Werthers Hoffnung

Manche Bücher sind Lebensbücher: immer wieder hervorgeholt, immer wieder gelesen. Für mich ist das bei Goethes Die Leiden des jungen Werther so. Wahrscheinlich ist es die Form des Briefromans, die Lesenden eine fast beängstigende Nähe zur unglücklichen Hauptfigur vermitteln. Und das funktioniert damals wie heute, auch wenn der literarische Brief im Erscheinungsjahr 1774 schon üblich war.

Es ist doch so: Wer Briefe schreibt, kehrt sein Innerstes nach außen – er schreibt sie zunächst einmal nur für sich, manchmal sogar ohne das Ziel, die Texte dann auch wirklich abzuschicken, oder er schreibt sie für einen Freund. Was Freundschaft für Goethe bedeuten sollte (hier die seines Helden zu einem fiktiven Verleger), erfährt er selbst später bei seiner Beziehung zu Schiller, die – nach Schillers frühem Tod – skurrile Formen annimmt. Dann nämlich, wenn der Geheimrat den Schädel des Verstorbenen bis zur weiteren Beisetzung in Weimar aufbewahrt.

Im Roman geht es zunächst um Wilhelm. Auch ihm gegenüber kann er sich von allem Äußeren befreien, der Werther schreibt so wahr, wie es ihm in diesem Moment möglich ist.

Dem jungen Helden also, juristisch vorgebildet, kommt ein Erbschaftsstreit, den er für seine Mutter in einer namenlosen Stadt beendigen soll, gerade recht. Er kann sich (ziemlich feige übrigens, wie ich finde) aus einer einseitigen Liebschaft lösen. Unweit besagter Stadt liegt der Ort Walheim, den Goethe als Heim der Geschichte gewählt hat und in dem sich der Briefschreiber heimisch fühlt.

Werther nähert sich beobachtend der Szenerie, den Geschwisterkindern, schließlich Lotte, die sich so liebevoll kümmert. Aus dieser Beobachtung heraus ist Werther gerührt, wagt die direkte Begegnung, die schnell zum Zwang wird, glaubend, Lotte erwidere seine Gefühle. Doch Lotte ist mit Albert liiert, dem freundlichen Assessor, den auch der Werther kennenlernt. Werther weiß um die Hoffnungslosigkeit seiner Liebe und lässt sich zur Ablenkung bei einem Gesandten anstellen. Doch der ist ein Bürokrat sondergleichen und komplett verankert in alten Strukturen. Werther kann das nicht ertragen und ergreift erneut die Flucht. Auch die Tätigkeit bei einem Fürsten erfüllt ihn nicht: zu sehr vom Verstand gelenkt sei der Mann (mehr noch als Albert), dabei ganz ohne Gefühle.

Nein, es hilft nur eins: Werther muss Lotte wiedersehen, auch wenn die inzwischen mit Albert verheiratet ist. Dass er als Dritter in die Beziehung grätscht, sorgt bei Spannung unter den Eheleuten: Werther nähert sich Lotte nur noch in Abwesenheit ihres Mannes. Auch ihrer Forderung, er möge sie nun nicht mehr besuchen, kann der Verzweifelte nicht folgen. Als er ihr bei einem der verbotenen Besuche aus den Gesängen Ossians – Klagen an verstorbene Helden – vorliest, überkommen ihn die Gefühle: Er küsst sie, sie weist ihn ab.

Werthers Leben bricht zusammen, die Briefe werden fragmentarisch, Wilhelm ergänzt. Werther hat den Entschluss gefasst, im Jenseits auf Lotte zu warten, besorgt sich die Pistole und setzt seinem Leben ein Ende.

Dass der Roman – heute sagen wir – einen Hype ausgelöst hat, wundert nicht. Die nach außen gekehrten Innenansichten treffen die Gefühlswelten ins Mark, die Lektüre wird zur Psychoanalyse. In der Rezeption ging es dann auch immer wieder um den Werther-Effekt, der sich auf die Übertragung des literarischen ins wirkliche Leben stützt. Für mich ist das Buch auch ein Bild für den Sinn der Literatur und von Büchern schlechthin. Goethe stellt den Text treffend als Begleiter vor:

Und du, gute Seele, die du eben den Drang fühlst wie er, schöpfe Trost aus seinem Leiden, und lass das Büchlein deinen Freund sein, wenn du aus Geschick oder eigener Schuld keinen näheren finden kannst.

