Ein Jahrhundertleben

Er dürfte einer der letzten Ritchie Boys sein, einer jener jungen jüdischen Männer aus Deutschland, die im Camp Ritchie in Maryland ausgebildet wurden, um Kriegsgefangene zu verhören: Guy Stern, geboren am 14. Januar 1922 als Günther Stern in Hildesheim, aufgewachsen dort und in Vlotho, dann – weil die Nazis immer bedrohlicher wurden – emigriert in die USA. Seine Familie sah er nie wieder, alle wurden ermordet.

Die Geschichte seines atemberaubenden Lebens hat Stern, der heute in Detroit lebt, immer wieder erzählt, hat in öffentlichen Lesungen (eine habe ich 2016 in Petershagen erleben dürfen) aus seinen Manuskripten vorgelesen, hat Bilder gezeigt. Über Hildesheim hat er berichtet, über frühe Freunde, von denen einige später Feinde waren, über Vlotho, dem Geburtsort seiner Mutter. Jetzt zum hundertsten Geburtstag ist im Aufbau-Verlag seine Autobiografie erschienen: Wir sind nur noch wenige. Erinnerungen eines hundertjährigen Ritchie Boys.

Stern schreibt keinen Roman, er schreibt Geschichte, ist immer mittendrin, kein Satz ist erfunden, keine Begegnung fiktiv: mit Thomas Mann und dessen Tochter Erika, mit der Brecht-Sängerin Lotte Lenya oder mit der „lebenden Legende“ Marlene Dietrich. Und überhaupt prägen Begegnungen, oft zufällige, dieses lange Leben, nicht nur mit Berühmtheiten.

Immer boshafter traten die Nazis auf, ein uniformierter SS-Mann schlug den Vater zusammen, der in Hildesheim nur über die Straße gegangen war und einen Brief in den Briefkasten einwerfen wollte. Ein Polizist half ihm nach Hause, sagte dann, er werde nach Erstattung der Anzeige „selbstverständlich aussagen“, befinde sich aber gerade in einer „finanziellen Notlage“ und bat den Vater um Geld. Tage später kamen die Nazischergen in die Wohnung: „Ihr jüdischen Schweine habt Anklage gegen einen meiner Männer erhoben.“ Der mit Nachdruck erhobenen Forderung, diese Anzeige zurückziehen, folgt die Mutter nicht. Und „zum ersten Mal in unserem Leben sahen wir unseren Vater, der normalerweise nicht aus der Ruhe zu bringen war, hemmungslos weinen“, schreibt Guy Stern in seinen Erinnerungen: „Meine Eltern wussten, dass die Zeit zum Handeln gekommen war. Lange hatten sie nicht wahrhaben wollen, wie ernst die Lage war.“

Eine Organisation aus St. Louis sorgte 1937 für die Ausreise: 1.000 Kinder wollten sie herüberholen, 1.200 wurden es – Günther war dabei und lebte fortan bei seinem Onkel. Der „Übermut eines Jugendlichen“ ließ ihn die seltenen Kontakte zu seiner Familie ertragen, sagte er mal zu mir. Und im Buch klingt das so: „Als ich mich von meinen Eltern, meinem Bruder und meiner Schwester verabschiedete, dachte ich, dass wir bald wieder vereint sein würden, und das milderte die Trauer über den Abschied. Ich sah niemanden aus meiner Familie je wieder.“

Unterdessen wurde Günther Stern in den Staaten zu einem „gesunden, unbefangenen amerikanischen Jugendlichen.“ Aus Günther wurde Guy, weil eine Klassenkameradin den alten Namen als Zungenbrecher abtat: „Der Name blieb in der Schule an mir haften“, schreibt er, auch als er sich freiwillig zum Kriegsdienst meldete: „Ich behielt ihn bei, als ich während der militärischen Grundausbildung in Camp Berkley, Texas, US-Bürger wurde. Die Leute sagen, dass er irgendwie zu mir passt, vor allem in Kombination mit meinem einsilbigen Nachnamen.“

Ganz andere Namen sollte er als Ritchie Boy in der Normandie führen: Da wurde er zu Kommissar Krukow, weil die Deutschen eine „Scheißangst vor den Russen“ hatten: „Von den Sowjets gefangen genommen zu werden und in eines ihrer Gefangenenlager geschickt zu werden, vielleicht eins in Sibirien – das halten sie für ein schlimmeres Schicksal als den Tod.“ Binnen weniger Sekunden berichtete der Gefangene alles, was er über die Industrieanlagen in seiner Heimatstadt wusste. Es hatte funktioniert: Ritchie Boys wussten nur zu gut, wie die Deutschen ticken.

