Arrogante Härte

Der Schakal ist retro geworden. Und ziemlich analog. Ermittler Claude Lebel verlässt sich schon mal auf das Wählscheibentelefon, um anhand des Rücklaufs der Scheibe die Nummer herauszufinden. Das alles ist wie ein alter Bond. Aber es ist noch mehr.

Ein Thriller ist hochspannend (wenn man wie Frederick Forsyth die Gabe besitzt, hochspannend zu schreiben). Der Schakal steuert in gerader Linie auf den Höhepunkt zu, wobei gerade hier nicht langweilig heißt. Der Reportagestil verleiht dem Text eine nahezu unheimliche Authentizität. Und  manchmal ist die Spannung nur schwer zu ertragen — und bleibt schwer zu ertragen, denn die Erlösung kommt nicht wie bei Fitzek, der dich gern um Wochen nach vorne wirft.  Die Geschichte um den hochdotierten Killer, für den die Auftraggeber schon mal eine Bankraubserie starten müssen, lässt von Anfang an nicht los.

Dabei ist der Ermittler längst kein alles wissender Sherlock Holmes mehr, vielmehr einer, der müde geworden ist. Und der es hinnimmt, wenn man ihn abserviert, aber auch, wenn man ihn aus dem Ruhestand und von der Frau, die nur Vorwürfe macht, wieder zurückholt. Klasse gezeichnet.

Weil ich bei Der Schakal diese Retro-Gefühle habe, mag ich auch den1973-er  Film von Fred Zinnemann lieber, auch wenn der (für meine heutigen Seh- und Hörgewohnheiten) in seiner schauspielerischen Umsetzung etwas gestelzt daherkommt. Nicht wirklich gut ist das Folgende: Die neuere Verfilmung 1997mit Bruce Willis  ist ein reines Action-Spektakel und hat kaum  den Polit-Thriller-Reiz, das ihm die de Gaulle-Thematik geben könnte.

Der reine Text von Forsyth ist mir  immer noch am liebsten, besonders, wenn er von Hannes Jaennicke in der zweiten Hörbuch-Fassung gelesen wird (die erste kenne ich nicht, ist aber wohl nie auf CD erschienen). Jaennickes  schöne Schludrigkeit unterstreicht die Atmosphäre zusätzlich, da es eben noch erschreckender wirkt, wenn das Schludrige etwas so exakt Geplantes beschreibt – sowohl auf Lebels Ermittler-Ebene als auch im Wirken des Schakals selbst. Gegensätze ziehen sich  auch sprachlich an. Ich finde, Jaennicke macht das sehr gut.

Hier sieht wirklich alles so aus, wie in einem Thriller der sechziger Jahre: die Mörder nehmen neue Identitäten an, fälschen ihre Pässe, tragen Perücken, humpeln zum Schein, führen (was Louis de Funes später auf die satirische Spitze treibt) die Polizisten an der Nase herum. Und noch einmal: Klasse gezeichnet. Forsyth hat auf jeden Fall viel für das Genre getan.

Sehr gut wird der Roman für mich ohnehin  erst  durch den historischen Hintergrund, wobei das  Attentat von Petit-Clamart 1962 sicherlich ins französische Kollektiv-Bewusstsein gewandert ist, mich bislang aber nur – wenn überhaupt – am Rand interessiert hatte. Die Organisation de l’armée secrète (OAS), die gewaltbereite Untergrundbewegung, wollte eine Loslösung Frankreichs vom Département Algerien verhindern, sah jedoch die Felle schwimmen, als de Gaulle Verhandlungen mit der algerischen Front de Libération Nationale (FN) führte. Ihr Ziel: de Gaulle muss „unschädlich“ gemacht werden.

Wer über ein Mindestmaß an Kenntnissen französischer Geschichte verfügt, weiß natürlich, dass de Gaulle nicht bei einem Attentat ums Leben gekommen ist und dass der Plan der OAS nicht aufging. Da Der Schakal aber glücklicherweise kein Lehrbuch ist, dürfte  auch der „wissende Leser“ (wenn ihr versteht was ich meine) immer wieder überrascht werden, zumal natürlich reichlich fiktionale Elemente einfließen. Wie viele, gehört zu den Fragen, die sich wahrscheinlich erst am Ende des Romans vollständig geklärt haben.

