Ein Jahrhundertleben

Er dürfte einer der letzten Ritchie Boys sein, einer jener jungen jüdischen Männer aus Deutschland, die im Camp Ritchie in Maryland ausgebildet wurden, um Kriegsgefangene zu verhören: Guy Stern, geboren am 14. Januar 1922 als Günther Stern in Hildesheim, aufgewachsen dort und in Vlotho, dann – weil die Nazis immer bedrohlicher wurden – emigriert in die USA. Seine Familie sah er nie wieder, alle wurden ermordet.

Die Geschichte seines atemberaubenden Lebens hat Stern, der heute in Detroit lebt, immer wieder erzählt, hat in öffentlichen Lesungen (eine habe ich 2016 in Petershagen erleben dürfen) aus seinen Manuskripten vorgelesen, hat Bilder gezeigt. Über Hildesheim hat er berichtet, über frühe Freunde, von denen einige später Feinde waren, über Vlotho, dem Geburtsort seiner Mutter. Jetzt zum hundertsten Geburtstag ist im Aufbau-Verlag seine Autobiografie erschienen: Wir sind nur noch wenige. Erinnerungen eines hundertjährigen Ritchie Boys.

Stern schreibt keinen Roman, er schreibt Geschichte, ist immer mittendrin, kein Satz ist erfunden, keine Begegnung fiktiv: mit Thomas Mann und dessen Tochter Erika, mit der Brecht-Sängerin Lotte Lenya oder mit der „lebenden Legende“ Marlene Dietrich. Und überhaupt prägen Begegnungen, oft zufällige, dieses lange Leben, nicht nur mit Berühmtheiten.

Immer boshafter traten die Nazis auf, ein uniformierter SS-Mann schlug den Vater zusammen, der in Hildesheim nur über die Straße gegangen war und einen Brief in den Briefkasten einwerfen wollte. Ein Polizist half ihm nach Hause, sagte dann, er werde nach Erstattung der Anzeige „selbstverständlich aussagen“, befinde sich aber gerade in einer „finanziellen Notlage“ und bat den Vater um Geld. Tage später kamen die Nazischergen in die Wohnung: „Ihr jüdischen Schweine habt Anklage gegen einen meiner Männer erhoben.“ Der mit Nachdruck erhobenen Forderung, diese Anzeige zurückziehen, folgt die Mutter nicht. Und „zum ersten Mal in unserem Leben sahen wir unseren Vater, der normalerweise nicht aus der Ruhe zu bringen war, hemmungslos weinen“, schreibt Guy Stern in seinen Erinnerungen: „Meine Eltern wussten, dass die Zeit zum Handeln gekommen war. Lange hatten sie nicht wahrhaben wollen, wie ernst die Lage war.“

Eine Organisation aus St. Louis sorgte 1937 für die Ausreise: 1.000 Kinder wollten sie herüberholen, 1.200 wurden es – Günther war dabei und lebte fortan bei seinem Onkel. Der „Übermut eines Jugendlichen“ ließ ihn die seltenen Kontakte zu seiner Familie ertragen, sagte er mal zu mir. Und im Buch klingt das so: „Als ich mich von meinen Eltern, meinem Bruder und meiner Schwester verabschiedete, dachte ich, dass wir bald wieder vereint sein würden, und das milderte die Trauer über den Abschied. Ich sah niemanden aus meiner Familie je wieder.“

Unterdessen wurde Günther Stern in den Staaten zu einem „gesunden, unbefangenen amerikanischen Jugendlichen.“ Aus Günther wurde Guy, weil eine Klassenkameradin den alten Namen als Zungenbrecher abtat: „Der Name blieb in der Schule an mir haften“, schreibt er, auch als er sich freiwillig zum Kriegsdienst meldete: „Ich behielt ihn bei, als ich während der militärischen Grundausbildung in Camp Berkley, Texas, US-Bürger wurde. Die Leute sagen, dass er irgendwie zu mir passt, vor allem in Kombination mit meinem einsilbigen Nachnamen.“

Ganz andere Namen sollte er als Ritchie Boy in der Normandie führen: Da wurde er zu Kommissar Krukow, weil die Deutschen eine „Scheißangst vor den Russen“ hatten: „Von den Sowjets gefangen genommen zu werden und in eines ihrer Gefangenenlager geschickt zu werden, vielleicht eins in Sibirien – das halten sie für ein schlimmeres Schicksal als den Tod.“ Binnen weniger Sekunden berichtete der Gefangene alles, was er über die Industrieanlagen in seiner Heimatstadt wusste. Es hatte funktioniert: Ritchie Boys wussten nur zu gut, wie die Deutschen ticken.