Johann Wolfgang Goethe, Werke in sechs Bänden, Insel-Verlag 1965

Ein eiskaltes Buch

Henning Mankell kann mit wenigen Worten eine Atmosphäre schaffen, die Lesende frieren lässt. Bei Hunde von Riga ist das so. Das Meer, in dem der Fischkutter mit seiner dubiosen Besatzung dümpelt, ist kalt. Die Typen in diesem Roman sind kalt. Und nur wenig Wärme strahlt die Frau aus, in die sich Ermittler Kurt Wallander in diesem zweiten Teil der Reihe verliebt: Baipa Liepa.

Der Fall beginnt mit zwei erschossenen Letten, die – fein gekleidet – an die schwedische Küste getrieben werden. Die örtliche Polizei arbeitet zunächst mit dem Kommissariat in Riga zusammen, Major Liepa reist nach Ystad, findet Wallander irgendwie sympathisch, Wallander ihn auch. Für die schwedische Behörde ist der Fall bald abgeschlossen, da Lettland zuständig ist. Liepa reist zurück und – wird ermordet. Den Kollegen in Lettland (vielleicht auch nur einem Kollegen) ist das Anlass genug, Wallander einzuladen – in eine völlig andere Welt. Obwohl das Land schon 1990 seine Unabhängigkeit erklärt hatte, weht der sowjetisch-kalte Wind spürbar. Alles wird und alle werden überwacht, es riecht nach DDR oder besser: nach radikalem Kommunismus. Und so sind auch die Typen gezeichnet, mit denen Wallander vor Ort konfrontiert wird: Den beiden Obristen Murniers und Putnis traut er nicht über den Weg, wobei nur einer – Achtung Spoiler – wirklich böse ist.

Aber das weiß Wallander noch nicht, der hier in Riga heimlich Kontakt zur Witwe Liepas aufnimmt und sich in diese Frau verliebt. Baipa ist aus gutem Grund unterkühlt, darf nicht auffallen, bleibt auf Abstand, wirkt hier – wie in einem Spionagethriller – unnahbar und geheimnisvoll. Dass sie dem Netzwerk der Dissidenten angehört, mag Wallander ahnen, doch rechtzeitig präsentieren die beiden Obristen einen Mörder. Der Kommissar wird zurück nach Schweden beordert, der Fall scheint wieder einmal abgeschlossen – jedenfalls für Ystad.

Doch Baipa nimmt Kontakt auf, Wallander beginnt ein gefährliches Spiel und fährt auf eigene Faust zurück nach Riga. Seinen Vorgesetzten hatte er erzählt, dass er in den Urlaub fährt, in Wahrheit riskiert er sein Leben, was wirklich dramatisch gezeichnet wird.

Erst jetzt erfährt man, wie der totalitäre Staat für diejenigen funktioniert, die sich mit ihm anlegen, und wie es ist, wenn man vor den gehetzten und hetzenden Hunden fliehen muss. Und fast hätten sie Wallander und Liepa hingerichtet (wobei der Kommissar schon mit seinem Leben abgeschlossen hatte). Und diejenigen, die den Staat schützen sollen und damit die Menschen, sind hier die wahren Schlechten.

Grandios beschreibt Mankell etwa das Suchen und Finden der kompromittierenden und von Major Liepa versteckten Papiere im Archiv des Polizeipräsidiums. Das Gebäude ist ein perfides Symbol für das Funktionieren oder Nicht-Funktionieren eines Staates: mit geheimen Gängen, mit Fluren, die identisch aussehen und ins Verderben führen – alles ist Beton, grau in grau, eben kalt.

Erneut hat Mankell mit dem 1992 im Original erschienen Riga-Roman einen Politthriller geschaffen, der die politische Komponente erst auf den zweiten Blick offenbart, dann aber umso stärker. Dass das alles – trotz aller Fiktion – wirklich wahr gewesen sein könnte (und in vielem sicherlich auch wahr ist), ist eine erschreckende Erkenntnis: Mankells Roman ist keine Dystopie, mindestens aber so eisig.

Und dann ist da noch der Ermittler selbst: Die Facetten, die Mankell bereits im ersten Wallander-Roman so eingehend geschildert hatte, werden noch einmal schärfer herausgearbeitet: der müde Mann, der den Polizeialltag satt hat, der Probleme mit der Liebe hat und dem Alkohol. Und mit der Gesundheit: „Kurz nach zwei erwachte Wallander mit einem stechenden Schmerz in der Brust.“ Vom Leben, so sinniert er in kurzen Sätzen weiter, würde nichts übrigbleiben. Und dann baut Mankell diesen Satz, der viel zum Verständnis der Reihe und zum Charakter Kurt Wallander selbst beiträgt: „Aber nach und nach zwang er sich dazu, die Kontrolle über sich wiederzugewinnen.“

Das wird auch für die Handlung von Hunde von Riga wichtig sein.