Was übrigens die Filme nicht schaffen, dafür aber das Buch und das Hörbuch, ist die eindringliche Beschreibung  von „Liebesszenen“, wobei ich hier ganz bewusst Anführungszeichen setze.  Die Grenze zur Lächerlichkeit wird nicht überschritten, wobei ich bei der „arroganten Härte“ doch schmunzeln musste.   Hier fiel dann doch wieder – für einen Augenblick  – eine gewisse Nähe zu 007 auf, wobei ich eher auf die Arroganz abziele, weniger auf die Härte einzelner Körperteile von James.

Einmalig gezeichnet ist natürlich die Kälte, mit der der Schakal seinen Plan verfolgt. Die Baronin, die sein Geheimnis aufdeckt, muss sterben. Und der schwule Freier, dessen Wohnung in Paris er braucht, wird auch das Zeitliche segnen – nicht ohne die vorherige Positionsbeschreibung von Homosexualität in den sechziger Jahren. Da sind dann die Polizisten schon mal so angewidert, dass eine Überprüfung glatt ausgesetzt wird. Nein – schwul kann der Schakal mit Sicherheit nicht sein.  Und der kann sich über die perfekte Tarnung freuen.  Vorerst noch.

Wie wir spätestens seit seiner Biographie wissen, weiß Fredrick Forsyth sehr genau, über was er schreibt. Und damit meine ich nicht die „letzten Momente“ in den Leben seiner (getöteten) Figuren, die dann wie eingefroren wirken. Von 1968 an war er gut 20 Jahre beim MI6 im Einsatz und hat in dieser Zeit auch in der DDR gearbeitet. Auch das reale Leben hat also viel von James Bond. Und all das kann man zwischendurch immer mal wieder gut gebrauchen. Als Leser, nicht im echten Leben natürlich.

Frederick Forsyth, Der Schakal, übersetzt von Tom Knoth, Piper 2003, als Hörbuch gesprochen von Hannes Jaennicke, Der Schakal, Mordskerle Aktion, Random House Audio Book 2006 

Übrigens: Nicht ganz einfach ist es, an das originale Hörbuch zu gelangen – Beispiele (mit nicht so toller Tonqualität) gibt es zwar auf Youtube, ansonsten empfehle ich Ebay oder andere Warenhäuser – ich habe mein Exemplar bei momox.com ergattert.

Paulas Wassermusik

Es wäre leicht, sich den vielfach gelesenen Meinungen zu Into the Water anzuschließen: zu viel Personal, Leser werden überfordert, eine verworrene Geschichte. Vom „Plottsalat“ spricht gar die FAZ, was grundsätzlich erstmal stimmt: Salate schmecken ja oft ziemlich gut. Kurzum: Die Kritik an dem Buch teile ich nicht.

Immer wieder lese ich (auch in der FAZ), dass Into the Water das zweite Buch von Paula Hawkins sei. Auch da wäre ich vorsichtig. Es ist das zweite Buch, dass unter dem richtigen Namen Paula Hawkins erschienen ist, nach dem für mich enttäuschend verfilmten Girl on the Train von 2015.  Als Anna Silver hatte die britische Autorin bereits Romane veröffentlicht. Aber sei`s drum: Into the Water hat ziemlich viele Gewürze, die mir an einem guten Roman gefallen:  gut gezeichnete Figuren, Blicke in die Vergangenheit, phantastische Elemente und eine wirklich schöne Sprache. Letzteres dürfte auch an der hervorragenden deutschen Übersetzung von Christoph Göhler liegen, Cheapau! „Die Männer fesseln sie wieder, diesmal aber anders: den linken Daumen am rechten Zeh, den rechten Daumen an den linken. Das Seil um die Taille. Diesmal wird sie ins Wasser getragen.“

Es kann doch kein Zufall sein, dass sie alle im Drowning Pool ums Leben kommen, einer Biegung des Flusses. Sie sterben seit Jahrhunderten, Libby und all die anderen. Immer Frauen.  Vielleicht kann Nell Abott die Geschichte erhellen, Nell, die sich laut Nickie „mit aller Kraft gewehrt hat“.  Ihr Tod steht am Beginn des Buchs, und doch taucht sie in der weiteren Handlung wieder aus dem Drowning Pool hervor. Hawkins erzählt ihren Roman auf zwei Ebenen, von denen uns eine in Nells Vergangenheit führt, die andere  in die Aufklärung ihres Todes – eine Art Detektivgeschichte, bei der die Ermittlerin schon gar nicht mehr lebt. Ziemlich raffiniert, wie ich finde.