Und danach? Mit den Erfahrungen aus Deutschland war es für Guy Stern nicht leicht: „Mein eigener Instinkt, eine Laufbahn auf dem Gebiet der Germanistik einzuschlagen, würde unweigerlich meine deutsche Vergangenheit – und sehr tiefe alte Wunden – wieder aufreißen.“ Stern wurde Literaturprofessor, der sich besonders mit der Exilliteratur einen Namen machte. Seine „anfängliche Abneigung gegen alles Deutsche“ sei abgelöst worden durch die Erkenntnis, dass es kurzsichtig sei, ein Pauschalurteil über ein Volk zu fällen. So erfolgreich er im Beruf, so traurig seine erste Ehe. Margith und er wollten Kinder, doch sie erlitt Fehlgeburten, ein Baby starb nach drei Tagen. Auch Mark, der Adoptivsohn, lebt nicht mehr, für Stern nach wie vor ein Trauma.

Dann die Liebe zu Judy, 20 Jahre jünger als er, ganz anders gestrickt als Margith, aber – es funktionierte. „Ich glaube, es war ihr verhasst, eine festgesetzte Zeit einzuhalten. Einmal versäumte sie sogar einen Flug. Das kollidierte mit meiner preußischen Pünktlichkeit.“ Judy starb 2003 an Brustkrebs.

Und nein, eigentlich wollte Guy Stern nie wieder heiraten. Schließlich, bei einem seiner vielen Aufenthalte in Deutschland, traf er Susanna Piontek. „Seit dem ersten Abend in Minden, als mir auffiel, wie klug, witzig, süß und kreativ sie war, hat sie sich nicht verändert. Was ich damals noch nicht wusste, ist, wie liebevoll, fürsorglich und hochsensibel sie ist“, heißt es in den Erinnerungen – was für eine Liebeserklärung. Und Liebe hat logische Folgen: Susanne Piontek, selbst Schriftstellerin, hat sein Buch übersetzt.

Aber noch eine andere Liebe lässt ihn nicht los und könnte Lesende überraschen: Doch die Oberen in den USA waren ihm in den vergangenen Jahren suspekt geworden: „Das autokratische Gehabe der Regierung ließ in mir alte Ängste aus der Nazizeit hochkommen.“ Sein Einbürgerungsantrag wurde bewilligt. Stern hat einen deutschen Pass. „Ich bin“, so schließt dieser Jahrhundertmensch sein lesenswertes Buch, „ohne mich von den Vereinigten Staaten abzuwenden, in Deutschland wieder angekommen.“

Wir sind nur noch wenige. Erinnerungen eines hundertjährigen Ritchie Boys ist 2022 im Aufbau-Verlag erschienen.

Rückkehr nach Ystad

Ich war beim Blick auf das Bücherregal neugierig geworden: Funktioniert der Krimi nach 19 Jahren noch? Kann ich mich wieder in Wallander vertiefen? Bin ich wieder ganz drin in der Welt in und um Ystad? Und ich kann sagen: Dreimal ja. Henning Mankell funktioniert noch immer, vielleicht schon ein bisschen mehr als historischer Krimi, als Geschichte ohne Smartphone und modernste Polizeimethoden. Bei Mörder ohne Gesicht sind die Reaktionen auf einen stärker aufflammenden Rechtsextremismus wichtig, den Mankell hier mit „Ausländern“ in Verbindung bringt und einer brennenden Asylbewerberunterkunft. Und mit der staatlichen und bei manchen Menschen ausgeprägten Unfähigkeit, mit dem Anderssein fertig zu werden. Auch der Ermittler hat da so seine Probleme.