Und danach? Mit den Erfahrungen aus Deutschland war es für Guy Stern nicht leicht: „Mein eigener Instinkt, eine Laufbahn auf dem Gebiet der Germanistik einzuschlagen, würde unweigerlich meine deutsche Vergangenheit – und sehr tiefe alte Wunden – wieder aufreißen.“ Stern wurde Literaturprofessor, der sich besonders mit der Exilliteratur einen Namen machte. Seine „anfängliche Abneigung gegen alles Deutsche“ sei abgelöst worden durch die Erkenntnis, dass es kurzsichtig sei, ein Pauschalurteil über ein Volk zu fällen. So erfolgreich er im Beruf, so traurig seine erste Ehe. Margith und er wollten Kinder, doch sie erlitt Fehlgeburten, ein Baby starb nach drei Tagen. Auch Mark, der Adoptivsohn, lebt nicht mehr, für Stern nach wie vor ein Trauma.

Dann die Liebe zu Judy, 20 Jahre jünger als er, ganz anders gestrickt als Margith, aber – es funktionierte. „Ich glaube, es war ihr verhasst, eine festgesetzte Zeit einzuhalten. Einmal versäumte sie sogar einen Flug. Das kollidierte mit meiner preußischen Pünktlichkeit.“ Judy starb 2003 an Brustkrebs.

Und nein, eigentlich wollte Guy Stern nie wieder heiraten. Schließlich, bei einem seiner vielen Aufenthalte in Deutschland, traf er Susanna Piontek. „Seit dem ersten Abend in Minden, als mir auffiel, wie klug, witzig, süß und kreativ sie war, hat sie sich nicht verändert. Was ich damals noch nicht wusste, ist, wie liebevoll, fürsorglich und hochsensibel sie ist“, heißt es in den Erinnerungen – was für eine Liebeserklärung. Und Liebe hat logische Folgen: Susanne Piontek, selbst Schriftstellerin, hat sein Buch übersetzt.

Aber noch eine andere Liebe lässt ihn nicht los und könnte Lesende überraschen: Doch die Oberen in den USA waren ihm in den vergangenen Jahren suspekt geworden: „Das autokratische Gehabe der Regierung ließ in mir alte Ängste aus der Nazizeit hochkommen.“ Sein Einbürgerungsantrag wurde bewilligt. Stern hat einen deutschen Pass. „Ich bin“, so schließt dieser Jahrhundertmensch sein lesenswertes Buch, „ohne mich von den Vereinigten Staaten abzuwenden, in Deutschland wieder angekommen.“

Wir sind nur noch wenige. Erinnerungen eines hundertjährigen Ritchie Boys ist 2022 im Aufbau-Verlag erschienen.

Der bessere Tokajer

Nach einem Besuch in Bodenwerder war klar: Ich muss mich nochmal um den Lügenbaron kümmern. Im örtlichen Münchhausen-Museum erwarb ich die wunderbare Ausgabe von Erich Kästner (1899 bis 1974), der Münchhausen für kleine und große Leute aufbereitet hat. Die Geschichten wirken noch immer frisch und witzig – ich habe sie an einem Abend gelesen. Der Züricher Atrium-Verlag hatte wenig an den bekannten Aufmachungen mit den wunderbaren Zeichnungen von Walter Trier (1890 bis 1951) geändert. Die Neuausgabe von Münchhausen erschien 2020, die Erstausgabe 1951.

Stimmt wirklich: Hier wuchs der Lügenbaron auf und kehrte später wieder zurück.

