Die große Entlausung

Konnte ich meinen Augen trauen? Ein neues Buch von Böll, der 1985 gestorben ist: mit Texten, die in dieser Form noch nie (und ich schreibe das jetzt bewusst) zu sehen  waren. Ehrlich gesagt: Ich habe nicht damit gerechnet. Umso schöner, dass ich meine kleine Böll-Sammlung jetzt erweitern durfte. Man möchte manchmal wimmern wie ein Kind  heißt der Band mit den drei Kriegstagebüchern von 1943 bis 45.

Die auch für Heinrich Böll entscheidenden Jahre gibt es aktuell in einer Aufmachung, die  an originale Tagebücher erinnert, fast kladdenhaft, nur edler und nicht zerfleddert. Ganz toll: Die Blätter der Tagebücher werden als Fotoabdruck wiedergegeben, du hast also die originalen Texte vor der Nase, keine geschönten Sätze, nichts geglättet, nichts „richtig“ gemacht oder in der Interpunktion so gesetzt, wie es irgendein Redigierer wollte. Will sagen: Viel originaler geht es  nicht, wenn man nicht gerade die echten Tagebücher in Händen hält.

Kafka wollte, dass alles, was er geschrieben hat, nach seinem Tod vernichtet wird. Max Brodt hat darauf gepfiffen. Bölls Sohn René vermerkt im Vorwort der Tagebücher: „Mein Vater hat einer Veröffentlichung seiner Kriegstagebücher, da sie für ihn ein persönliches Dokument der eigenen Lebensgeschichte waren, nie in Betracht gezogen und insofern auch konsequent in seinem Testament ausgeschlossen.“ Kurz vor seinem Tod habe er die Bücher an seinen Sohn übergeben – und die Auswertung zu wissenschaftlichen Zwecken eingeräumt. Damit habe er es an die Familie delegiert, über die Art und Weise der Auswertung zu bestimmen. Die Nachfahren  hätten  dann lange und reiflich überlegt und seien zu dem Entschluss einer Veröffentlichung gekommen. Zum Glück, mögen Böll-Freunde sagen, auch die, die sich nicht wissenschaftlich mit dem Autor auseinandersetzen.

Bölls Erleben in den Kriegsjahren entspricht dem Muster tausender Soldaten – aber er ist halt Böll. Knapp teilt er dem Tagebuch seine Gedanken mit oder die Befehle, die er ausführen muss: „Abends als Melder zur 2ten Kompanie.“ Knapp ist Böll auch, wenn er von seinen Verwundungen berichtet, den Sanis, der Operation. Und immer wieder taucht Anne-Marie auf, mal mit, mal ohne Bindestrich. „Anne-Marie, Mein Leben!“ Doch dieses Leben ist im Krieg nur ein Traum, weit entfernt. „27.11.43 (…) Die Läuse lassen mich nicht mehr schlafen. Nachmittags große Entlausung (…).“  Böll betet zu Gott, immer wieder und ausdrücklich., hat dauernd Sorgen um Mutter und Anne-Marie. Und dann die Träume – im Januar 1944 im „Lemberg beim Einsatz-Truppenteil. Dann begegnet mir irgendwie und irgendwo Anne-Marie …“  Wenn es ganz hart kommt (und im Krieg kommt es immer hart), schreibt er mit roten Stift: „Kälte, Schmutz, Elend, Hunger, Hunger.“ Und auch hier immer wieder Anne-Marie, manchmal auch die heilige Maria – wen betet Böll hier eigentlich an?Gott gebe, dass ich bald bei dir bin!“ Es ist kein Sterben, das Böll sucht, hier  ist er der Liebe und dem Glauben ganz nah.

Bölls kurze Texte faszinieren mich in ihrer Ehrlichkeit – hier wird nicht gedichtet, hier ist das Geschriebene ganz dicht an den Gedanken. Erlebt und ertragen wird durch das Tagebuch als ständigen Begleiter. Ob Böll durch diese neue Veröffentlichung anders gesehen oder neu bewertet werden muss, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass die Einsichten, die die Familie den Lesern gibt, sehr persönlich und sehr wertvoll sind. Dass die frühen Texte des späteren Nobelpreisträgers Voyeurismus bedienen, lässt sich nicht verleugnen und ist wohl einer der wenigen  Aspekte dieses Buches, der  Lesern  eine Art schlechtes Gewissen beibringen könnte. In der zeitlichen Distanz aber auch einer, der Geschichte authentisch macht. Böll nimmt uns mit in den Schützengraben.  Ich meine aber,  dass der dokumentarische Wert dieser neuen Veröffentlichung  unschätzbar hoch ist.  Wenn der Klappentext von einem Glücksfall spricht, würde ich das unterschreiben.

Ein Glücksfall also. Übrigens auch (wie von Böll ja gewollt) für die Wissenschaft. Die wird sich  über den Anmerkungsapparat freuen, der das Buch abschließt. Zuvor gibt es noch eine Zeittafel mit reichlich Bildmaterial, die Heinrich Bölls Kindheit, Jugend und Leben bis zum Kriegsausbruch beleuchtet, dann die Kriegsjahre in Polen, Deutschland und Frankreich und ganz konkret die Jahre der Kriegstagebücher.