Hunde von Riga ist 2000 bei dtv erschienen, übersetzt von Barbara Sirges und Paul Berf.


Übrigens: Die Innenansicht eines überwachenden Staates bietet auch Julian Barnes in Der Lärm der Zeit. Kein Krimi, aber die Beschreibung eines Künstlerlebens, in dem die Frage gestellt wird: Wie weit kann ich als Künstler gehen, wenn ich im Land bleiben möchte? Unbedingt lesen!

Rückkehr nach Ystad

Ich war beim Blick auf das Bücherregal neugierig geworden: Funktioniert der Krimi nach 19 Jahren noch? Kann ich mich wieder in Wallander vertiefen? Bin ich wieder ganz drin in der Welt in und um Ystad? Und ich kann sagen: Dreimal ja. Henning Mankell funktioniert noch immer, vielleicht schon ein bisschen mehr als historischer Krimi, als Geschichte ohne Smartphone und modernste Polizeimethoden. Bei Mörder ohne Gesicht sind die Reaktionen auf einen stärker aufflammenden Rechtsextremismus wichtig, den Mankell hier mit „Ausländern“ in Verbindung bringt und einer brennenden Asylbewerberunterkunft. Und mit der staatlichen und bei manchen Menschen ausgeprägten Unfähigkeit, mit dem Anderssein fertig zu werden. Auch der Ermittler hat da so seine Probleme.

Gute und sehr gute Romane muss ich einfach nochmal lesen. Ich hatte Mörder ohne Gesicht 2002 gekauft (laut Notiz auf der Umschlagseite) und weiß noch, dass ich damals völlig geflasht war: So einen Kommissar kannte ich noch nicht. Klar, die „großen Alten“ wie Dupin oder Sherlock Holmes, dann auch neue wie Thomas Lynley, Guido Brunetti oder danach noch Carl Mørck – alle klasse auf ihre Weise, tolle Typen, überzeichnet, gerade bei Arthur Canon Doyle heute fast schon als Karikatur zu lesen, die Jane Marples und Hercule Poirots bei Agatha Christie sowieso. Ich liebe das! Und dann dieser völlig andere Kurt Wallander: Mittvierziger, im privaten Leben ziemlich kaputt, eine Tochter, die ihn selten besucht, die Scheidung von Mona, die ihm in den Knochen sitzt, der Vater, der nie wollte, dass er Polizist wird und ihm das bei jeder Gelegenheit aufs Butterbrot schmiert; der Vater also, der selbst Kunstmaler ist und Landschaftsbilder entweder mit oder ohne Auerhahn malt.

Wallander ist so viel Figur, dass der Fall in den Hintergrund rücken könnte. Dabei ist es nicht der typische Protagonist, mit dem sich Lesende identifizieren können, allerdings derjenige, der in vielen Facetten nachfühlbar ist, weil er selbst an sich zweifelt und mehr als einmal darüber nachdenkt, Wachmann statt Polizist zu sein. Und der (was schwerer wiegt) seinen Umgang mit Frauen überhaupt nicht im Griff hat: Dass er die Staatsanwältin „rumkriegen“ will, lässt mich (eben weil so nah an Wallander) beschämt zurück. Und dann ist da dieser verdammte Alkohol – und das „Glück“, dass er doch Polizist ist und die Kollegen ihn stoppen und laufen lassen.

Aber es gibt die Kriminalgeschichte eben doch: Ein altes einsam lebendes Bauernehepaar wird überfallen. Der Mann stirbt, die Frau kann im Krankenhaus noch „Ausländer“ sagen, die Presse wittert Morgenluft, ein anonymer Anrufer setzt den Kommissar unter Druck, der Mob zündet ein Asylbewerberheim an, ein Somalier stirbt. Wallander selbst zweifelt an der Asylpolitik seines Landes, distanziert sich aber deutlich von den Rechtsextremisten, scheint sensibilisierter denn je. Etwa, wenn er erfährt dass Linda einen schwarzen Freund hat: es ist das Unbekannte, was ihn verstört, vielleicht auch ängstigt. Umso mehr beißt er sich mit seinen Kollegen (auch alles Typen, groß gezeichnet, besonders Rydberg, den er verlieren wird) an dem Fall fest, wobei der Mord am Asylbewerber schnell aufgeklärt wird, nicht aber jener am Ehepaar aus Lenarp. Hier hilft ihm schließlich eine sehr aufmerksame Zeugin und Wallanders typische Beharrlichkeit.