Bevor Kästner mit den bekannten Geschichten beginnt, spricht er vom Baron, der wirklich gelebt hat, was man natürlich anzweifeln darf, weil ja alles in dem Buch gelogen ist – in diesem Fall entspricht das Leben des Lügners jedoch der Wahrheit: Münchhausen wurde 1720 in Bodenwerder geboren, war früh Page, wurde „höfig“, ging als Soldat nach Russland, verkehrte in zaristischen Kreisen, die dann zerbrachen, lernte seine baldige Ehefrau kennen, kam mit ihr zurück nach Bodenwerder und lebte eine bürgerliches Leben. Dass er gerne feierte und erzählte, ist bekannt, wohl auch – wie Nachfahrin Anna von Münchhausen berichtet – um Schwadroneure zum Schweigen zu bringen: Junge Männer prahlen bekanntlich gern, um sich und anderen zu gefallen, was Münchhausen offenbar nervte. Motto: Da setze ich noch einen drauf.

Dass die Geschichte dann über die fast zeitgleich gestorbenen Rudolf Erich Raspe (1736 bis 1794) und Gottfried August Bürger (1747 bis 1794) zur Weltliteratur werden würde, hat er wohl nicht vermutet. Gut für die lesende Menschheit, aber gut auch für Bodenwerder. Die Stadt vermarket den Blaublüter gar pfiffig und das Münchhausenmuseum am Münchhausenplatz erzählt Geschichte und Nachwirkung wirklich schön nach. Die freundliche Museumsleitung presste mir dann noch einen Stempel mit „Original-Unterschrift“ ins Kästner-Buch, draußen liefen gerade Proben für ein Münchhausen-Musical – mehr geht ja wohl nicht.

Und dann die Lektüre – alles bekannte Geschichten wie die Sache mit dem Sumpf, aus dem sich der Herr am eigenen Schopf samt Pferd rettet. Alles wird hier schön und schnell erzählt, so wie es Kinder mögen, so wie ich es mag: Das Pferd etwa, das irgendwo in Russland angepflockt wurde. Nachts kam Tauwetter, am Morgen hing der Gaul am Kirchturm. Oder der Schlittenwolf, der in rasender Fahrt über Münchhausen juchtet, das Pferd im Laufen frisst und – gewissermaßen im fließenden Übergang – in dessen Geschirr weiterreitet. Schön auch die Jagdgeschichten (obwohl ich persönlich nichts von der Jagd halte): der Hase, den Münchhausen nicht treffen konnte, da er viel zu schnell war. Warum? Er hatte oben und unten Läufe. Gut, dass der Baron noch einen Windhund hatte, der eine Wahnsinnsgeschwindigkeit erreichen konnte und damit auch den rasenden Hasen. Überhaupt der Hund: Der lief oft so schnell und lange, dass er sich die Beine weglief. „Während seiner letzten Lebensjahre konnte ich ihn nur noch als Dackel gebrauchen“, lässt Kästner den Baron lügen. Im Buch darf auch der Ritt auf der Kanonenkugel (oder besser der Sprung von der Kugel hin auf die Kugel zurück) nicht fehlen, die Kletterbohne, die bis zum Mond wächst, den der Baron dann auch erklettert oder die Wette mit dem Sultan, eine meiner Lieblingsgeschichten:

Münchhausen verspricht dem Herrscher in Kairo, dass er in sechzig Minuten einen besseren Tokajer aus dem kaiserlichen Keller in Wien beschaffen kann als der, der ihm gerade aufgetischt worden war. Und „wenn ich mein Wort nicht halte, dürfen mir die Kaiserliche Hoheit den Kopf abschlagen lassen.“ Gut, dass Münchhausen einen Schnellläufer kennt, weniger gut, dass der nach der erfolgreichen Visite im Kaiserkeller im tiefsten Tokajerschlummer liegt, gut wiederum, dass Münchhausen auch einen Horcher in Diensten hat, der genau das herausfindet, und gut, dass Münchhausen auch über einen Jäger verfügt, der den Schnellläufer durchs Fernrohr sieht, auf den Baum zielt und mit Blättern für ein Erweckungserlebnis sorgt. Der Läufer legt wieder los, erreicht sein Ziel, der Sultan probiert den Tropfen im Zeitrahmen, ist begeistert, gesteht die verlorene Wette ein und bedeutet Münchhausen, er könne so viel Gold aus der Schatzkammer tragen lassen, wie sein stärkster Mann nur tragen kann. Gut nun, dass der Baron auch einen wirklich sehr starken Mann zur Seite hat.