Heinrich Böll, Man möchte manchmal wimmern wie ein Kind, Die Kriegstagebücher 1943 bis 1945, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017

Gelogenes Leben

Zweifelsohne ein gutes, ein sehr gutes Buch. Paulo Coelhos Beschreibung des Lebens der Mata Hari  in Die Spionin macht den Mythos hundert Jahre später zwar nicht kaputt, erhellt aber die mögliche Innenwelt dieser beeindruckenden Persönlichkeit.

Oder sollte man besser im Plural schreiben:  dieser Persönlichkeiten. Denn Mata Hari war ja nicht nur eine einzige Person, sie war das Mädchen Margaretha Zelle aus der holländischen Provinz, sie war eine berühmte Tänzerin aus dem Süden Indiens, sie war eine Edelhure und sie war Doppelagentin. Was auch immer sie war: sie war eine Frau auf der Suche nach Liebe. Das jedenfalls steht am Ende des Romans. Am Anfang steht die Hinrichtung.

Normalerweise verschenke ich keine Bücher, die ich selbst noch nicht gelesen habe. In diesem Fall war das anders. Ich hatte Die Spionin schon an einen lieben Freund verschenkt, weil ich von der Geschichte überzeugt war. Das muss Coelho können, jener Autor, vor dem ich mehr als einmal gewarnt wurde: zu esotherisch, zu viel Bla Bla. Warum eigentlich? Ich konnte das  nicht einmal nach dem Alchimisten bestätigen und auch nicht nach Veronika beschließt zu sterben. Auch diese Bücher habe ich gemocht, Fazit:  Lesende sollten sich ein eigenes Urteil bilden.

Hier lässt Coelho Mata Hari in einem fiktiven Brief aus der Zelle auf ihr Leben zurückblicken: auf die Vergewaltigung durch den Schuldirektor, ihre erste Ehe, den Tod des Kindes, das möglicherweise vergiftet wurde, auf den ersten Paris-Aufenthalt in bitterer Armut, auf Treffen mit den „richtigen Leuten“, den Aufstieg als Tänzerin, die Anwerbung durch  Geheimdienste. Gezeichnet wird ein scheinbares Leben, das Leben einer Frau, die es – so sagt sie bei Coelho selbst – mit der Wahrheit nicht immer sehr genau genommen hat.  Mit Lügen schafft sie es in die höchsten Kreise. Und mit Mata Hari treffen wir Picasso, der sofort mit ihr schlafen will, den sie aber grässlich findet und sich lieber einem anderen Gesprächspartner zuwendet. Paris Anfang des vorigen Jahrhunderts – Paulo Coelho führt glaubhaft in eine Welt, die gar nicht so fern ist.

Und ja, Mata Hari  nimmt Geld als Spionin an – doch was liefert sie dafür? Nichts brauchbares. Doch sie selbst war brauchbar – als Bauernopfer. Das Buhlen um Aufmerksamkeit wird ihr zum Verhängnis. Die guten alten Freunde, sie werden ihr am Ende nicht mehr helfen, nicht helfen wollen, nicht helfen können. All diejenigen, die früher ihre Nähe gesucht haben, kennen sie nun nicht mehr – jedenfalls nicht persönlich. Gesetze funktionieren in den Jahren des Kriegs anders, Moral hat ein eigenes Gesicht. Das werde immer so sein, fürchtet ihr Anwalt, der sie nicht retten konnte, nicht retten wollte, dem sie aber gratuliert, eine solch berühmte Mandantin gehabt zu haben.

Mata Hari hat mit ihrem Leben abgeschlossen – mit der Hinrichtung beginnt der Roman, geschrieben wie ein nüchterner Zeitungsartikel.  Und dies ist der Moment, in dem sie selbst auf der Suche nach Wahrheit ist. Die Augenbinde will sie nicht tragen, sie will sehen, dass sie erschossen wird. „Ich weiß nicht, ob sich in der Zukunft jemand an mich erinnern wird“, schreibt Coelhos Mata Hari, „aber wenn doch, dann möchte ich nicht als Opfer gesehen werden, sondern als eine Frau, die mutig ihren Weg gegangen ist und furchtlos den Preis dafür gezahlt hat.“

Die Zukunft hat sich an Mata Hari erinnert. In diesem Jahr sollen die Akten zugänglich gemacht werden. Hundert Jahre nach dem Todesurteil.

Paulo Coelho, Die Spionin, aus dem Brasilianischen von Maralde Meyer-Minnemann, Zürich 2016

Ich möchte an dieser Stelle auch ausdrücklich das Hörbuch empfehlen, gelesen von Luise Helm und Sven Görtz. Die Atmosphäre des Romans wird stimmig umgesetzt. Ebenfalls bei Diogenes erschienen, 203 Minuten, Regie Vera Teichmann.