Gute und sehr gute Romane muss ich einfach nochmal lesen. Ich hatte Mörder ohne Gesicht 2002 gekauft (laut Notiz auf der Umschlagseite) und weiß noch, dass ich damals völlig geflasht war: So einen Kommissar kannte ich noch nicht. Klar, die „großen Alten“ wie Dupin oder Sherlock Holmes, dann auch neue wie Thomas Lynley, Guido Brunetti oder danach noch Carl Mørck – alle klasse auf ihre Weise, tolle Typen, überzeichnet, gerade bei Arthur Canon Doyle heute fast schon als Karikatur zu lesen, die Jane Marples und Hercule Poirots bei Agatha Christie sowieso. Ich liebe das! Und dann dieser völlig andere Kurt Wallander: Mittvierziger, im privaten Leben ziemlich kaputt, eine Tochter, die ihn selten besucht, die Scheidung von Mona, die ihm in den Knochen sitzt, der Vater, der nie wollte, dass er Polizist wird und ihm das bei jeder Gelegenheit aufs Butterbrot schmiert; der Vater also, der selbst Kunstmaler ist und Landschaftsbilder entweder mit oder ohne Auerhahn malt.

Wallander ist so viel Figur, dass der Fall in den Hintergrund rücken könnte. Dabei ist es nicht der typische Protagonist, mit dem sich Lesende identifizieren können, allerdings derjenige, der in vielen Facetten nachfühlbar ist, weil er selbst an sich zweifelt und mehr als einmal darüber nachdenkt, Wachmann statt Polizist zu sein. Und der (was schwerer wiegt) seinen Umgang mit Frauen überhaupt nicht im Griff hat: Dass er die Staatsanwältin „rumkriegen“ will, lässt mich (eben weil so nah an Wallander) beschämt zurück. Und dann ist da dieser verdammte Alkohol – und das „Glück“, dass er doch Polizist ist und die Kollegen ihn stoppen und laufen lassen.

Aber es gibt die Kriminalgeschichte eben doch: Ein altes einsam lebendes Bauernehepaar wird überfallen. Der Mann stirbt, die Frau kann im Krankenhaus noch „Ausländer“ sagen, die Presse wittert Morgenluft, ein anonymer Anrufer setzt den Kommissar unter Druck, der Mob zündet ein Asylbewerberheim an, ein Somalier stirbt. Wallander selbst zweifelt an der Asylpolitik seines Landes, distanziert sich aber deutlich von den Rechtsextremisten, scheint sensibilisierter denn je. Etwa, wenn er erfährt dass Linda einen schwarzen Freund hat: es ist das Unbekannte, was ihn verstört, vielleicht auch ängstigt. Umso mehr beißt er sich mit seinen Kollegen (auch alles Typen, groß gezeichnet, besonders Rydberg, den er verlieren wird) an dem Fall fest, wobei der Mord am Asylbewerber schnell aufgeklärt wird, nicht aber jener am Ehepaar aus Lenarp. Hier hilft ihm schließlich eine sehr aufmerksame Zeugin und Wallanders typische Beharrlichkeit.

Noch einmal: Ganz besonders hat mich an diesem Roman damals schon und auch heute die Nähe zur Hauptfigur fasziniert. Wenn sich Wallander ein Brot schmiert ist das nicht banal. Und wenn er die Oper liebt, erst recht nicht.

Mörder ohne Gesicht war Auftakt der Wallander-Reihe von Henning Mankell (1948 bis 2015) , erschien 1991 in Schweden, zwei Jahre später deutschsprachig. Über einen ziemlich begeisterten Arbeitskollegen war ich an den Kommissar gekommen, der und dessen Fälle dann so beeindruckt haben, dass ich in kurzer Zeit und als weitere erschienen, alles gelesen habe. Später auch die Nicht-Wallander-Romane.

Mörder ohne Gesicht von Henning Mankell ist bei dtv erschienen, aus dem Schwedischen van Barbara Sirges und Paul Berf, München 2002

Alle geprellt

Wenn sich die Begeisterung für den Journalistenberuf mit Geldgier part, kann das im Ergebnis zum Problem werden. Erst recht, wenn dann noch ein Nazitick dazukommt, der suchtähnliche Drang nach allem fassbaren, was mit dem Dritten Reich in Verbindung gebracht werden kann. In diesem Fall etwa der Besitz einer Yacht von Göring oder – nicht ganz so teuer – sein Marshallstab. Dann gab es die anheizende Mär, Martin Bormann lebe noch. Oben drauf den Druck, auch wirklich Texte und Fotos abliefern zu müssen, um den Ruf als Spürnase zu wahren. So wie früher, als es darum ging, wer B. Traven wirklich war. Das Ergebnis aus diesem gefährlichen Gemisch war die „Entdeckung der Hitler-Tagebücher“.