Diese und andere Geschichten sind natürlich zeitlos wie Swifts Gulliver, an den Kästner gern erinnert und dessen Reisen er Jahre später ebenfalls nacherzählen sollte. Kästners Kinderbücher sind so erfolgreich, weil er die naiv wirkende, dabei aber entlarvende Sicht der Kinder einnimmt. Das funktioniert auch mit dem Münchhausen-Stoff, mit dem er während der Nazijahre eigene Erfahrungen gemacht hatte. Kästner schrieb das Drehbuch für den Ufa-Film mit Hans Albers. Als Autor mit Publikationsverbot, der aber, wie er meinte, „vom Nägelkauen nicht leben“ könne, hatte er eine Sondererlaubnis für diesen Film bekommen und musste ein Pseudonym wählen: Berthold Bürger, ziemlich frei nach dem eingangs genannten Gottfried August Bürger, der die frühere Buchvorlage für die Lügengeschichten des Barons aus Bodenwerder geliefert hatte.

Münchhausen von Erich Kästner ist erstmals 1951 bei Atrium erschienen, meine Ausgabe stammt aus dem Jahr 2020.


Hier im Blog gibt es noch mehr über Münchhausen, was möglicherweise auch an der räumlichen Nähe meinerseits zu Bodenwerder liegt: Anna von Münchhausen schreibt über ihren berühmten Vorfahren.

Der Untergang

Wenn Jaques stirbt, stirbt bald auch die Monarchie. Dabei war Jaques doch nur Personal, mehr noch als alle anderen, ein Anhängsel, mit dem sich der Gutbürger umgibt, ein Anhängsel, dessen Unterkunft tatsächlich nicht ins Herrenhaus integriert ist, sondern dranhängt. Ein Anhängsel, dass immerhin genau so unehrlich war wie die Offiziere und die Möchtegernoffiziere und diejenigen, die hochhalten, dass der Urgroßvater dareinst in der Schlacht von Solferino dem Kaiser das Leben gerettet hatte.

Aber Ehrlichkeit bedeutet lang nicht so viel wie schöner Schein. Schöner Schein ist bei Joseph Roth im Radetzkymarsch das Maß aller Dinge, für die Trottas exemplarisch vollzogen seit jenem Zeitpunkt, als der Selige seine Heldentat vollbrachte. Wie immer wieder die Marschmusik erkling, so hängt das vom Heldenmaler gemalte Bild des Großvaters über allem: über dem Roman, über dem Leben der Trottas, vielleicht auch über der ganzen Monarchie.

Ich denke ja gern in Literatur. Sie umfasst mich oft auch nach der Lektüre und ist bei manchem eine gute Verwandte von Ausstellungen. Schon oft hatte ich mir gewünscht, eine bildhafte Sammlung über die Habsburger Monarchie zu besuchen, einzutauchen in diese kaiserliche und köngliche Doppelmonarchie, der apostolischen Majestät nahezukommen, lieber noch den Soldaten, dem einfachen Volk, habe gewünscht, zu wissen, wie die Verhältnisse waren. Eine solche Ausstellung (die es sicherlich gegeben hat) habe ich nie gefunden, aber eben den Radetzkymarsch. Und der ist so gut, dass er mich zweifeln lässt, ob ich diese imaginäre Gesamtschau wirklich besuchen muss – es gibt sie längst.

Es gibt sie in Form eines Romans, der als sachlicher Bericht daherkommt: Der Erzähler selbst wertet nicht, lässt die Leser werten und schafft es, eine unglaubliche Nähe zu den Figuren herzustellen. Bei den Protagonisten begründet sich diese Nähe nicht unbedingt auf Sympathie, vielleicht begründet sie sich aber (und das ist ja gar nicht so weit davon entfernt) auf Mitleid: Mich macht das Unverständnis betroffen, warum Figuren handeln, wie sie handeln: der junge Trotta völlig ergeben seinem Vater gegenüber, chancenlos, was Emanzipaton betrifft, weil er Angst hat, ihm und dem Kaiserreich nicht zu genügen. Später handelt so Trottas Bediensteter, der sein letztes Geld ausgibt, weil er glaubt, es gehöre zum Dienen dazu. Und das alles festgemacht an den Vorbildern. Kurzum: die Propaganda hat funktioniert.

