So fing es an

Jede Geschichte deutschsprachiger Literatur, die etwas auf sich hält, nennt früh die Merseburger Zaubersprüche. Und das ist in mindestens zweifacher Hinsicht kein Wunder: Die Texte gelten als eines der wenigen frühen Zeugnisse, die einen Bezug zur germanischen Mythologie haben, sind aber im christlichen Umfeld aufgezeichnet. Außerdem liest sich die Entdeckung durch den Historiker Georg Waltz (1813 bis 1886) wie ein Krimi. Hinzu kommt natürlich eine Rezeptionsgeschichte, die besonders in der Literatur sehr faszinierend ist, wie ich finde. Wer sich einen guten Überblick verschaffen will, liest Die Merseburger Zaubersprüche – Eine Einführung von Wolfgang Beck.

Eiris sazun idisi sazunheraduoder.
suma hapt heptidun suma heri lezidun,
sumaclu bodun umbi cuonio uuidi.
insprinc hapt bandun inuar uigandun!

Phol ende Uodan uuorun ziholza.
Du uuart demobalderes uolon sinuuoz birenkict.
thu biguolen sinhtgunt · sunna erasuister,
thu biguolen friia uolla, era suister,
thu biguolen uuodan, sohe uuola conda:
sose benrenki sose bluotrenki,
soselidirenki:
ben zi bena, bluot zi bluoda,
lid zi geliden, sose gelimida sin.

Um was geht es überhaupt?

Der erste Spruch berichtet von geheimnisvollen Frauengestalten (idisi), die an einer Schlacht teilgenommen haben. Eine dieser Frauengruppen – offenbar Göttinnen — fesselt einen Gefangenen (hapt heptidum). Eine zweite Gruppe lähmt die Heere (heri lezidum), die dritte Gruppe trennt die scharfen Fesseln: „Entspringe den Fesseln, entfahre den Feinden.“

Im zweiten Spruch begegnen wir sieben Göttern/Göttinnen: Hier geht es um die Heilung eines Pferdes: Ein Gott namens Phol hatte sich gemeinsam mit Wodan – ebenfalls göttisch – in den Wald begeben. Dort treffen sie auf das Fohlen des Gottes Balder, wobei unklar bleibt, wie sich das Tier verletzen konnte. Zunächst versuchen sich die angerufenen Göttinnen an einer Heilung, hier Sinthgunt, Sunna, Friia und Volla. Erst Wodan aber gelingt das Unmöglich gedachte durch Anwendung der Zauberformel.

Wer hat sie wann und wo aufgeschrieben?

Es ist schon ungewöhnlich: Hat ein Mönch die bislang mündlich überlieferten heidnischen Texte aus der germanischen Götterwelt aufgeschrieben? Genau wissen wir es nicht, wahrscheinlich aber sind die Aufzeichnungen im Kloster Fulda entstanden. Dort war der Codex, in dem die Sprüche später entdeckt wurden, bis 990 eingelagert. Beck vermutet bei der Aufzeichnung die Zeit vor der Mission Bonifatius, die die Christianisierung vorantreiben sollte, also um 750.

Und die Entdeckung …

… liest sich spannend: Historiker Georg Waltz war 1841 auf einer Handschriftenreise durch Sachsen und Thüringen – damals war er Mitarbeiter der Monumenta Germaniae Historica, noch heute das wichtigste Quellwerk zur Geschichte des Deutschen Reichs im Mittelalter. Für diese Arbeit besuchte Waltz zahlreiche Archive und Bibliotheken. In der Domstiftsbibliothek Merseburg suchte er im November jenes Jahres nach einer Handschrift des mittelalterlichen Geschichtsschreibers Lampert von Hersfeld und schlug dabei auch einen unscheinbar wirkenden Codex auf. Im Einband entdecke er die beiden offenbar althochdeutschen Texte. Darüber informierte er dann den Germanisten Jacob Grimm, der – so Beck – „wie kein anderer dazu geeignet und befähigt war, diesen Fund der wissenschaftlichen Öffentlichkeit zu präsentieren.“ Wie wahr!