Von vorne bis hinten ziemlich viel Lüge. Michael Seufert arbeitet einen der größten Presse-Skandale des zwanzigsten Jahrhunderts auf. In seinem Buch bietet er als ehemaliger Stern-Redakteur eine Innenschau.

Eine gute Aufarbeitung der Geschichte aus der zeitlichen, weniger der persönlichen Distanz liefert Michael Seufert, der 1983 ebenfalls Redakteur im Stern-Team war und zahlreiche Protagonisten persönlich kannte und – wie kaum ein anderer – den Flurfunk auswerten kann. Die dramatische Woche, die der Stern dann wenig später für die geprellten Leser protokollierte, lohnt unbedingt die Lektüre (ich bin froh, dass ich die Orginalhefte habe). Dass sich die Kunst über die vermeintliche Forderung, man müsse die Geschichte des Dritten Reichs umschreiben, lustig gemacht hat, liegt mit Schtonk auf der Hand. Lachen hilft. Die Wahrheit ist aber auch nicht ohne, wie Seufert in Der Skandal um die Hitler-Tagebücher zeigt.

Dabei wirkt besonders die Naivität der Beteiligten auch heute noch unglaublich. Genährt wird diese Naivität zum Teil daraus, dass sich mit den Nazis in den achtziger Jahren und auch heute noch ordentlich Kasse machen lässt. Im Bick auf die Geldvermehrung ist es den Verlagsoberen schlicht egal, wie viele Millionen die Beschaffung der Bücher vorab kostet. Schlimmer wiegt noch die völlge Ignoranz journalistischer Sorgfalt, wobei etwa bei Schriftgutachten Fälschungen mit Fälschungen verglichen werden, die Tatsache von Papieraufhellern, die es erst später gab, wegmoderiert oder das Ergebnis des Gutachtens des Bundeskriminalamts nicht abgewartet wurde. Der Druck war einfach zu groß geworden – eine Nazizeitung hatte (wenn auch wenig beachtet) schon den Fund eines Hitler-Tagebuchs gemeldet, ein Revisionist hatte seine Arbeit aufgenommen. Für den Stern war jetzt alles zu spät: Wenn wir es nicht bringen, bringen es die anderen.

Ganz kurz hier zum Ablauf: Der Nazi-Begeisterte Konrad Kujau, talentierer Nachmacher, hatte um 1974 im DDR-Konsumladen eine schwarze Kladde gekauft, schrieb darin als Hitler und prahlte als Konrad Fischer vor dem ebenfalls Nazi-Begeisterten Fritz Stiefel, Militaria-Sammler und Unternehmer aus Hegnach. Der Historiker Eberhard Jäckel bekam das Werk durch Stiefel in die Finger und sprach erhaben von einer Sensation. Stiefel lernte damals auch Stern-Reporter Gerd Heidemann kennen, der durch den Kauf der Göring-Yacht Carin II in finanzielle Schieflage geraten war. Heidemann hoffte, dass ihm Spiegel die Jacht abkauft. Der gönnte sich allerdings nur ein paar günstigere Nazi-Devotinalien und interessierte sich nicht wirklich für das marode Schiff. Immerhin zeigte er Heidemann stolz das erste Hitler-Tagebuch, der ihm dafür eine Million Mark bot. Nicht unbedingt, um den Fund für den Stern zu vermarkten, sondern nur für sich. Heidemann schnüffelte los und machte Kujau ausfinding, stieß auf den Absturzort eines Flugzeugs in Börnersdorf, in dem die Hitler-Tagebücher einst ausgeflogen werden sollten und ging davon aus, dass Kujau in München die Wahrheit gesagt hatte, dass er das Material über seinen Bruder bekomme, der Generalmajor in der Nationalen Volksarmee sei (und nicht, wie in Wirklichkeit Gepäckträger bei der Reichsbahn). Kujau, der eine florierende Fälscher-Wekstatt mit Kunden aus vielen Ländern betrieb, lieferte 60 Bände, seine „Quelle“ gab Heidemann bis zur Veröffentlichung nicht preis, weihte die Verlagsoberen auch erst ein, als der Stern ihn mit der Berichterstattung zum Papst-Attentäter Mehmet Ali Ağca beauftragen wollte. Dazu hatte Heidemann jetzt keine Zeit. Fast zehn Millionen Mark zahlten Bertelsmann und Gruner + Jar für die Beschaffung der Bücher.