Also noch einmal der Großvater: Der weist den Kaiser auf das Schussfeld hin, reißt ihn zu Boden, wird selbst an der Schulter getroffen und darf sich – als Dank – Joseph Trotta von Sipolje nennen. Jahre später liest jener Trotta in einem Lehrbuch die heroische Beschreibung seiner Person, die über den Augenblick der Lebensrettung hinausgeht (er habe mit dem Kaiser die feindlichen Truppen zurückgeschlagen) und beschwert sich beim Kultusministerium. Das verweist auf die kindgerechte Darstellung und darauf, dass Trotta bei der Angelegenheit nicht schlecht wegkommt – für mich eine der Schlüsselszenen dieses Buches: lass den Schein doch Schein sein, wir leben alle gut damit.

Also ist es doch so bei den Habsburgern, dass der Anschein zum gesellschaftlichen Spiel gehört, oder zum Ernst der Gesellschaft – er ist allgemeingültig, man lebt ihn, lebt mit ihm, lässt sich von ihm vereinnahmen, lässt sich quälen. Oder richtet sich im schlimmsten Fall zugrunde. Weil Gesellschaft auf der akzeptierten Oberfläche genau so funktioniert, das Individuum aber – und das ist Roths Interesse – daran zugrunde gehen kann. Roth weiß, dass diese Lebensmodelle bald verschwinden, und vielleicht auch, dass diejenigen, die darin groß waren, gar nicht überleben können – sie passen nicht in die neue Zeit.

Davor muss Leutnant Trotta Soldat sein – auf Geheiß seines Vaters, dem der Großvater nach der Lehrbuch-Schmach das Soldatsein verboten hatte. Carl Joseph folgt seinen erotischen Bedürfnissen, schläft mit der verheirateten Frau Slama, die dann im Kindbett stirbt. Er wird ihrem Mann kondolieren – eine peiniche Szene, bei der Slama ihm ein Paket mit Liebesbriefen übereicht, Briefe also, die Carl Joseph selbst geschrieben hatte.

Als Soldat genießt Trotta höchstes Ansehen als Enkel des Großvaters, was allerdings getrübt wird, als man ihn mit der Frau des Regimantsarzt Max Demant sieht. Rittmeister Tattenbach macht sich über die Begegnung lustig, Demant – mittlerweile mit Trotta befreundet – fordert Tattenbach zum Duell, beide Kontrahenten sterben. Trotta – jetzt voller Schuldgefühle und mehr und mehr dem Alkohol verfallen – lässt sich an die russische Grenze versetzen.

Auch dort verläuft sein soldatisches Leben unglücklich: er gibt einen Schießbefehl, als es um Aufstände in einer Borstenfabrik gibt, wird selbst durch eine Kugel getroffen und kommt vor einen Untersuchungsausschuss, der ihn bis zum alternden Kaiser führt. Als der erfährt, Trotta sei der Enkel des Helden von Solferino, vermerkt er zum Fall: günstig erledigen.

Carl Joseph selbst will die Armee dennoch verlassen, hält sich ohnehin häufig in Wien auf, wo er Frau von Taußig trifft und sich gnadenlos verschuldet. Der Geldverleiher fordert das Geld, Trotta – völlig betrunken – geht mit dem Schwert auf den Mann los. Und noch einmal helfen der (noch) lebende Kaiser und der (lange) tote Held von Solferino, angerufen jetzt von Carl Josephs Vater, der seine Wirkichkeit schon immer auf zwei Ebenen gelebt hat: was sein darf und was ist: Die Schulden werden bezahlt.

Carl Joseph hat den Soldatenfrack zulezt abgelegt, dann aber kommt nach Ermordung des Thronfolgers in Sarajevo der Krieg – und Trotta zieht die Uniform fatalerweise wieder an. Seine Geschichte kann jetzt nur tragisch enden.

Mir geht das Bild mit der Ausstellung derweil nicht aus dem Kopf. Die Ausstellung bei Roth ist verstaubt. Und Roth weiß das.