Noch einmal: Ganz besonders hat mich an diesem Roman damals schon und auch heute die Nähe zur Hauptfigur fasziniert. Wenn sich Wallander ein Brot schmiert ist das nicht banal. Und wenn er die Oper liebt, erst recht nicht.

Mörder ohne Gesicht war Auftakt der Wallander-Reihe von Henning Mankell (1948 bis 2015) , erschien 1991 in Schweden, zwei Jahre später deutschsprachig. Über einen ziemlich begeisterten Arbeitskollegen war ich an den Kommissar gekommen, der und dessen Fälle dann so beeindruckt haben, dass ich in kurzer Zeit und als weitere erschienen, alles gelesen habe. Später auch die Nicht-Wallander-Romane.

Mörder ohne Gesicht von Henning Mankell ist bei dtv erschienen, aus dem Schwedischen van Barbara Sirges und Paul Berf, München 2002

Der Untergang

Wenn Jaques stirbt, stirbt bald auch die Monarchie. Dabei war Jaques doch nur Personal, mehr noch als alle anderen, ein Anhängsel, mit dem sich der Gutbürger umgibt, ein Anhängsel, dessen Unterkunft tatsächlich nicht ins Herrenhaus integriert ist, sondern dranhängt. Ein Anhängsel, dass immerhin genau so unehrlich war wie die Offiziere und die Möchtegernoffiziere und diejenigen, die hochhalten, dass der Urgroßvater dareinst in der Schlacht von Solferino dem Kaiser das Leben gerettet hatte.

Aber Ehrlichkeit bedeutet lang nicht so viel wie schöner Schein. Schöner Schein ist bei Joseph Roth im Radetzkymarsch das Maß aller Dinge, für die Trottas exemplarisch vollzogen seit jenem Zeitpunkt, als der Selige seine Heldentat vollbrachte. Wie immer wieder die Marschmusik erkling, so hängt das vom Heldenmaler gemalte Bild des Großvaters über allem: über dem Roman, über dem Leben der Trottas, vielleicht auch über der ganzen Monarchie.

Ich denke ja gern in Literatur. Sie umfasst mich oft auch nach der Lektüre und ist bei manchem eine gute Verwandte von Ausstellungen. Schon oft hatte ich mir gewünscht, eine bildhafte Sammlung über die Habsburger Monarchie zu besuchen, einzutauchen in diese kaiserliche und köngliche Doppelmonarchie, der apostolischen Majestät nahezukommen, lieber noch den Soldaten, dem einfachen Volk, habe gewünscht, zu wissen, wie die Verhältnisse waren. Eine solche Ausstellung (die es sicherlich gegeben hat) habe ich nie gefunden, aber eben den Radetzkymarsch. Und der ist so gut, dass er mich zweifeln lässt, ob ich diese imaginäre Gesamtschau wirklich besuchen muss – es gibt sie längst.

Es gibt sie in Form eines Romans, der als sachlicher Bericht daherkommt: Der Erzähler selbst wertet nicht, lässt die Leser werten und schafft es, eine unglaubliche Nähe zu den Figuren herzustellen. Bei den Protagonisten begründet sich diese Nähe nicht unbedingt auf Sympathie, vielleicht begründet sie sich aber (und das ist ja gar nicht so weit davon entfernt) auf Mitleid: Mich macht das Unverständnis betroffen, warum Figuren handeln, wie sie handeln: der junge Trotta völlig ergeben seinem Vater gegenüber, chancenlos, was Emanzipaton betrifft, weil er Angst hat, ihm und dem Kaiserreich nicht zu genügen. Später handelt so Trottas Bediensteter, der sein letztes Geld ausgibt, weil er glaubt, es gehöre zum Dienen dazu. Und das alles festgemacht an den Vorbildern. Kurzum: die Propaganda hat funktioniert.