Ich habe erst drei Tage vorher erfahren, daß die Dinger im »Stern« erscheinen, und durfte gar nicht mehr nach Hamburg fahren. Heidemann hatte mir das befohlen. Als dort die große Schau lief, war ich in meiner Sammlung. Ich glaube, ich habe die Vitrinen geputzt.

Konrad Kujau (1938 bis 2000), Spiegel, 11, 1984

Der Tagebuch-Skandal hat mich schon seit Erscheinen der Stern-Ausgabe 1983 interessiert. Ich habe das Exemplar damals gekauft und nie entsorgt: als Beispiel für Journalismus, wie er eben nicht sollte. Hier haben wirlich alle redaktionellen Konrollmechanismen versagt. Intransparenz innerhalb eines Verlages und innerhalb einer Redaktion sind fatal. Für Michael Seufert dürfte Der Skandal um die Hitler-Tagebücher auch als Aufarbeitung der eigenen Geschichte von Bedeutung sein. Man mag ihm hier Distanzlosigkeit vorwerfen, schwimmen in der eigenen Suppe und möglicherweise selbst eine Unaufmerksamkeit, den drohenden Kanonenschlag nicht geahnt zu haben (wenn wir schon von Flurfunk sprechen). Ich mache das nicht: Wer könnte schon so authentisch berichten? Seufert beschreibt insbesondere die handelnden Personen und am Ende des Buches auch, was aus ihnen geworden ist und wie sanft manche landeten. Gerd Heidemann gehört zu den „Überlebenden“, seine journalistishe Laufbahn war allerdings nach dem Skandal beendet: Er hatte als Freier zwar noch die eine oder andere Geschichte, kümmert sich ansonsten bis heute um sein Archiv. Wirklich glauben will man ihm nichts mehr.

Der Skandal um die Hitler-Tagebücher ist zuletzt als Taschenbuchausgabe 2011 bei Fischer erschienen, greifbar ist auch auch eine E-Book-Version.


Hier geht es zur Podcast-Serie des Stern, die den Skandal aufarbeitet. Hörenswert! Aktuell entsteht eine TV-Serie. Es bleibt spannend.

Die Trutzburg der Bekloppten

Satire ist heilsam. Leider aber werden diejenigen, die auf neue oder alte Nazis hereinfallen, diesen Roman kaum lesen. Oder sie werden glauben: Das bin ich nicht, das kann mir nicht geschehen. Um der Erkenntnis willen ist Zornfried von Jörg-Uwe Albig aber unbedingt lesenswert. Nicht nur für Journalisten.

Eigentlich hatte das Navi zur Rückkehr geraten. Doch die Geschichte spielt tief im Spessart, spinnt sich um den freien Journalisten Jan Brock, der den Nazis für seine Story hautnah auf die Spur kommen darf (oder vielleicht aus einem inneren Bedürfnis muss): weil er sich zuvor über Storm Linnés Lyrik abfällig geäußert hatte und die „andere Seite“ eine Richtigstellung ermöglichen will: auf dass er „vom Schreiber zum Mann“ wird, wie es später heißt.

Brock trifft auf Möchtegern-Nazis und solche, die erst noch richtige Nazis werden wollen: junge Sturmtruppen, die „SS“ spielen. Der Journalist, dem man anfangs nichts unredliches unterstellen will, erfährt während seiner Vor-Ort-Recherchen, dass hier auf Zornfried alles alt ist: die Bücher, deren Alter wichtiger als der Inhalt ist, und erst recht der Burgherr selbst, der „wie der Insasse eines Altersheims“ aussieht, der von seinem kaum älteren Sekretär Matzek mitgeteilt bekommt, dass es Zeit ist, jetzt ins Bett zu gehen. Albigs Text ist voller Witz, entlarvend und lustig, und als Leser möchte man hoffen, die handelnden Figuren sähen sich selbst handeln: das wäre im besten Fall eine heilende Peinlichkeit, aber wie gesagt: nur im besten Fall.