Radetzkymarsch von Joseph Roth ist unter anderem 1981 bei dtv erschienen. Die Erstveröffentlichung war 1932.

Es hört nie auf

Maria und Josef Moosbrugger sind ein schönes Paar. Doch Schönheit ist äußerlich, sie kann die Wirklichkeit überblenden. Und manchen erscheint sie fremdartig, vielleicht macht sie ihnen auch Angst. Die Moosbruggers leben mit ihren vier Kindern am Rand eines österreichischen Bergdorfs und damit abseits in der Welt der Abseitigen. Monika Helfer erzählt die eigene Geschichte in ihrem Roman Die Bagage.

Sie sind diejenigen, die ihr Brot mit niederen Tätigkeiten verdienen, schon der Urgroßvater war „Träger“, derjenige also, der den Bauern die Heuballen in die Scheunen trug. Als Josef nun in den Ersten Weltkrieg ziehen muss, übergibt er die Verantwortung für Maria an den Bürgermeister – das hat man damals so gemacht, und Josef sowieso, der schon deshalb niemanden traut, weil er selbst in dubiose Geschäfte verwickelt ist. Und überhaupt: als Gegenleistung bietet er dem Bürgermeister an, ihm nach dem Krieg die Rechnungsbücher zu frisieren. Nun ja, Josef ist fort und Maria wird schwanger – von wem ist Grete?

Hatte wirklich der Bürgermeister, der ihr gern nahe kam, die Mutter angerührt oder war es der freundliche Georg, Gast aus Hannover? Maria hat die Antwort nie gegeben, der Bürgermeister, der nach dem Krieg kein Bürgermeister mehr war, auch nicht. Doch Maria trinkt eine Flasche Schnaps, als sie erfährt, dass Georg verschwunden ist, sie trinkt Schnaps, der eigentlich dazu gedacht war, Wunden zu desinfizieren.

Für die Dörfler war klar: Der Josef kann es nicht gewesen sein, der war ja im Krieg. Und konnte er bei seinem kurzen Fronturlaub überhaupt ein Kind zeugen? Er hatte anfangs noch beteuert, er freue sich über die Schwangerschaft, doch das Gerede macht auch ihn misstrauisch. Er ignoriert das Kind, wird nie mit Grete sprechen.

Helfer spielt in ihrem Roman mit der Sprachlosigkeit ihrer Figuren. Dinge bleiben unausgesprochen, weil sie nicht sein dürfen oder weil es keine Worte dafür gibt. Gar nicht so viele Worte findet auch der Roman selbst – ganz bewusst und manchmal sogar explizit: „Josef liebte seine Frau“, heißt es etwa, und: „Er hat dieses Wort nie selbst gesagt. Es gab dieses Wort in der Mundart nicht.“ Die Sprache ist einfach wie das Leben und – wie so oft bei wirklich guter Literatur – dadurch tiefsinnig.

Am Roman gefällt mir die Perspektive der Frauen und die Perspektive derer, die Zuhause geblieben sind. Literatur und Film haben eher von den männerdominierten Stahlgewittern in und an den Schützengrāben berichtet. Welches Gepäck – also welche Bagage, um die korrekte Übersetzung aus dem Französischen zu verwenden – die Frauen zu tragen haben, ist nur selten Thema. Heuballen allein waren das nicht.

Grete ist die Mutter der Erzählerin, die den Text an ihre wirkliche Herkunft anlehnt. Was Helfer weiß, weiß sie vor allem durch ihre Tante Käthe. Bei ihr war sie aufgewachsen, nachdem ihre Mutter Grete mit nur 42 Jahren gestorben war. Monika war damals elf.

Die Bagage von Monika Helfer ist 2020 bei Hanser erschienen.

Durch die Nebelfetzen

Die Sprache ist einfach, dabei nicht billig und Klischees bedienend. Sie macht das zugeschneite EIGENTLICH noch einmal auf eine Weise deutlich, die den Lesenden neue Erkenntnisse bringt oder Erkenntnisse, die verschüttet waren, wieder an die Oberfläche holt. Unser Leben ist eine Reise mit allzu viel Gepäck. Vieles braucht es gar nicht, wie Robert Seethaler in Ein ganzes Leben beschreibt, manche Last aber ist da und bleibt. Und du musst Wege finden, damit umzugehen. Ich habe die Geschichte um Andreas Egger mit großem Vergnügen gelesen, das Buch beschäftigt mich auch Monate später noch.