Also noch einmal der Großvater: Der weist den Kaiser auf das Schussfeld hin, reißt ihn zu Boden, wird selbst an der Schulter getroffen und darf sich – als Dank – Joseph Trotta von Sipolje nennen. Jahre später liest jener Trotta in einem Lehrbuch die heroische Beschreibung seiner Person, die über den Augenblick der Lebensrettung hinausgeht (er habe mit dem Kaiser die feindlichen Truppen zurückgeschlagen) und beschwert sich beim Kultusministerium. Das verweist auf die kindgerechte Darstellung und darauf, dass Trotta bei der Angelegenheit nicht schlecht wegkommt – für mich eine der Schlüsselszenen dieses Buches: lass den Schein doch Schein sein, wir leben alle gut damit.

Also ist es doch so bei den Habsburgern, dass der Anschein zum gesellschaftlichen Spiel gehört, oder zum Ernst der Gesellschaft – er ist allgemeingültig, man lebt ihn, lebt mit ihm, lässt sich von ihm vereinnahmen, lässt sich quälen. Oder richtet sich im schlimmsten Fall zugrunde. Weil Gesellschaft auf der akzeptierten Oberfläche genau so funktioniert, das Individuum aber – und das ist Roths Interesse – daran zugrunde gehen kann. Roth weiß, dass diese Lebensmodelle bald verschwinden, und vielleicht auch, dass diejenigen, die darin groß waren, gar nicht überleben können – sie passen nicht in die neue Zeit.

Davor muss Leutnant Trotta Soldat sein – auf Geheiß seines Vaters, dem der Großvater nach der Lehrbuch-Schmach das Soldatsein verboten hatte. Carl Joseph folgt seinen erotischen Bedürfnissen, schläft mit der verheirateten Frau Slama, die dann im Kindbett stirbt. Er wird ihrem Mann kondolieren – eine peiniche Szene, bei der Slama ihm ein Paket mit Liebesbriefen übereicht, Briefe also, die Carl Joseph selbst geschrieben hatte.

Als Soldat genießt Trotta höchstes Ansehen als Enkel des Großvaters, was allerdings getrübt wird, als man ihn mit der Frau des Regimantsarzt Max Demant sieht. Rittmeister Tattenbach macht sich über die Begegnung lustig, Demant – mittlerweile mit Trotta befreundet – fordert Tattenbach zum Duell, beide Kontrahenten sterben. Trotta – jetzt voller Schuldgefühle und mehr und mehr dem Alkohol verfallen – lässt sich an die russische Grenze versetzen.

Auch dort verläuft sein soldatisches Leben unglücklich: er gibt einen Schießbefehl, als es um Aufstände in einer Borstenfabrik gibt, wird selbst durch eine Kugel getroffen und kommt vor einen Untersuchungsausschuss, der ihn bis zum alternden Kaiser führt. Als der erfährt, Trotta sei der Enkel des Helden von Solferino, vermerkt er zum Fall: günstig erledigen.

Carl Joseph selbst will die Armee dennoch verlassen, hält sich ohnehin häufig in Wien auf, wo er Frau von Taußig trifft und sich gnadenlos verschuldet. Der Geldverleiher fordert das Geld, Trotta – völlig betrunken – geht mit dem Schwert auf den Mann los. Und noch einmal helfen der (noch) lebende Kaiser und der (lange) tote Held von Solferino, angerufen jetzt von Carl Josephs Vater, der seine Wirkichkeit schon immer auf zwei Ebenen gelebt hat: was sein darf und was ist: Die Schulden werden bezahlt.

Carl Joseph hat den Soldatenfrack zulezt abgelegt, dann aber kommt nach Ermordung des Thronfolgers in Sarajevo der Krieg – und Trotta zieht die Uniform fatalerweise wieder an. Seine Geschichte kann jetzt nur tragisch enden.

Mir geht das Bild mit der Ausstellung derweil nicht aus dem Kopf. Die Ausstellung bei Roth ist verstaubt. Und Roth weiß das.

Radetzkymarsch von Joseph Roth ist unter anderem 1981 bei dtv erschienen. Die Erstveröffentlichung war 1932.

Liebe ohne Ende

Amor hat Florentino Ariza mitten ins Herz getroffen. Und die entfachte Liebe ist nicht flüchtig, sie währt ein ganzes Leben lang. Die Liebe in den Zeiten der Cholera von Gabriel José García Márquez ist eine der schönsten Liebesgeschichten, die es in der Literatur gibt. Und mir gefällt, dass der Roman phantastisch endet.