Dass Albig Spaß am Verfassen der 35 schwülstigen Gedichte hatte, steht außer Frage – nicht zufällig erinnern sie an Stephan George, der Jünger um sich geschart hatte. Namen, Orte, Gelaber – überhaupt erinnert hier vieles: an Theodor Storm etwa, der nichts dafür kann, oder an den schwedischen Naturforscher Carl von Linné, der einst durch Lappland oder Dalarna reiste. Und so kann Storm Linné mit viel Geschichte dichten: die birke ringt sich hoch zum äther, Die kiefer schlägt die äste aus…“ Genug davon!

Zornfried ist nicht nur eine Zeitreise in die Vergangenheit. Was Brock erlebt, ist durchaus real und entspricht in der Darstellung den kruden Gedankenbildern der so genannten Neuen Rechten: Typisch wird Schierlings äußere Abgrenzung vom Nationalsozialismus, als er Brock den Unterschied zwischen Nationalsozialist und deutschnational aufdröselt und deutlich macht, dass Zornfried einst durchaus eine „Gauführerschule“ war. Aber eben als solche „keine Teufelsküche“, vielmehr eine, so wörtlich, Verwaltungsakademie. Es war ja alles so edel…

Die Phrasen sind dermaßen hohl, dass sie an sich leicht durchschaubar wären – nicht aber von den „auf Linie gebrachten“, wozu vor allem der intellektuelle Anstrich beiträgt: Besonders amüsant wird es, wenn Albig drei Frauen beschreibt, die in Spitzenborten an den Kleidern am Kamin stehen. „Was erwarten Sie von diesem Abend“, fragt Brock und bekommt Antwort von der „Schwarzgoldenen“: Ob er den Meister denn überhaupt schon einmal gehört habe? Denn nur dann erfahre man das Leben.

Brocks Kollegin Jenny Zerwein scheint da schon einen Schritt weiter. Während Brock noch den Kopf schüttelt, parliert sie:

Wir sitzen doch letztlich im selben Boot, Herr Kollege, sagte sie und blickte zu mir hoch, mit der koketten Unterwürfigkeit einer englischen Prinzessin. Wir wollen doch beide einfach nur einen Blick auf die andere Seite werfen. Take a walk on the wilde side, sagte sie, zusammen mit unseren Lesern. Die haben schließlich auch ein Recht darauf, oder?

Auch für Brock spitzt sich die Angelegenheit zu. Irgendwann sitzt er dem Dichter wahrhaft gegenüber, es gelingt ihm nicht, die Gedichte – wie anfangs – komisch zu finden. Überhaupt scheint Brock nicht mehr so recht zu wissen, was ihn, was Brock antreibt. Etwa, warum er dem Burgherrn die Pläne der Antifaschisten verrät. „Vielleicht wollte ich ihn aber auch nur locken…“ In der Hoffnung auf Wahrheiten oder der Bestätigung, dass Zornfried nicht die Welt ist.

Das mediale Dilemma bleibt. „Wenn ihr gegen etwas geifert, dann weiß man, dass ich die Sache lohnt“, sagt Künstler Krathmann. Genau darin sonnen sich die unrechten Gestalten in Zornfried. Journalisten aber müssen berichten, im guten Fall aufdecken, sie haben einen Pakt mit der Wahrheit geschlossen, nicht mit dem Teufel.

Sie dürfen sich nur nicht gemein machen, niemals, weder mit einer guten noch mit einer schlechten Sache. Zornfried handelt davon, wo das Gemein machen beginnt.

Zornfried von Jörg-Uwe Albig ist bei Klett-Cotta erschienen, Stuttgart 2019

Die Chiffre der Wendezeit

Auf einen solchen Roman habe ich lange gewartet: Die rechtschaffenen Mörder von Ingo Schulze ist die Chiffre der Wendezeit. Gehört hatte ich den neuen Schulze bei „Am Morgen vorgelesen“ im NDR, die Lesung von Sylvester Groth und Victoria Trauttmannsdorf habe ich mir dann noch einmal „in Ruhe“ gegönnt. Klasse.