So stelle man sich spaßeshalber vor, ein Reisender kommt in  irgendeiner einsamen Winternacht in das Bergdorf, in dem die Geschichte von Robert Seethaler spielt.

Du schaust den Leuten eben nur vor den Kopf, ist ein ziemlich weiser Spruch, den – zumindest ich – nur aus dem Volksmund kenne. Der Satz gilt natürlich auch für diejenigen, die vielleicht als Käuze verschrien sind, als Eigenbrötler und  unnahbar, die vielleicht durch ihr eigenes Handeln in eine Lebensweise gekommen sind, von der man sich selbst möglicherweise abheben will, die einem auch irgendwie Angst macht, oder die sich – um sich vielleicht selbst zu beruhigen – dazu eignet, kleine Kinder zu erschecken. Nein, das klingt ziemlich gemein. Dabei könnte es sich doch durchaus lohnen, einmal hinter die Äußerlichkeiten eines solchen Lebens zu blicken. So stelle man sich spaßeshalber vor, ein Reisender kommt in  irgendeiner einsamen Winternacht in das Bergdorf, in dem die Geschichte von Robert Seethaler spielt. Die Leute im Dorf erzählen von dem seltsamen Alten in der noch etwas höher liegenden Hütte, der einmal in der Woche hinunter ins Dorf geht, um Zündhölzer und Malerfarbe oder Brot, Zwiebeln und Butter zu besorgen.

Wenn er sich mit den Einkäufen auf seinem selbstgebauten, im Frühling mit kleinen Gummirädern aufgerüsteten Schlitten wieder auf den Heimweg machte, sah er aus den Augenwinkeln, wie sie hinter seinem Rücken die Köpfe zusammensteckten und zu tuscheln begannen.

Egger zieht sich zuletzt in seine Hütte zurück, lebt das dann doch zufriedene Leben eines Ensiedlers und weiß bei einem Ausflug in Gegenden, die er zuvor noch gar nicht kannte, dass es gut ist, wieder zuhause zu sein. Nie wieder konnte er sich einer Frau nähern, auch nicht der neuen Dorfschullehrerin, die zarte Bande knüpfen will: Andreas Egger hat die Einsamkeit gewählt.

Eingerahmt wird Eggers Leben vom Hörnerhannes, den er zu Beginn des Romans aus einer „seltsamen Ahnung“ heraus in seiner Hütte aufgesucht hatte. Dem Alten, so heißt es bei Seethaler,  hockte der Tod bereits hinter der Stirn, Egger will ihn ins Dorf tragen. Der Hörerhannes aber hüpft ihm von der Schulter und verschwindet, noch rufend: „Dem Tod ist noch keiner davongerannt.“ Diese Erkenntnis schließt auch Seethalers Roman – nur Egger blickt der todbringend kalten Frau, die Hörnerhannes einst gesehen haben will, jetzt mit Ruhe entgegen.

Seethalers Buch ist eine Einladung, hinter „die Stirn“ zu blicken, sich nicht auf Vorurteile zu stützen und Menschen eine Chance zu geben. Jedes Leben ist wertvoll, hat gute und schön Momente, mit Sicherheit auch schlimme: der Ziehvater wird gesrtraft und ist auch bei Egger wieder ein Mensch, der beide Söhne durch den Krieg verloren hat. Noch einmal: Jedes Leben ist wertvoll. Auch die vom Hörnerhannes und von Andreas Egger, der in seiner Lebensreise selbst ein Hörnerhannes wird: der Kreis schließt sich. Und wir Leser haben Einblicke in eine Welt, die uns ohne solche Bücher verschlossen bliebe.

Ein ganzes Leben von Robert Seethaler ist  2014 bei Goldmann erschienen. Die Illustration zu diesem Beitrag stammt aus Das Buch der Jahreszeiten, herausgegeben von Dr. Herbert Dubler, erschienen 1927 im Verlag Josef Müller.