„Es ist ein idyllischer Flecken“, hatte Nell geschrieben. „Doch der Schein kann trügen, denn dies ist ein Ort des Todes. Das Wasser, dunkel und glasig, kaschiert, was in der Tiefe liegt: Schlingpflanzen, die dich umklammern und unter Wasser ziehen, scharfe Felsen, die durch Fleisch schneiden können. Und darüber erhebt sich dunkel die schiefergraue Klippe: eine Mutprobe, eine Provokation.“ 2008 war sie nach Beckford gezogen, schwamm fast jeden Tag im Fluss und war, so schreibt sie in einem „unveröffentlichten Prolog“, vom Drowning Pool fasziniert, für sie ein Ort des Glücks, für andere ein Ort des Schreckens.

Ja, es gibt über zehn Hauptpersonen, viele mit Geheimnissen, die unmittelbar mit den Fällen zu tun haben. Es geht um Lügen und Misshandlungen und – es geht um Hexerei.  Die Lieblingszene meinerseits spielt im Jahr 1679, in dem eine Hexe im Drowning Pool ermordet wird, weil sie nicht an der Oberfläche bleibt. Von einer Probe ist die Rede. Eine Hexe würde überleben. „Sie ist untergegangen“, heißt es dann, und: „Sie ist keine Hexe, sie ist nur ein Kind.“

Into the Water ist ein Buch, auf das sich Leser einlassen müssen. Hawkins hat zwar schnell einen Roman nach Girl on the Train geliefert, schnell lesen lässt es sich meines Erachtens aber nicht. Umso passender der Untertitel: Traue keinem, auch nicht dir selbst. Auch nicht dem eigenen Lesen also – das Unverstehen liegt in der Natur des Buches, es gehört zum Programm, zum Gewollten der Autorin. Vielleicht ist das auch die Botschaft: Lesen wider die Oberflächlichkeit, die uns im Alltag doch so oft nervt (mich jedenfalls). Paula Hawkins liefert nicht weniger als ein Manifest der Aufmerksamkeit. Und deshalb gibt es keine lineare Handlung, deshalb die Erzählebenen, deshalb das Wasser, in dem man untergehen kann (nicht nur als Hexe), in dem man vielleicht wieder ganz neu schwimmen lernen muss. Nein, ein Schnellschuss kann das Buch gar nicht sein.

Into the Water war eine anspruchsvolle Lektüre, ich habe mich gerne darauf eingelassen. Und den Wert erkannt, als ich es ausgelesen und darüber nachgedacht hatte. Wie gesagt: Man sollte sich nicht selbst zu sehr trauen.

Paula Hawkins, Into the Water, Deutsch von Christoph Göhler, Blanvalet, München 2017

Hungrige Bestien

Kaum wabern Rassisten durch die höchsten Sphären der Politik, lese ich Jussi Adler Olsens Verachtung. Einen Krimi also, in dem es um furchterregende Machenschaften furchterregender Rechtsextremer geht. Und somit auch um Euthanasie, der selbstgerechten „Vernichtung unwerten Lebens“.

Adler Olsen hat einen sehr beklemmenden und sehr aktuellen Roman geschrieben.  Neu diesmal ist die enge Verzahnung mit der Wirklichkeit: Ich wüsste nicht, wann Adler Olsen dermaßen nah dran war an unserer Zeit.  Und am Früher.