Jacob Grimms erste Beschäftigung mit den Merseburger Zaubersprüchen ist für die spätere Germanistik bis heute ein Referenzwerk geblieben; vieles, was heute als wissenschaftlich gesichert gelten darf, hatte er schon richtig gesehen.“

Wolfgang Beck bettet die beiden Merseburger Kurztexte in die Bedeutung von Althochdeutschen Zauber- und Segenssprüchen ein, nennt hier noch zahlreiche weitere (und spätere) Beispiele und gibt vor allem auch der Rezeptionsgeschichte Raum: Thomas Mann erfindet in Anlehnung an die Sprüche zwei neue in Doktor Faustus, sie werden in Walter Kempowskis Hundstagen zitiert, in den Gedichten von Robert Gernhardt (Retrospektakel) oder – was mich als Eco-Fan aufhorchen lässt, mich aber keinesfalls wundert, – sie tauchen in Umberto Ecos Der Name der Rose auf: Der Hauptmann der Bogenschützen baut sich vor Adson von Melk auf und ruft: „Sose benrenki, sose bluotrenke.“

Sehenswert sind auch die Darstellungen in der bildlichen Kunst, die 2011 entstandenen Holzschnitte von Klaus-Dieter Urban sind in dem schön aufgemachten Beck-Buch in Hochglanz abgedruckt.

Dass die Zaubersprüche auch in die Musik gefunden haben, wundert nicht. Fast 30 Einspielungen sind aufgelistet, von Ougenweide über In Extremo bis Des Teufels Lockvögel und darüber hinaus.

Und ich?

Sie waren in den siebziger Jahren tatsächlich Unterrichtsthema – und ich weiß nicht, ob es die damaligen Lehrpläne wollten, oder ob es die Begeisterung der (mittlerweile verstorbenen) Deutschlehrerin war: Neben der angestrengten Übersetzung war es ihr vor allem wichtig, dass wir Schüler die Sprüche sprachen. Und dass einer vorlas und alle anderen die Augen geschlossen hielten. „Weil die Wirkung der Sprüche so viel besser erfahrbar ist“, meinte die Lehrerin. Auch wenn ich nicht mit allen literarischen Interpretationen einverstanden war – hier gab ich ihr damals recht. Und wenn ich jetzt darüber nachdenke, weiß ich, woher mein Interesse für gehörte Literatur kommt (zusätzlich zum Vorlesen meiner Eltern).

Dass mich die Einführung in die Merseburger Zaubersprüche, die seit 2006 nach Berlin wieder in Merseburg lagern, ausgerechnet an dieses Kapitel erinnern würde, war mir nicht bewusst, höchstens unterbewusst und hat zur Kaufentscheidung geführt. Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich die Merseburger Zaubersprüche seit Jahrzehnten begleiten und begeistern – auch wegen ihrer Existenz als Fragment, wegen der Möglichkeiten der Interpretation, die sich auch, aber eben nicht nur auf den Text beziehen. Wer hat diese Zeilen aufgeschrieben? Eine Frau? Warum nicht? Ein Mönch? Könnte ich mir gut vorstellen. Beeindruckend aber ist eben auch die Gestalt der Manuskripte, die karolingische Minuskel, Schrift jener Zeit – Beck spricht vom Handschriftenkontext, der seiner Auffassung nach noch nicht ausgeforscht ist. das gilt glücklicherweise für die gesamten Merseburger Zaubersprüche.

Wolfgang Beck unter Mitarbeit von Markus Cottin, Die Merseburger Zaubersprüche, Eine Einführung, Michael Imhof Verlag , Petersberg 2015.

Von Aafjes bis Zapponi

In meinem Beitrag über das neue Münchhausen-Buch von Anna von Münchhausen hatte ich kurz Rein A. Zondergeld und sein Lexikon der phantastischen Literatur erwähnt. Das Buch ist seit meinen Studienjahren ein treuer Begleiter, hat mich also schon bedient, als vom Internet kaum eine Rede war, geschweige denn von Wikipedia. Und ganz ehrlich: Ich nutze es noch immer.

Das im Original bei Suhrkamp schon 1983 erschienene Buch gibt es mittlerweile auch in einer erweiterten Auflage und in einem anderen Verlag, ist aber antiquarisch gut erhältlich. Zeitlos gültig ist das Vorwort mit der besten Definition phantastischer Literatur, in der sich Zondergeld – der darf das! – selbst zitiert:

Was wir als phantastisch bezeichnen, ist nichts weiter als eine bis ins äußerste, d.h. utopische Konsequenz vollzogene Realistik, die das, was wir gemeinhin als realistisch bezeichnen, geradezu phantastisch in seiner Verkürzung erscheinen lässt.