Irgendwie war klar, dass der honorige Arzt Juvenal Urbino sterben muss. Es gab Vorzeichen, darunter den Selbstmord eines Freundes. Und dann stürzt der 81-Jährige am Pfingssonntag 1930 von der Leiter, als er einen Papagei vom Baum holen will. Bei Juvenals Totenfeier, die durch ein schlimmes Unwetter begleitet wird, offenbart Florentino Ariza der Witwe seine Liebe, jener Fermina Daza, die er in seiner Jugend kennengelernt hatte, die er verlassen musste, weil ihr Vater die Verbindung nicht wollte, mit seiner Tochter eine Reise des Vergessens unternahm, weit weg von Florentino Ariza. Der muss später erfahren, dass Fermina Daza den angesehenen Mediziner geheiratet hat, nicht den Leidenschaftlichen also, den Rationalen. Doch egal, was Ariza Zeit seines Lebens auch anstellt, er denkt immer an die scheinbar verlorene Liebe, hofft und hofft, liebt weiter und weiter – während Fermina Daza die Höhen und Tiefen der Ehe erlebt, die fremden Leidenschaften ihres Mannes, das Beisammenbleiben, weil die eigene Leidenschaft irgendwann nicht mehr zählt, weil beide durchs Leben klug geworden sind.

Doch was ist das für eine Klugheit? Ist Fermina Daza wirklich glücklich? Als Mutter, als Dame der Gesellschaft, als Frau an der Seite des Dr. Juvenal Urbino? Und als er stirbt, ist da dieser unverschämte Florentino Arizo, der ihr immer wieder Briefe geschrieben hatte, der sein eigenes Leben mit unzähligen Liebschaften und erotischen Abenteuern geführt hat und – das zum Thema Ansehen – es zum Direktor der karibischen Flussschifffahrtsgesellschaft bringt. Und er schreibt ihr wieder. Und sie treffen sich. Und er fehlt ihr, wenn er krank ist und nicht kommen kann. Bin ich nicht zu alt für die Liebe? Nein, ich bin es nicht. Ferminas Kinder sind entsetzt, doch jetzt will sie sich nicht mehr bevormunden lassen.

Gemeinsam gehen sie auf ein Schiff, dass die Cholera-Flagge hisst, das Zeichen dafür, dass es nicht anlegen kann. Und sie fahren hin und her, für mich ein phantastisches, wenn nicht gar märchenhaftes Ende. Denn wenn sie nicht gestorben sind, fahren sie noch immer.

Der Kapitän sah Fermina Daza an und entdeckte auf ihren Wimpern das erste Glitzern winterlichen Reifs. Dann schaute er Florentino Ariza an, sah seine unerschrockene Liebe und erschrak über den späten Verdacht, dass nicht so sehr der Tod, vielmehr das Leben keine Grenzen kennt. „Und was glauben Sie, wie lange wir dieses Scheiß-Hin-und-Zurück durchhalten können?“ Florentino Ariza war seit dreiundfünfzig Jahre, sieben Monaten und elf Tagen und Nächten auf die Frage vorbereitet: „Das ganze Leben“, sagte er.

Die Liebe in den Zeiten der Cholera, Seite 508f

Liebe mag eine Krankheit sein, Ariza hat sie befallen – doch eine Heilung gibt es nicht. Die Cholera wird vielleicht enden, und vielleicht hat Juvenal Urbino in seinen jungen Jahren forschend dazu beigetragen; Arizas Leidenschaft für Fermina Daza jedoch endet niemals. Der Liebende nimmt dafür alles in Kauf, auch eine zuweilen lächerliche Außenwirkung, auch die Verschmähung durch die Geliebte auf der Totenfeier ihres Mannes, was – bei aller Tragik – eben jene fein-witzige Komponente von Die Liebe in den Zeiten der Cholera ist, eine Komponente, die den Roman meines Erachtens so wunderbar macht.

Wunderbar macht ihn aber auch die Sprache, die bei Márquez wirklich Sogwirkung hat. Da erzählt einer ohne jedes Abgehoben-Sein über lebenslange Liebe, über Sexualität im Alter, über Zweisamkeiten, die sich verändern, sich anpassen, sich abstoßen, sich verbinden. Das alles und dass wir als Setting das Gesellschaftsbild des Postkolonialismus in Kolumbien vermittelt bekommen, macht den Roman nicht nur zum Geschichtenbuch, auch zum Geschichtsbuch.

Die Liebe in den Zeiten der Cholera von Gabriel Garciá Márquez ist 1967 erstmals erschienen, mir liegt die Übersetzung von Dagmar Ploetz vor, Kiepeneheuer & Witsch 1985