Langsam hat man sich an die Protagonisten gewöhnt, an den grantigen Carl Mørk, an seinen Assistenten Assad sowieso, auch wenn der in diesem Roman wieder nicht ganz zu packen ist. So ist das halt:  Assad bleibt ein ewiger Running Gag. Nur besser, verflixt irgendwie. Weil du als Leser selbst zum Detektiv wird. Im Fall Assad über alle Romane: Wer ist dieser Typ wirklich? Ich sehe ihn nicht gern in (bisherigen) Verfilmungen dargestellt, zu sehr habe ich mein eigenes Bild im Kopf. Und diesmal wird Assad, den niemand wirklich kennt, noch viel wichtiger, gerade am Ende der Verachtung.

Schillerndste Figur im negativen Sinn ist der Gynäkologe Curt Wad, Arzt, Netzwerker, ultrarechter Geselle. In seinen Seilschaften wird bestimmt, wer des Lebens wert ist und wer nicht. Und wer was an die Öffentlichkeit bringen darf. Ganz gruselig. Olsen beschreibt Wads  Welt auf verschiedenen Zeitebenen, 1985, als Wad Nete Rosen trifft, früher, als sie auf der „Insel der augestoßenen Frauen“ auf Sprogø lebte, und 2010, als Mørks Dezernat in die Recherchen einsteigt und auf Wads Umfeld trifft. Und Wad  lebt,  seine populistische Partei vertritt sein Netzwerk,  er spinnt es weiter, blickt auf sein „Lebenswerk“. Nete bleibt seine Nemesis, sie führt ihren Rachefeldzug. Nicht nur gegen Wad, auch gegen all jene, die sie auf Sprogø gequält haben, jener Insel, auf denen es die Kellerschen Anstalten gab (so hießen sie in Wirklichkeit), in denen „psychisch Kranke“ untergebracht waren, im Sinne einer kruden „Eugenik“ geheilt wurden und wo es Zwangssterilisationen und Kastrationen gab. An den Verantwortlichen und Helfershelfern will sich Nete rächen, sie sind es, die sie „verachtet“. Ungemein fesselnd beschreibt Olsen, wie subtil sie ihren Plan, die Peiniger zu vernichten, in die Tat umsetzt. Aber auch, wie Wad den Plan zu durchschauen scheint – das sind meines Erachtens die spannendsten Momente dieses Buches, das Abarbeiten der Rache.

Olsens Thriller ist mit seinen oft überraschenden Wendungen bis zum Schluss lesenswert. Adler Olsens Sprache ist in den Dialogen zuweilen filmhaft, in den Beschreibungen nüchtern dokumentarisch. Ein schönes Beispiel etwa ist die  Stadt Norrebrø, das Adler Olsen als „Kriegszone“ beschreibt – und er meint einen modernen Krieg, in dem es nicht mehr um Ländergrenzen geht: „Schnell hochgezogene Häuser hatten den Nährboden für jede Menge sozialer Probleme geschaffen, und in deren Folge hatten sich Kriminalität, Gewalt und Hass eingenistet.“ Die Welt hatte sich wieder mal verändert, Adler Olsen versucht Erklärungsmuster zu finden, warum sie so geworden war, so, dass eine Schießerei nur noch Routine ist. Es ist die Welt, in der Nete heute lebt, die Welt, die sie so nicht gewollt hat. Die sie aber besser machen will, die sie gutmachen will.

Dass auch die als Folge dieser Zeiterscheinung zurückgeholte oder besser: aufgeweckte Welt der Rechten bröckelt, mag in Verachtung tröstlich sein, bildlich dargestellt in jenen Szenen,  in denen sich der an sich böse Curt um seine sterbende Frau kümmert. Menschliches blitzt durch, unterschwellig im Angesicht des eigenen Todes. „Im Agenblick bröckelt alles“, schreibt Adler Olsen. „Es kam ihm fast so vor, als schnapppten hungrige Bestien nach seinem Lebenswerk.“ Und zuletzt bist du ganz allein.

Wenn alles untergeht, hilft vielleicht nur die Gerechtigkeit – und zwar im Sinne wahrer menschlicher Werte, die – trotz aller Brüche – Figuren wie Assad und Rose, die Abteilungsleiterin vom Dezernat Q – und eben Carl Mørck verkörpern. Mal schauen, wie deren Leben weitergeht.

Jussi Adler Olsen, Verachtung, aus dem Dänischen von Hannes Thiess, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2012