Zondergeld, der sich bewusst vom allgemeingültigen „Riss in der Realität“ abhebt, weiß durchaus, dass er keine endgültige Definition gebastelt hat, und die gibt es meines Erachtens auch bald 40 Jahre später noch nicht. Im Gegenteil: Definitionen sind, wenn man denn aus Spaß an der Freude unbedingt definieren will, schwieriger geworden. Schwieriger (und ich meine hier nicht die Pulp Fiction, deren Problematik in der Auswertung Zondergeld im Vorwort deutlich macht), weil dermaßen viel Müll dazugekommen ist, der eine deutliche qualitative Abgrenzung fordert. Ja, ich weiß, ich bin hier streng, aber die Demand-Books haben in den vergangenen Jahren sicherlich viele Perlen ausgeschüttet, aber leider auch viel Schrott, Und nein : Ich muss und will an dieser Stelle nicht ins Detail gehen, da literarischer Geschmack glücklicherweise grenzenlos ist.

Über die Romantiker wird zu reden sein

Dabei gefällt mir gerade an Zondergeld, dass er durchaus Unterschiede macht, was die literarische Qualität (in seinem Sinn) angeht. Ob ich das teile – egal! Das allgemein hohe Lob auf Achim von Arnim (1781 bis 1831) befremdet ihn, die französischen Surrealisten hätten ihn „geradezu maßlos“ bewundert: Isabella von Ägypten (1812) mit dem Allraune-Motiv gehöre aber wie Die Majoratsherren (1820) zu den bedeutendsten Beispielen romantischen Erzählens. An E.T.A. Hoffmann (1776 bis 1822) hat Zondergeld nichts auszusetzen. Ich auch nicht – und ohnehin: über die Romantiker wird in der Leseschwäche noch zu reden sein.

Sie haben zum Genre Phantastik eine besonders innige Beziehung, wie etwa Anselmus in Der goldneTopf (1814/1819) zeigt. Eben hatte ihn das alte Apfelweib verflucht (er werde in einen Kristall fallen), schon lauern ihm drei goldgrüne Schlangen auf: Die Blauäugige -Serpentina mit Namen – will ihn gar verführen, hypnotisiert ihn. In Der goldne Topf, so lernen wir bei Zondergeld, wird der „Kontrast zwischen alltäglicher Enge und Wunderwelt exemplarisch gestaltet“, der Text, so heißt es weiter, regte später die Archetypenforscher der Jungschen Schule zu tiefsinnigen Interpretationen an.

Also: Das Lexikon ist kein Lexikon im eigentlichen Sinn – mit ausschließlich sachlichen Darstellungen von literarischen Sachverhalten. Es ist ein Stück weit Literaturkritik und dabei gezwungen unvollständig. Da Zondergeld aber alle Autoren, über die er schreibt, auch wirklich gelesen hat, gebührt ihm auch dafür Lob. Der Personenteil startet mit dem Niederländer Bertus Aafjes (1914 bis 1993), dessen subtile Erzählungen zu Unrecht fast vergessen seien. Und er endet mit Bernadino Zapponi (1927 bis 2000), der unter anderem Drehbuchschreiber bei Fellini war, allerdings auch phantastische Erzählungen in seinem Band Global (1967) gesammelt und Poe bearbeitet hat. Kurzum: das Lexikon bietet Lektüre-Anlässe.

Außerdem enthält es einen lesenswerten Sachteil, der Begriffe wie „Böser Blick“ erklärt. Wie der genau aussieht, wird nicht beschrieben, aber Heine soll ihn gehabt haben und Praz. Der Glaube daran sei bis heute in Süd-Italien weit verbreitet. Vom Blick eines solchen Menschen getroffen zu werden, bringe Unglück. Und man könne sich nur durch das Zeigen der Teufelshörner (bei geballter Faust werden Zeigefinger und kleiner Finger vorgestreckt) davor schützen. Okay, das wird reichlich kürzer als bei Wikipedia erklärt, aber schließlich, so sagt Zondergeld, spiele der Böse Blick in der phantastischen Literatur ja auch keine wesentliche Rolle. Die Kunst ist Beschränkung. Genau die ist hier gelungen und macht das Lexikon der phantastischen Literatur zum zeitlosen Schmöker.

Das Lexikon der Phantastischen Literatur von Rein A. Zondergeld ist 1983 bei Suhrkamp erschienen.