnern sich an die schönen Momente.

Die gibt es über 40 Jahre später gar nicht mehr. Südeuropa ist ausgetrocknet, die Menschen flüchten in den Norden. So wie David und seine Tochter Lou, die auf der Flucht ihre Mutter und den kleinen Sohn Auguste verloren haben. Die verzweifelte Suche erinnert an die Fluchtgeschichten von heute, an die Umstände im Lager, was den Roman noch einmal beklemmender macht. Auch David ist kein wirklicher Held: Er ist beherrscht, wenn es um seine Tochter geht, unbeherrscht, wenn es um Zuneigung zu einer anderen Frau als seiner Frau geht. Ohnehin ist alles Verzweiflung: die Antworten der Hilfsdienste, die Wassertanks, die immer leerer werden, die Ziellosigkeit: das Leben ist wüst und leer.

Grandios gelingt die Beschreibung eines verletzten alten Mannes, der von David endlich zur Behandlung geleitet wird. Den Verband, der die Wunde schützen sollte, holt er sich aus dem Müll zurück: Stoff kann Wasser aufsaugen, Wasser ist Leben.

Naürlich verbindet das Wasser die beiden Ebenen, aber auch das Boot, mit dem Signe nach Frankreich segelt und das David und Lou finden sollen. Auch hier beeindruckt Lunde wieder mit den unglaublich intensiv geschilderten Beziehungen zwischen den Protagonisten: Auch wenn Signe vielleicht wirklich etwas verbissen ist, kann man sich gut in sie hineinfühlen. Weil Lunde sie in Rückblenden ihre ganze Geschichte erzählt lässt, die Kindheit, die Beziehung zur profitgierigen Mutter und dem sensiblen Vater, der die Natur bewahren will, die wachsende Fremdheit gegenüber dem Establishment, die sie nie ablegt, sich vielmehr wundert, worüber heutige Jugendliche so sprechen: über Computerspiele und die guten Noten in der Schule, Nichtigkeiten aus ihrer Sicht. Dabei stirbt doch unsere Welt, wie können sie nur?

Auch wenn ich es in einigen Rezensionen anders gelesen habe: Ich bin der Meinung, dass Die Geschichte des Wassers das richtige Buch zur richtigen Zeit ist. Mir gefällt der Roman genau so gut wie Die Geschichte der Bienen. Ich hätte es allerdings noch etwas schöner gefunden, wenn die Übersetzung des Titels weniger marktgerecht eins zu eins „Blau“ gewesen wäre. So heißt nämlich das Boot, das die Zeitebenen miteinander verbindet. Und so erscheint uns oft das an sich farblose Wasser des Meeres.

Maja Lunde, Die Geschichte des Wassers, aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein, gelesen von Christiane Blumhoff und Shenja Lacher, erschienen 2018 im Hörverlag