Die Frage, wie jemand zum Nazi werden kann, interessiert mich schon lange. Und ich bin immer wieder enttäuscht, wenn Menschen aus meinem Umfeld und Lebenslauf auf die rechte Spur geraten. Wie kann das sein? Wie kann ein denkender Mensch überhaupt noch solche ausgrenzenden und undemokratischen Gedankenbilder haben?

Rechtsextremisten, das sind Leute, die das Anderssein verteufeln, die aber letztlich – davon bin ich überzeugt – eine subtile Angst haben, die in Wirklichkeit gar keine Angst ist. Was macht an Kopftüchern Angst? Warum macht eine andere Sprache Angst? Wieso macht es Angst, wenn in irgendeiner bundesdeutschen Stadt eine Moschee steht? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich viele Moslems kenne, von denen alles andere als Gewalt ausgeht. Und von den Christen, die ich kenne, auch nicht. Schlechte Menschen gibt es überall.

Wahrscheinlich haben Rechte selbst eine schwierige Kindheit gehabt, Verluste erlebt wie Norbert Paulini, um den es in Schulzes Roman geht. Vielleicht haben sie sich nicht akzeptiert gefühlt, fanden keine Anknüpfungspunkte für einen gutes Leben, fanden keine wirklichen Vorbilder oder gute Muster. Und ich frage noch einmal: Wie kann ein Büchermensch (das sind Menschen, die ich normalerweise toll finde) zum Nazi werden? Und wie besagter Norbert Paulini? „Im Dresdner Stadtteil Blasewitz lebte einst ein Antiquar, der wegen seiner Bücher, seiner Kenntnisse und seiner geringen Neigung, sich von den Erwartungen seiner Zeit beeindrucken zu lassen, einen unvergleichlichen Ruf genoss.“

Paulini hatte schon als junger Mensch einen ganz klar gesteckten Berufswunsch: „Ich möchte Leser werden.“ Im Antiquariat kann er das. Bei ihm treffen sich die lesenden und schreibenden Intellektuellen der DDR, sein „Salon Paulini“ wird zur Institution. Nun gut: von den Erwartungen seiner Zeit will er sich nicht beeindrucken lassen, will in Bücherwelten leben. Genau das aber scheint nicht zu funktionieren – die harte Realität greift durch. Paulini verkraftet die Wende nicht: weil seine Bücher plötzlich nichts mehr wert sind und verschachert werden, weil seine Frau ein Stasi-Spitzel war.

Irgendwann hat die Radikalisierung begonnen, tritt nach außen, wenn er nur noch deutschsprachige Bücher vorhält. Und in den Konflikten mit der Polizei, die ihn befragt, weil sein Sohn auf rechten Demos gesehen wurde. Paulini will in diese Welt nicht passen , schlägt sich als Kassierer im Supermarkt durch, sieht mit an, wie alles absäuft in der Oderflut.

Dass ein gewisser Schultze (mit „t“) über ihn ein Buch schreiben will, verbittet sich Paulini im zweiten Teil des Romans, wobei Schultze zu jenen gehörte, die ihn zu DDR-Zeiten bewundet hatten. Doch jetzt hat die Geschichte mehr als nur eine politische Dimension und die damit verknüpfte Realität des real-sozialistischen Literaturbetriebs: zu viele Gefühle sind im Spiel, es geht um die Liebe, um eine Dreiecksbeziehung, in die auch Schultze verstrickt scheint.

All das arbeitet schließlich die Verlegerin im abschließenden Teil des Romans auf, der aus jetzt dritter Perspektive Paulinis gebrochene Lebensbilanz komplettiert, aber eben auch die wahren Abgründe zeigt, vielleicht auch im ganz wörtlichen Sinn. Doch ist Paulini wirklich ein rechtschaffener Mörder? Die Frage beantwortet sich am Ende selbst.

Die letzten Antworten gibt es dennoch nicht, auch nicht in Die rechtschaffenen Mörder. Dass keiner zum Nazi geboren ist, ist klar, aber dass die Erkenntnis möglich ist, dass Pegida keine Lösung ist, auf jeden Fall auch. Wer die richtigen Bücher gelesen hat, müsste das doch wissen. Und den falschen Büchern misstrauen.

Ingo Schulze, Die rechtschaffenen Mörder, gelesen von Sylvester Groth und Victoria Trauttmannsdorf, erschienen im Argon Hörverlag 2020